Beschimpfungen : "Mist, du Schwein!"

Wie die Völker schimpfen: In Deutschland spielt Unreinheit die größte Rolle.

Bart Funnekotter

Ein voller S-Bahnhof, viele Leute. Bei der Rolltreppe gibt’s ein fürchterliches Gedränge. Ein Mann rempelt Sie an und läuft ohne sich zu entschuldigen weiter. Sie sind wütend. Was sagen Sie jetzt? Das hat der Niederländische Forscher Jan Pieter van Oudenhoven 3000 junge Leute aus elf verschiedenen Ländern gefragt. Das Resultat: eine Liste mit 12 000 Schimpfwörtern. Die Analyse dieser Sammlung ist in der Märznummer des „International Journal of Intercultural Relations“ veröffentlicht worden.

Was sofort auffällt: Die deutsche Schimpfkultur unterscheidet sich stark von der der Nachbarländer. Wenn die Deutschen sich mit einer Frau streiten, so zeigt die Untersuchung, nutzen sie am liebsten die Wörter „blöd/dumm“, „Kuh“, „Schlampe“, „Arsch(loch)“ und „Idiot/Depp“. Wenn ein Mann das Ziel ihrer Wut ist, sind die populärsten Wörter „Idiot/Depp“, „Arsch(loch)“, „Blöd(mann)“, „Penner“ und „Wichser“. Alles in allem ist „Arsch(loch)“ das am meisten genutzte Schimpfwort. Es gibt kein anderes europäisches Land wo man so analfixiert ist wie in Deutschland. Auch Wörter wie „Scheiße“ und „Mist“ sind hier sehr populär. Damit übertreffen die Deutschen die Amerikaner, die selbst gerne „asshole“ und „shit“ sagen.

Wie soll man den deutschen Vorzug für Pos und Exkremente erklären? „Das hat vielleicht etwas zu tun mit dem deutschen Fokus auf Reinheit“, sagt Van Oudenhoven. „Der wird zum Beispiel auch in dem Reinheitsgebot zum Ausdruck gebracht. Und man sieht das auch in der Werbung für Waschmittel.“ Dass die Deutschen dazu „Sau“ und „Schwein“ zum schimpfen benutzen, ebenfalls Wörter mit unreinen Konnotationen, belege diese Fixierung auf Sauberkeit.

In allen Ländern werden Anspielungen auf geistige Unfähigkeit gemacht. Für die Griechen („Blakas“), Spanier („Imbécil“) und Kroaten („Glupaco“) sei das jeweilige Wort für „dumm“ sogar das Lieblingsschimpfwort. Das kurioseste Schimpfwort wurde in Norwegen gefunden. Dort beschimpft man sowohl Männer als auch Frauen am meisten als „Fae“ oder „Javael“: als Teufel. Nirgendwo, auch nicht in anderen protestantischen Ländern, wird das Wort benutzt.

Die Niederländer, Franzosen, Briten und Italiener benutzen gerne Schimpfwörter, die etwas mit den Geschlechtsorganen zu tun haben. Also: „Klootzak“ (Hodensack), „Connard“ (Fotze), „Cunt“ (Fotze) und „Cazzo“ (Penis). Wörter, die in Beziehung zu Sex stehen (wie Schlampe), sind überall populär, aber besonders in Frankreich und den Niederlanden. „Sexualität ist offensichtlich ein Tabu in jedem Land“, sagt Van Oudenhoven, „aber in den Niederlanden scheint es eine Obsession zu sein – vielleicht wegen der calvinistischen Geschichte.“

Von den untersuchten Völkern waren die Polen am wenigsten geneigt zu schimpfen, entdeckte der Forscher der Rijksuniversiteit Groningen. Frauen und Männer schimpfen ebenso viel, aber Frauen werden weniger als Männer beschimpft. Insbesondere in mediterranen Ländern werden Frauen vor Schimpfereien bewahrt. Es gab in der Untersuchung nur zwei Länder, wo Frauen mehr als Männer beschimpft werden: Kroatien und Deutschland.

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