Berliner Wissenschaft : Was Zöllners "Kopfgeld" kann

"Geld folgt Student": In Rheinland-Pfalz haben die Hochschulen das für Berlin geplante Finanzierungsmodell schon lange erprobt.

Anja Kühne
Hörsaal
"Kopfgeld". Die Betreuung der Studierenden wird in Berlin kaum besser werden. -Foto: dpa

Als "Kopfgeld" bezeichnet die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus abfällig die Idee des Wissenschaftssenators zu einer neuen Finanzierung der Hochschulen. Jürgen Zöllner will, dass Berlins Hochschulen fortan für jeden Studierenden Geld bekommen - ein Anreiz, die Kapazitäten auszuschöpfen und mehr Studierende aufzunehmen. Bisher bekommen die Hochschulen einen pauschalen Landeszuschuss. Wie hoch er ausfällt, ist von der Zahl der Studienplätze abhängig, die eine Hochschule anbietet - nicht aber davon, ob sie auch besetzt sind. Hier sieht der Senator noch Potenzial. Die Opposition wirft ihm hingegen vor, die Hochschulen müssten bald nur noch auf Masse statt auf Qualität setzen.

Wie hat sich das "Mittelbemessungsmodell", das Jürgen Zöllner 1998 als Wissenschaftsminister in Rheinland-Pfalz einführte, dort ausgewirkt? Zunächst verursachte es ebenfalls Aufregung, erinnert sich Götz Scholz, Kanzler der Universität Mainz. Inzwischen hätten sich die Hochschulen aber beruhigt, selbst wenn das System auch Schwächen habe.

Fast alle Stellen und Personalmittel werden zwischen den Hochschulen in Rheinland-Pfalz nach Leistung verteilt: nämlich 80 Prozent des Landeszuschusses. Berlins Hochschulen hingegen bekommen erst 30 Prozent der Landesmittel nach Leistungskriterien.

Berlin macht sich Sorgen

Von den 80 Prozent, die eine Hochschule in Rheinland-Pfalz nach Leistung zugewiesen bekommt, hängen 40 Prozent von Forschungsleistungen ab, 60 Prozent von der Zahl der Studierenden in der Regelstudienzeit und der Zahl der Absolventen. Die sieben Fachhochschulen und vier Universitäten des Landes stehen dabei anders als in Berlin in Konkurrenz miteinander: Gewinnen FHs Studierende hinzu, während Unis Studierende verlieren, müssen die Unis Stellen an die FHs abgeben.

Denn Zöllners Ziel war es, "gewachsenes Unrecht bei der Zumessung von Ressourcen der Hochschulen zu beseitigen", wie er formulierte. Um die Verluste von weniger erfolgreichen Hochschulen abzufedern, mussten diese jährlich allerdings nur 20 Prozent der nach Leistungskriterien überzähligen Stellen abgeben - zum Nachteil der Gewinner-Hochschulen, die dadurch nicht so viele Stellen hinzugewannen, wie ihnen eigentlich zugestanden hätten, merkt Rudolf Becker, Kanzler der FH Kaiserslautern, an.

Aus Berlin sind Sorgen zu hören, die Hochschulen würden unter dem neuen Modell Fachbereiche belohnen müssen, in die viele Studierende strömen, etwa BWL oder Jura. Weniger populäre Fächer, die aber gleichwohl für das Forschungsprofil eine zentrale Rolle spielen, würden mit einer immer geringeren Personalausstattung auskommen müsse

Unbeliebte Bereiche müssen attraktiver werden

Diese Befürchtung können die rheinland-pfälzischen Hochschulen nicht bestätigen. Denn innerhalb einer Uni muss das Prinzip "Geld folgt den Studierenden" nicht angewandt werden. "Bei uns gab es eine Solidarität mit den Fächern, die für den Stellenschwund verantwortlich waren", sagt Becker. Man habe das Personal in den nicht ausgelasteten technischen Fächern ohnehin nicht einfach entlassen können. Außerdem sei das Ingenieurstudium wieder attraktiver, seit die Wirtschaft eine größere Nachfrage nach Absolventen zeige.

Ähnlich schützte die Uni Trier die kleinen Fächer, die weniger Studierende anziehen, aber für die Forschung in den Kulturwissenschaften eine wichtige Rolle spielen. "Es wäre fatal gewesen, das Modell innerhalb der Uni umzusetzen", sagt Klaus Hembach, Kanzler in Trier.

Von "schmerzhaften Umverteilungseffekten innerhalb der Universität" spricht hingegen Götz Scholz, Kanzler in Mainz. Allerdings hätten die Naturwissenschaften, "die anfangs bluten mussten", ihre Hausaufgaben gemacht. So seien mit Aktionen für Schülerinnen und Schüler neue Studierende gewonnen worden.

Die Anforderungen könnten sinken

Auch begannen Fachbereiche, neue Studienkonzepte zu entwickeln, erzählt FH-Kanzler Becker. Insofern habe Zöllners Modell funktioniert, die Auslastung habe sich verbessert, die Zahl der Studierenden stieg. Doch bezweifelt Becker, dass die Hochschulen nationale Trends mit Werbemaßnahmen auffangen können. Nimmt die Industrie kaum Ingenieure auf, brechen die Studierendenzahlen in diesem Bereich ein - egal wie viele Girls Days eine Hochschule veranstaltet. Trotzdem würden die Hochschulen ihre Massenfächer wegen des Zöllner-Modells nicht immer weiter ausbauen: Schon die fehlenden Räumlichkeiten setzten die Grenze.

Zöllners Kritiker in Berlin befürchten, sein Modell werde zu einer Senkung der Anforderungen führen, weil das System niedrige Abbrecherquoten belohnt. Der Kanzler der Uni Mainz winkt aber ab: Seine Hochschule habe eine Fülle von Maßnahmen zur Qualitätssicherung ergriffen, auch würden die Professoren niemals ihren Kollegen wegen geringer Leistungsanforderungen auffallen wollen. Kanzler Becker der FH Kaiserslautern bedauert deshalb, dass die Absolventenquote in Rheinland-Pfalz immer weniger gewichtet werde.

Vor allem aber fehle dem Land das Geld, um das Modell so umzusetzen, wie es einst geplant war. Die Landesmittel für die Hochschulen seien auf dem Stand von 2006 eingefroren. Da die Zahl der Studierenden an allen Hochschulen angestiegen sei, gebe es zwischen den Hochschulen nicht mehr viel zu verteilen, auch steigende Drittmittel würden nicht mehr belohnt. "Wir hinken hinterher", sagt auch Simone Mertel-Scherer, Kanzlerin der Uni Koblenz-Landau. Der Hochschule stehen nach Leistungskriterien eigentlich zusätzliche Mittel zu - doch das Land hat keine Verteilmasse mehr. "Mit der Deckelung ist das Modell eigentlich tot", erklärt Kanzler Becker.

Fazit: Zöllners Modell könnte auch in Berlin zeitweise zu einer besseren Auslastung auch in höheren Semestern bemühen. Mittelfristig ist der Wettbewerb zwischen den Hochschulen aber nur mit einem steigenden Landeszuschuss möglich.

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