Berliner Wissenschaft : Am Puls der Charité

Den Bachelor in der Medizin einführen, Leistungsschwache unter Druck setzen: Was die neue Dekanin Annette Grüters-Kieslich vorhat.

Tilmann Warnecke
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Kinderärztin und Hormonspezialistin. Annette Grüters-Kieslich will den Menschen in den Mittelpunkt der Forschung stellen. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Knapp vier Monate amtiert Annette Grüters-Kieslich als Dekanin der Berliner Charité, doch ihr neues Dienstzimmer im Verwaltungsgebäude in Mitte hat sie noch nicht richtig einrichten können. Einige Wände sind kahl, der Schreibtisch soll ausgetauscht werden. Selbst der Talar ihres Vorgängers Martin Paul, der in die Niederlande wechselte, hängt noch an einem Kleiderständer. „Dabei ist mir der Talar viel zu weit. Und ich bin der festen Überzeugung, dass ein Dekan heutzutage keinen Talar mehr braucht“, sagt Grüters-Kieslich.

Die Charité im Umbruch: Der dreiköpfige Vorstand ist vor kurzem ausgetauscht worden. Wie der neue Vorstandsvorsitzende Karl Max Einhäupl amtiert Grüters-Kieslich seit dem Herbst des gerade abgelaufenen Jahres. Mit ihr bestimmt jetzt eine Kinderärztin und Hormonspezialistin über Forschung und Lehre der Charité – und eine Wissenschaftlerin, die auch in Zeiten der Hochleistungsforschung den Menschen im Mittelpunkt der modernen Medizin sehen möchte. „Ich bin Humanmedizinerin, nicht Naturwissenschaftlerin“, sagt sie bestimmt und betont das Wort „human“. Im Gespräch wirkt sie so, wie man sich als Patient einen guten Arzt vorstellt: sachlich, unprätentiös, aber auch zupackend – und gleichzeitig warmherzig. Sie ist erst die dritte Frau, die in Deutschland überhaupt auf den Dekansposten einer Universitätsmedizin berufen wurde.

Die Mittfünfzigerin übernimmt ihr Amt in schweren Zeiten. Die Charité gleicht einem multimorbiden Patienten, den viele Leiden quälen. 2008 ist ein Millionendefizit aufgelaufen, und es heißt, für dieses Jahr sehe es noch schlechter aus. Wie es nach der Auflösung der umstrittenen Kooperation mit dem privaten Klinikkonzern Helios auf dem Campus Buch weitergehen soll, ist längst nicht geregelt. In der Lehre steht ein Mammutprojekt vor der neuen Dekanin: Der bundesweit beachtete Reformstudiengang soll mit dem alten Regelstudiengang fusioniert werden.

An diesem Vormittag sieht Grüters-Kieslich etwas übernächtigt aus. Bis ein Uhr nachts tagten die Professoren am Vortag. Thema: Die sinkenden Zuschüsse des Landes für Forschung und Lehre. 13 Millionen Euro jährlich weniger überweist der Senat der Charité bis 2010. Die Fakultät muss weitere Sparmaßnahmen planen – steigende Kosten machten die bisherige Kalkulation zunichte. Langfristig dürfe der Senat die Mittelkürzungen nicht fortsetzen, sagt die Dekanin. Für die Zeit nach 2010 müsse das Land der Charité „zwanzig bis dreißig Prozent mehr Geld für Forschung und Lehre bereitstellen“.

Der Charité machen Tarifsteigerungen, teure Energie und die Kosten für die Infrastruktur zu schaffen. Unter den Ärzten geht die Angst um, der Vorstand wolle schleichend die exzellenten Forschungsbereiche in Mitte konzentrieren, um teure Doppelstrukturen abzubauen. Die Charité halte an ihren Standorten fest, entgegnet Grüters-Kieslich. Kürzungen würden nach einer Stärken-Schwäche-Analyse erfolgen: „Einschnitte müssen diejenigen fürchten, die nicht leistungsfähig sind.“

Eher vage äußert sich Grüters-Kieslich, wenn es um die Zukunft Buchs geht. „Buch bleibt Forschungscampus“, sagt sie wie Vorstandschef Einhäupl. Wie genau aber die neue „projektbezogene“ Zusammenarbeit mit dem privaten Klinikkonzern Helios aussehen könnte, die Einhäupl nach der Auflösung des alten Vertrags angekündigt hat, würde noch verhandelt. Eile wäre geboten: Der alte Vertrag lief Ende Dezember aus.

