Betreuung : Babys in der Schule

Frühkindliche Erziehung – das Vorbild Skandinavien. Hier können die Menschen selbst entscheiden, wie die außerfamiliäre Kleinkind-Betreuung organisiert wird.

Adelheid Müller-Lissner
Schule
Auch Babys sollen in die Schule können, wenn es die Eltern wünschen. -Foto: dpa

„Die Menschen können selbst entscheiden, welches Angebot ihnen am besten gefällt.“ Der Schwedin Maria Mickelin ging es nicht etwa um Immobilien oder Stromanbieter. Die Pädagogin stellte das Konzept vor, nach dem in ihrer Gemeinde Nacka, einer östlich von Stockholm gelegenen 80 000-Einwohner-Stadt, die außerfamiliäre Kleinkind-Betreuung organisiert wird. Ein junges Thema: Der Gedanke, dass die öffentliche Verantwortung für die Erziehung von Kindern schon beginnt, ehe sie in den klassischen Kindergarten und später in die Grundschule kommen, ist in Deutschland für viele noch ungewohnt. „Wir müssen das Rad aber nicht neu erfinden, sondern sollten uns in anderen Ländern umschauen“, sagte Detmar Doering, Leiter des Liberalen Instituts in Potsdam, wo jetzt die Tagung „Early Childhood Education“ stattfand.

Charakteristisch für das schwedische System sind Gutscheine. In den 80er Jahren wurden sie zunächst nicht für die häusliche Pflege alter Menschen eingeführt. Wo sie sie einlösen, entscheiden die Klienten selbst. Das Prinzip wurde seitdem auf andere Bereiche ausgedehnt. Auch unter den öffentlichen Grundschulen können Eltern inzwischen wählen – sie werden nicht der nächstliegenden Schule zugeteilt. Den „Child Care Cheque“ für die Betreuung von Kleinkindern gibt es seit 1994 in Nacka. Die Einrichtungen, in denen er eingelöst werden kann, müssen festgelegten Qualitätsstandards genügen. „Die Politik entscheidet darüber, was geboten werden muss, die Professionellen, wie das umgesetzt wird“, erklärte Mickelin. Sie sei überzeugt, dass der Wettbewerb der kommunalen und privaten Kindertagsstätten die Qualität der Betreuung verbessert – schon weil die Eltern das Angebot prüfen müssen.

Das trifft zwar grundsätzlich auch in Deutschland zu, wenn Eltern nach Krippe, Kita oder Tagesmutter suchen. Allerdings wird die Wahl durch das geringe Angebot stark eingeschränkt, vor allem in den alten Bundesländern. Eine repräsentative Befragung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München ergab, dass 31 Prozent der Eltern mit Kindern zwischen einem und zwei Jahren sich einen Betreuungsplatz wünschen, zwischen zwei und drei Jahren sind es schon 60 Prozent. Tatsächlich werden in den alten Bundesländern nur knapp 17 Prozent der Zwei- bis Dreijährigen betreut. In Nacka sind mit zwei Jahren dagegen 90 Prozent der Kinder untergebracht – zumindest halbtags.

Der Scheck deckt nicht die gesamten Kosten, mit etwa zehn Prozent werden die Eltern daran beteiligt. Bedingung für das Anrecht auf einen Betreuungs-Scheck ist, dass beide Eltern oder das alleinerziehende Elternteil erwerbstätig sind oder Arbeit suchen. Beim Pisa-Sieger Finnland ist das Recht der unter Dreijährigen auf einen Platz in der Kita oder bei einer Tagesmutter nicht an solche Bedingungen geknüpft, erklärte Liisa Heinämäki vom National Research and Development Center in Helsinki. Mit zwei Jahren werden heute etwa 44 Prozent der kleinen Finnen in Einrichtungen außerhalb der Familie betreut, erst in der Vorschule sind es knapp 100 Prozent.

Auch für die Kinder unter drei Jahren wurde eine Art Lehrplan entwickelt. Auf vier Kinder unter drei kommt in einer Einrichtung eine Betreuungsperson, im Erzieher-Team ist unter drei Mitarbeitern jeweils einer, der ein Pädagogik-Studium abgeschlossen hat. Besonders wichtig im Bildungsplan sei die Förderung der sprachlichen Fähigkeiten, sagte Liisa Heinämäki.

Die Untersuchung des National Institute of Child Health and Human Development der USA, allgemein kurz NICHD-Studie genannt, verfolgt seit nunmehr 16 Jahren die Entwicklung von über 1000 Kindern des Jahrgangs 1991 aus zehn Regionen der USA. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie: Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren Einrichtungen der Day Care besucht haben, die den Untersuchern als besonders gut auffielen, verfügen später über ein deutlich differenzierteres Vokabular.

Der Unterschied ließ sich auch bei Zwölfjährigen noch feststellen. Trotzdem bezeichnete ihn der Entwicklungspsychologe Jay Belsky von der Birkbeck- Universität in London als bescheiden. Es habe sich klar gezeigt: Auch wenn ein Kind früh in die Kita kommt und selbst wenn es ganztags dort betreut wird, sind und bleiben es die Eltern, die seine Entwicklung am stärksten beeinflussen. Die Eltern jedoch kann man sich – Wahlfreiheit hin oder her – bekanntlich nicht aussuchen.

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