Wissen : Betrügerischer Duft der Orchidee Pflanze schadet

ihren Bestäubern

Walter Schmidt

Wäre sie ein Mensch, könnte man die Germerblättrige Stendelwurz als Trickbetrügerin bezeichnen. Denn die meist etwa meterhohe und von Mai bis August blühende Orchideenart stellt drei Lockstoffe her, denen die Weibchen von fünf Schwebfliegenarten nicht widerstehen können. Sie schwirren heran und legen ihre Eier in die Blüten, weil sie solche Lockstoffe von Blattläusen kennen, dienen diese doch den ausgeschlüpften Schwebfliegen-Larven als Nahrung.

Für die Orchidee lohnt sich der Trick, wird sie doch von den Betrogenen bestäubt. Die Schwebfliegen hingegen zahlen einen bitteren Preis. Ohne Blattläuse als Futter müssen ihre Larven verhungern. Nur ein klein wenig Nektar bekommen die Schwebfliegen als Gegenleistung. Kein gutes Tauschgeschäft.

Die Germerblättrige Stendelwurz (Epipactis veratrifolia) gedeiht in der Südtürkei, Vorderasien und auf Zypern. Die von ihr produzierten Duftstoffe alpha- und beta-Pinen und beta-Myrcen werden normalerweise von Wickenblattläusen hergestellt. Diese senden alpha- und beta-Pinen aus, wenn sie in Gefahr sind, was die Orchidee ausnutzt. Indem sie diese Alarmstoffe selber produziert, hält sie sich die alarmierten Blattläuse vom Leib. Der Betrug erfolgt gleich zweifach. „Wahrscheinlich lassen sich die Tiere nicht nur von den Alarmsubstanzen täuschen, sondern fallen auch noch auf dunkle, warzenartige Gebilde der Blüte hinein, die optisch Blattläuse vortäuschen könnten“, sagt Bill Hansson vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena.

Dennoch ist die Germerblättrige Stendelwurz keine völlig rücksichtslose Betrügerin. „Immerhin stellt die Pflanze den getäuschten Schwebfliegen ein wenig Nektar zur Verfügung“, sagt der Ökologe Johannes Stökl von der Uni Regensburg. Dies sei vergleichbar mit zwei verwandten Arten, die von Wespen bestäubt werden. Diese Orchideen locken ihre summenden Bestäuber an, indem sie den Eindruck erwecken, auf ihnen säßen Schmetterlingsraupen, an denen sich die Wespen gerne laben. Allerdings belohnen die Orchideen die Wespen mit reichlich Nektar, anders als die Germerblättrige Stendelwurz. Für Stökl ist diese Pflanze vor allem deshalb eine Betrügerin, weil die in ihren Blüten schlüpfenden Schwebfliegen-Larven verhungern müssen.

Worin aber soll der Nutzen für die Orchideen bestehen, wenn ihre dringend benötigten Bestäuber sich zumindest mit ihrer Hilfe nicht fortpflanzen können und ihre Eier obendrein an sie verschwenden? „Wir haben noch keine schlüssige Antwort“, sagt Hannson. Er kann sich aber vorstellen, wie das Täuschungsmanöver entstanden ist. Die Pflanze sei auffallend frei von Blattläusen, was sicherlich daran liege, dass sie Stoffe abgibt, vor denen Blattläuse zurückschrecken. Möglicherweise war dies die eigentliche evolutionäre Idee, und die Schwebfliegen sind erst später auf die Ähnlichkeit der Pflanzen-Duftstoffe mit den von Blattläusen hergestellten hereingefallen. Wogegen die Pflanze nichts hat, im Gegenteil. Immerhin wird sie von den getäuschten Insekten ja bestäubt. Walter Schmidt

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