Wo will die neue Dekanin mit der Charité hin? Grüters-Kieslich verweist auf die Stärken der Uniklinik in der Forschung: Keine andere in Deutschland werbe mehr Drittmittel ein, bei der Qualität der Publikationen stehe sie gut da. „Das weiter zu verbessern, ist eine große Herausforderung.“ Die Charité müsse noch mehr internationale Jungforscher anziehen – und dabei auch mit Standortvorteilen punkten, die über die Wissenschaft hinausgehen: „Berlin ist eine tolle Stadt. Hier kommen alle gerne hin.“ Sie selbst geht begeistert ins Konzert, in die Oper, ins Theater. Vor kurzem sah sie sich die neue Inszenierung von Christoph Schlingensief an: ein Oratorium, in dem der Regisseur seine Krebs erkrankung verarbeitet. „Wenn ich die kulturellen Angebote in Berlin nicht wahrnehmen würde, könnte ich auch Kinderärztin in Castrop-Rauxel sein.“

Grüters-Kieslich kennt sich aus im Ruhrgebiet. Sie wuchs dort auf, studierte in Bochum, bevor sie nach dem Physikum Mitte der siebziger Jahre an die Freie Universität nach Berlin wechselte. Später forschte sie in Los Angeles, 1998 wurde sie als Professorin an die Charité berufen. Sie beschäftigt sich mit seltenen Entwicklungsstörungen der Bauchspeichel- und der Schilddrüse bei Kindern und mit den Ursachen, die zu Fettleibigkeit bei Jugendlichen führen. Dass sie auch Forschungsthemen bearbeitet, die eine „große gesellschaftliche Relevanz haben“, ist ihr wichtig.

Grüters-Kieslich sorgt sich um ihre Patienten. An Heiligabend verkleidet sie sich als Engel und beschenkt die Kinder, die Weihnachten in der Klinik verbringen müssen. Letztes Jahr ist sie noch am 23. Dezember abends losgelaufen, um einer Dialysepatientin das gewünschte goldene Armband zu kaufen. Einige Kinder und Jugendliche, die unter extrem seltenen Krankheiten leiden, will sie auch jetzt weiter betreuen. „Ich kümmere mich um sie, seitdem sie geboren sind.“

Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit soll die Weiterentwicklung der Lehre sein. Bisher bietet die Charité neben dem Regelstudium ihren bundesweit vorbildhaften Reformstudiengang an. Voraussichtlich ab 2010 sollen die beiden Modelle fusioniert werden. Der Reformstudiengang setzte Maßstäbe, weil die Studierenden hier sofort am Patienten Krankheitsbilder lernen – und nicht wie im konventionellen Studium erst zwei Jahre lang Physik, Chemie, Physiologie und Anatomie theoretisch durchdringen müssen. Grüters-Kieslich will künftig die „sehr gut evaluierten Elemente“ des Reformstudiengangs für alle Studierenden übernehmen und womöglich eine deutschlandweite Premiere wagen: Es sei „vorstellbar“, das Medizinstudium an der Charité in Bachelor und Master zu unterteilen.

Ihre Vorgängerinnen im Amt eines Medizin-Dekans amtierten nicht länger als ein Jahr. Sich als Frau in der Medizin durchzusetzen sei immer noch schwieriger als in anderen Fächern, sagt Grüters-Kieslich. Die Karrierebedingungen für Frauen zu verbessern, sei ihr daher ein Anliegen. Sie ist offensichtlich fest entschlossen, bei weitem länger und nachhaltiger als die Vorgängerinnen zu wirken.

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