Besucherrekord : Volksfest der Forschung

Trotz "Fußballfieber" kann die Lange Nacht der Wissenschaften in Berlin einen Besucherrekord verzeichnen.

Uwe Schlicht[Rosemarie Stein],Hartmut Wewetzer

Berlin Ein Experiment kann so einfach sein. Hufeisenmagnet, Kupferdraht, Strommesser. Franko Schmähling schiebt den ringförmigen Draht vorsichtig um den Metallsteg des Magneten. Der Strommesser, mit dem Kupferdraht verbunden, schlägt aus. „Meine Bewegung bewegt auch das Magnetfeld und führt so dazu, dass ein Strom im Kupferdraht fließt“, erläutert Schmähling. Er präsentierte das Experiment in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Charlottenburg bei der Langen Nacht der Wissenschaften am Sonnabend.

Die simple Versuchsanordnung täuscht darüber hinweg, dass es sich um ein zentrales Experiment der Wissenschaftsgeschichte handelt. Michael Faraday bewies damit vor rund 175 Jahren, dass ein Magnetfeld Strom erzeugt, so wie Strom seinerseits ein Magnetfeld entstehen lässt. Nach dem gleichen Prinzip wird in Turbinen Strom gewonnen, rotieren Elektromotoren.

Es sind Aha-Momente wie diese, die den Besuch der Langen Nacht der Wissenschaften so lohnenswert machen. Natürlich ist nicht alles einfach zu verstehen, was Schmähling und seine Kollegen in der PTB für das interessierte Publikum vorbereitet haben. Aber die sorgfältige und professionelle Präsentation erleichtert die Begegnung mit der Wissenschaft, weckt Interesse und Lust auf mehr.

Im 15. Stock des Hochhauses der Technischen Universität am Ernst-Reuter-Platz zeigen die Ingenieure der Telekom-Labs Ideen zur Zukunft der Informationstechnik. Fabian Hemmert erläutert ein Mobiltelefon, das einen Pulsschlag hat und seinem Besitzer so wie ein Haustier ans Herz wachsen soll. Thomas Cremer demonstriert, wie der Chat-Teilnehmer am PC in eine digitale Computerfigur, einen Avatar, schlüpfen kann. „Der Hauptanwendungszweck ist Spaß“, sagt er ganz ernsthaft. Es gehört zur Langen Nacht, dass sich Neugier und Vergnügen nicht ausschließen.

Grillwürstchen und Crepes neben den Büchertischen vorm Hauptgebäude der Humboldt-Universität. Volksfeststimmung. Ohne Schwellenangst stürmen Wiss- und Eventbegierige die heiligen Hallen, Kinder schwenken kornblumenblaue Luftballons mit der Aufschrift „Die klügste Nacht des Jahres“. Der Studinachwuchs dürfte gesichert sein.

Die Amerikanisten haben eine Children’s Corner eingerichtet, geschmückt mit Stars-and-Stripes-Wimpeln. In der Mensa malen Kinder zwischen exotischen Wandteppichen arabische Schriftzeichen, während sich die Eltern durch Filme und Vorträge informieren. Überall gibt es was zu raten und zu gewinnen, und in manchen Labors experimentiert die Jugend sogar selbst.

Unterwegs zum wunderbaren Dachbodenatelier über dem Audimax, wo angehende Kunsthistoriker die Eigenarten von Drucktechniken wie Linolschnitt oder Siebdruck durch Selbermachen verstehen lernen, erlebt man auf dem Rasen hinter dem Hauptgebäude eine clowneske Szene: Risikofreudige Studentinnen testen Fahrräder, die mit einem Gelenk im Rahmen bewusst labil konstruiert sind. Man musste sie durch Gegenbewegungen mit dem ganzen Körper lenken. Genau das sei der Sinn der Sache, erläutert ein Sportwissenschaftler.

Erholung von dem fröhlichen Wirbel bieten die ehrwürdigen Hörsäle, wo man fürs Leben lernen kann. Besonders interessant zum Beispiel ein Vortrag im Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung: Die Hälfte der Berliner Pflanzen hat einen „Migrationshintergrund“, zählt man auch jene mit, die sich den hiesigen Lebensbedingungen nicht anpassen können und bald wieder verschwinden. Das berichtet der Begründer der stadtökologischen Forschung, der emeritierte TU-Professor Herbert Sukopp.

Die schwarzumränderte Brille aufgesetzt und schon fühlt man sich wie im Flugzeug. Nur dass dieses Flugzeug über den Marshimmel fliegt. Auf der Leinwand erscheinen Vulkanberge, Einschlagkrater und Riesencanyons. Die Reise zum Mars hat in der Langen Nacht der Wissenschaft viele Erwachsene und Kinder nach Lankwitz zu den Planetenforschern der Freien Universität gelockt und ihnen Einblick in eine ebenso faszinierende wie in ihrer Lebensfeindlichkeit erschreckende Welt beschert. Irdische Dimensionen werden bei diesem Flug über den Haufen geworfen: Die Ränder der Canyons sind so hoch wie der Mount Everest – mehr als 8000 Meter.

Auf den ersten Blick wirken die gelbbraunen Flächen wie von Wüstensand überdeckt. In Wirklichkeit ist es Feinstaub, der für den Menschen auf die Dauer lebensgefährlich wäre. Die Wissenschaftler sind sich inzwischen sicher, dass es auf dem Mars einmal viel Wasser gegeben haben muss. In bewegten Bildern führen sie die Zuschauer über eine gewaltige Schlucht, die mäandriert wie ein irdischer Strom. An den Ufern der Marsschlucht finden sich Ablagerungen, die irdischem Ton entsprechen.

Die FU verdankt diese Bilder der hochauflösenden Stereokamera HRSC, die an Bord der ESA-Sonde Mars Express im Orbit um den Mars kreist. Bis zum Frühjahr 2008 wurden so viele Bilddaten zur Erde geschickt, dass sie 40 Prozent der Marsoberfläche abbilden (im Internet unter http://hrscview.fu-berlin.de).

Trotz Fußball-Europameisterschaft konnten die Veranstalter der Langen Nacht einen Rekord verzeichnen.Die teilnehmenden Einrichtungen in Berlin und Potsdam zählten 188 000 „Besuche“, 2007 waren es 157 000. Die genaue Besucherzahl selbst ist noch nicht bekannt.

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