Berliner Universitäten : Humboldt – statt Marx oder Engels

Traditionspflege: Wie die Universität Unter den Linden 1949 zu ihrem neuen Namen kam.

Uwe Schlicht

Der 8. Februar 1949 ist ein besonderer Tag in der Berliner Universitätsgeschichte. Paul Wandel, ein Altkommunist, der während des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion junge Kommunisten geschult hatte, vollzog als Leiter der Zentralverwaltung für Volksbildung in der Sowjetischen Besatzungszone den juristisch verbindlichen Akt: Die Friedrich-Wilhelms-Universität wurde in Humboldt-Universität (HU) umbenannt.

Für die Kommunisten war klar, dass die Universität nach 1945 in ihrem Namen nicht mehr den Bezug auf einen Herrscher der Hohenzollern haben sollte. Sie wurde zunächst in Berliner Universität umbenannt. Die Gründung der Freien Universität (FU) im amerikanischen Sektor im Dezember 1948 forderte eine Reaktion des Ostens heraus. Einen Rektorenwechsel Unter den Linden nutzte Paul Wandel, um die Namensänderung zu vollziehen.

Bei einer Festveranstaltung zum 60. Jahrestag der Umbenennung berichtete der FU-Historiker Reimer Hansen, dass die Humboldt-Universität keine offizielle Urkunde über ihre Namensgebung besitze. Lediglich Zeitungsberichte über einen Brief Paul Wandels vom Februar 1949 seien erhalten, wonach die Berliner Universität im Geiste der Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt die Geistes- und Naturwissenschaften pflegen und sich zu Humanität und Völkerverständigung bekennen sollte.

Zwischen der sowjetischen Militäradministration und der deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung unter dem Altkommunisten Paul Wandel habe es erhebliche Meinungsverschiedenheiten über Namen und Begriffe gegeben, sagte Hansen. Wandel sprach von einer „Neueröffnung“ der Berliner Universität. Er habe mit der Vergangenheit brechen wollen und eine „Wiedereröffnung“ angesichts der Belastung aus der Vergangenheit nicht für geboten gehalten.

Bei der Namensgebung hätte Wandel den Klassikern des Marxismus, Karl Marx und Friedrich Engels, Vorrang vor Wilhelm und Alexander von Humboldt gegeben, erklärte Hansen. Die Militäradministration habe es aber anders gesehen, obwohl sie mit dem Ziel übereinstimmte, den Universitätsbetrieb zu sowjetisieren. In Archiven fand Hansen zahlreiche Satzungsentwürfe, in denen über die Begriffe „Neueröffnung“ oder „Wiedereröffnung“ und über die Traditionsnachfolge gestritten wurde.

Die von Paul Wandel schon 1946 gewünschte Definition der „Neueröffnung“ habe sich indes nicht durchsetzen können, betonte Hansen. Bereits im Februar 1947 habe der Berliner Magistrat offiziell von der „Humboldt-Universität“ gesprochen. Dann folgte im März 1947 die Zustimmung des Studentenrats. Erst am 26. Oktober 1948 schloss sich auch der Akademische Senat der Universität diesem Vorschlag an, den Paul Wandel dann am 8. Februar 1949 rechtskräftig umsetzte.

Klaus Schütz, der in den Zeiten der Studentenunruhen an der Freien Universität Regierender Bürgermeister von West-Berlin war, erinnerte in einem Grußwort daran, dass er an der damaligen Berliner Universität Unter den Linden im April 1948 in die Studentenvertretung gewählt worden war. Aber bereits im Mai habe er von diesem Amt aus Protest gegen die von der Zentralverwaltung für Volksbildung durchgesetzte Zwangsexmatrikulation dreier nichtkommunistischer Studenten sein Amt niedergelegt. Klaus Schütz wurde dann einer der Gründungsstudenten der Freien Universität.

Der Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Markschies, nutzte sein Grußwort zu einer Geste an die Adresse der Freien Universität, mit der immer noch ein Streit um die Zuordnung der Nobelpreisträger ausgefochten wird. Markschies sagte, dass die Erinnerung an die Namensgebung „Humboldt-Universität“ in engem Zusammenhang mit der Vertreibung von demokratischen Studenten stehe. Er sei dankbar, dass einige der Gründerstudenten der Freien Universität unter den Gästen der Namensfeier seien. Uwe Schlicht

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben