Bibliotheken : Berlins Staatsbibliothek nimmt Lesern die Zeitungen weg

Direktorin Schneider-Kempf verteidigt die Streichung der Zeitungsauslagen in den Lesesälen. Das Geld reiche nur noch für Kernaufgaben.

Amory Burchard
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Aussortiert. Abbestellt wurden auch naturwissenschaftliche Zeitschriften.Foto: Thilo Rückeis

Die Finanzkrise ist auch eine Zeitungskrise – jedenfalls für die Staatsbibliothek zu Berlin (Stabi). Die Bibliotheksleitung hat wegen ihres „de facto sinkenden Erwerbungsetats“ die Abonnements überregionaler und internationaler Zeitungen gekündigt, die seit Jahren in den Lesesälen auslagen. Leser sehen darin einen „veritablen Skandal“. Die Interessen der Benutzer, die die Tageszeitungsauslage mit ihren Steuer- und Eintrittsgeldern finanzierten, würden „in wachsendem Maße mit Füßen getreten“, schreibt der Berliner Übersetzer und Lektor Nikolaus G. Schneider in einem Brief an Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf.

Die Kündigung der Abonnements sei der Staatsbibliothek nicht leicht gefallen, antwortet Schneider-Kempf. „Angesichts eines de facto erheblichen sinkenden Erwerbungsetats“ sei ihr Haus aber „zu Einsparungen gezwungen“. Der Briefwechsel liegt dem Tagesspiegel vor. Die Generaldirektorin verweist die Leser an die weitab von den beiden zentralen Stabi-Standorten in der Potsdamer Straße und Unter den Linden gelegene Zeitungsabteilung im Westhafen. Dort würden die Zeitungen selbstverständlich weiter gesammelt und könnten auch gelesen werden. Etliche überregionale Zeitungen stünden zudem online in beiden Häusern zur Verfügung. Leseexemplare böten außerdem die Öffentlichen Bibliotheken an.

Die Tageszeitungsauslage sei ein Zusatzangebot gewesen, die Streichung könne trotz zahlreicher Proteste nicht rückgängig gemacht werden, erklärte Schneider-Kempf dem Tagesspiegel. Kernaufgabe der Staatsbibliothek sei die Versorgung mit wissenschaftlicher Literatur. Allerdings hat die Bibliothek im vergangenen Jahr auch rund 1000 naturwissenschaftliche Zeitschriftentitel abbestellt. Begründung: Die Naturwissenschaften seien kein Schwerpunkt der Sammlung. Aber auch für diese Einsparungen seien Lücken im Etat für die Ankäufe der Bibliothek verantwortlich gewesen, sagt Schneider-Kempf.

Der Haushalt der Staatsbibliothek ist wegen der angespannten Haushaltslage des Bundes und der Länder seit Jahren gedeckelt, Zuwächse in einzelnen Bereichen gibt es nur zulasten anderer. Weil die Staatsbibliothek unter anderem wegen des Lesesaalneubaus Unter den Linden steigende Betriebskosten und wegen Tariferhöhungen steigende Personalausgaben hat, leidet der Erwerbungsetat. „Die jährlich acht bis neun Millionen Euro werden immer wieder angefressen“, klagt die Generaldirektorin. Wichtig sei, dass die Stabi weiterhin ihren Verpflichtungen nachkommen könne, etwa laufende Serien oder nationale Sammelprojekte weiterzuführen.

Für Stabi-Benutzer Nikolaus G. Schneider ist die Kündigung der Abos nur ein Symptom des schlechten Services der Bibliothek. So würden bereits gelegte Internetanschlüsse an den Arbeitsplätzen im Lesesaal nicht freigeschaltet, drahtlose Anschlüsse gar nicht erst angeboten. Und die Öffnungszeiten der Berliner Häuser blieben weit hinter der täglich von 8 bis 24 Uhr zugänglichen Staatsbibliothek München zurück: Die Berliner Häuser bleiben am Sonntag geschlossen, sind werktags nur bis 21 Uhr geöffnet.

Wireless-Lan-Anschlüsse für beide Häuser sollen kommen, möglichst noch vor der Eröffnung des neuen Lesesaals Unter den Linden im Juli 2010, verspricht Schneider-Kempf. Doch bei den Öffnungszeiten soll es bleiben: Wie in München nur den Allgemeinen Lesesaal länger zu öffnen, sei für eine wissenschaftliche Bibliothek nicht angemessen, ein voller Betrieb bis Mitternacht auf organisatorischen und finanziellen Gründen nicht möglich. Amory Burchard

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