Wissen : Besser behandeln lernen Heilberufe werden zu langsam akademisiert

Rosemarie SteinD

In den USA braucht man den Master, von 2020 an sogar den Doktorgrad, um Physiotherapie ausüben zu dürfen. In Deutschland dagegen gehört diese Behandlung, wie auch Ergotherapie und Logopädie, zu ärztlich verordneten „Heilmitteln“. Und die Ausbildung für nichtärztliche therapeutische Berufe, zu denen man beispielsweise auch die Hebammen und zum Teil die Sozialarbeiter zählt, findet vielfach noch auf Fachschulniveau statt.

Das muss sich ändern, weil die Ansprüche an diese Tätigkeiten wachsen, hieß es kürzlich auf einer Tagung des Charité-Graduiertenkollegs „Multimorbidität im Alter“. Um chronisch Kranken und Behinderten Autonomie und Lebensqualität möglichst lange zu erhalten, um sie vor Immobilität, Hilflosigkeit und Pflegebedürftigkeit zu bewahren, sind die Fachkenntnisse eines gut ausgebildeten interprofessionellen Teams erforderlich. Der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ fordert die Öffnung der Medizinischen Fakultäten für alle therapeutischen Disziplinen, damit die Tätigkeit in den nichtärztlichen Therapieberufen künftig wissenschaftlich besser fundiert ist. Zumindest die Leitungs- und Lehrkräfte sollten auch zur Forschung befähigt werden, schon um Wirksamkeit, Angemessenheit und Kosteneffizienz der Therapiemaßnahmen sicherer beurteilen zu können.

Die Akademisierung auch der nichtärztlichen Gesundheitsberufe ist in Amerika weit fortgeschritten, berichtet Elizabeth Tanner, Professorin an der Johns Hopkins University in Baltimore. Nur Hilfsschwestern dürfen ihre Tätigkeit nach zweijähriger Ausbildung aufnehmen, Vollschwestern wie auch Sozialarbeiterinnen brauchen dazu mindestens vier Jahre und das „Baccalaureate“. Von Phsyio- und Ergotherapeutinnen wird für den Berufszugang der Masterabschluss verlangt. Und allen diesen Berufen steht die Möglichkeit offen, wie die Ärzte den „Praxis-Doktor“ zu machen. Die Studiengänge werden von den jeweiligen Berufsorganisationen akkreditiert. Nur für das Forschungsdoktorat, also den Ph. D., sind die Universitäten verantwortlich.

In Deutschland wurden für Pflegekräfte seit etwa zwei Jahrzehnten Dutzende von Studiengängen an Fachhochschulen eingerichtet. Die nichtärztlichen therapeutischen Berufe ziehen mit der Akademisierung erst langsam nach. Auf internationalen Kongressen habe sie das Gefühl, aus einem Entwicklungsland zu kommen, sagt Heidi Höppner, promovierte Physiotherapeutin, Professorin an der Fachhochschule Kiel und Vorsitzende des „Hochschulverbundes Gesundheitsberufe e.V.“.

Erst seit 2001 gibt es die ersten Studiengänge zum Beispiel für Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und Hebammen. Inzwischen gibt es etwa 2000 Bachelors – viele davon noch im Ausland erworben –, hundert Master, die ersten Promovierenden und 25 bis 30 Professuren. „Wir werden gebraucht“, sagt die Kieler Professorin, „und wir benötigen eine wissenschaftliche Fundierung unserer Berufe. Die Tür zu ihrer Akademisierung war noch nie so weit offen. Die Zeit ist reif dafür, hindurchzugehen.“ Rosemarie Stein

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