• Berliner Wissenschaftspreis für Nachwuchsforscher: Wie bin ich – und wenn ja, wie lange?

Berliner Wissenschaftspreis für Nachwuchsforscher : Wie bin ich – und wenn ja, wie lange?

Die Berliner Psychologin Jule Specht untersucht, wie sich die Persönlichkeit im Alter abrupt ändern kann.

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Jugendlicher Leichtsinn? Wer dem Fotografen als älterer Gasthörer in der Uni die Zunge zeigt, ist wohl eher „unterkontrolliert“. Das Ergebnis eines jähen Persönlichkeitswandels ab dem 70. Lebensjahr, wie ihn Juniorprofessorin Jule Specht erforscht?
Jugendlicher Leichtsinn? Wer dem Fotografen als älterer Gasthörer in der Uni die Zunge zeigt, ist wohl eher „unterkontrolliert“....Foto: picture alliance / dpa

Ein hartnäckiges Vorurteil lautet: Wer Psychologie studiert, will vor allem mit den eigenen Verrücktheiten ein wenig besser zurechtkommen. Würde diese Absicht Jule Specht bei ihren Forschungsarbeiten leiten, müsste sie allerdings noch etwas Geduld haben. Denn die Juniorprofessorin interessiert sich für die Veränderung von wichtigen Persönlichkeitsmerkmalen im Verlauf des Lebens – mit besonderem Schwerpunkt auf dem höheren Lebensalter. Doch demografischer Wandel hin oder her: Sie selbst ist erst 28 Jahre alt. Was man wiederum kaum für möglich hält, wenn man die beachtliche Liste ihrer Publikationen durchgeht. Am morgigen Dienstag wird der Psychologin im Roten Rathaus der Berliner Wissenschaftspreis für Nachwuchswissenschaftler verliehen, dotiert mit 10 000 Euro. Jule Specht ist Juniorprofessorin an der Freien Universität Berlin und Mitglied der Jungen Akademie, außerdem Research Fellow am Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Jule Specht (28) schreibt über Persönlichkeitsforschung Bücher ("Suche kochenden Betthasen") und einen Blog ("Jule-schreibt.de"), ist Juniorprofessorin an der Freien Universität Berlin, die neue Preisträgerin des Wissenschaftspreises für Nachwuchswissenschaftler - und auch noch Mutter von zwei Grundschulkindern.
Jule Specht (28) schreibt über Persönlichkeitsforschung Bücher ("Suche kochenden Betthasen") und einen Blog ("Jule-schreibt.de"),...Foto: promo

Ab 30 gibt es weniger "unterkontrollierte" Persönlichkeiten

Das Panel ist ein wahrer Datenschatz – auch für Jule Specht. Die repräsentative Wiederholungsbefragung, die seit 1984 läuft, ist die größte multidisziplinäre Langzeitstudie und die mit der längsten Laufzeit. Zusammen mit Maike Luhmann von der Universität Köln und Christian Geiser von der Staatlichen Universität von Utah hat Jule Specht die SOEP-Daten und Daten des australischen HILDA-Surveys (für: Household Income and Labour Dynamics in Australia) genutzt, um herauszufinden, wann und wie sich der Persönlichkeitstyp von Menschen im Verlauf eines langen Lebens verändert.

Die insgesamt 23 000 Studienteilnehmer wurden für die Untersuchung anhand der individuellen Ausprägung der fünf großen Persönlichkeitsmerkmale Emotionale Stabilität, Extraversion oder Introvertiertheit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit für Erfahrungen und Verträglichkeit drei großen Gruppen zugeteilt. Sogenannte „Resiliente“ passen sich den Anforderungen des Lebens gut an, sind leistungs- und widerstandsfähig. „Unterkontrollierte“ agieren eher impulsiv, unangepasst, wenig verträglich und wenig gewissenhaft. „Überkontrollierte“ sind sehr sensibel, introvertiert und vom Urteil anderer abhängig.

Was die Forscher nicht verwunderte: Als die Teilnehmer die 30 erreicht hatten, gab es deutlich weniger „Unterkontrollierte“ unter ihnen als noch wenige Jahre zuvor, in den „wilden Jahren“. Die Rate war von 40 auf 20 Prozent gesunken. Kein Wunder, schließlich zwingen feste Partnerschaft, Beruf und Kinder junge Erwachsene in dieser Lebensphase oft zu einem strukturierteren Leben und zu stärkerer Selbstkontrolle, biologische Prozesse tragen möglicherweise dazu bei.

Ab 70 überraschend große Persönlichkeitsveränderungen

„Spannend ist aber, dass es ab einem Alter von 70 Jahren nochmals große Veränderungen der Persönlichkeit gibt“, sagt Specht. „Es scheint nicht ausschließlich das junge Erwachsenenalter zu sein, in dem sich in dieser Hinsicht viel tut.“ Faszinierend findet die junge Forscherin nicht zuletzt, dass sich keineswegs bei allen Älteren dieselben Veränderungen zeigen. „Das hohe Alter ist deutlich weniger homogen, als man bisher dachte.“ Aus bisher eher ängstlichen Überkontrollierten können also nach einem aufreibenden Berufsleben spontan agierende Ruheständler werden, die von heute auf morgen zu einer großen Reise aufbrechen. Es kann aber auch passieren, dass impulsive, aufbrausende Mütter später höchst gelassene und entspannte Großmütter sind. Ein klassischer Effekt der Entwicklung im hohen Alter, den Specht und andere schon in früheren Untersuchungen fanden: Ältere Personen sind, im Vergleich zu jüngeren, im Schnitt verträglicher, aber weniger offen für neue Erfahrungen.

Warum das so ist, ist keineswegs klar. Studien geben allerdings Hinweise darauf, dass es nicht die Gene sind, die die Persönlichkeiten der Senioren auseinanderdriften lassen. „Auch Krankheiten und Renteneintritt haben wohl nur einen geringen Anteil“, sagt Specht. Die Wandlungen der Persönlichkeit scheinen aber in Zusammenhang zu stehen mit der veränderten Zeitperspektive, mit der drängender werdenden Einsicht, dass das Leben endlich ist und der Tod näher rückt. „Das führt zu einer anderen Bewertung des Lebens.“

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