Bibliotheken : Die digitale Revolution erfasst die Bibliotheken

Bibliotheken im Zeitalter des Internets: Wie sammelt man Informationen und was ist überhaupt wert, gesammelt zu werden? Wir brauchen eine Debatte über die Zukunft des Wissens

Andreas Degkwitz
Weltwissen. Bibliotheken waren schon immer Knoten des Informationstransfers. Im Bild die Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek. Foto: dpa
Weltwissen. Bibliotheken waren schon immer Knoten des Informationstransfers. Im Bild die Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek. Foto:...Foto: dpa

Wissensgüter sind für die europäische Tradition schon immer von größter Bedeutung für die Weiterentwicklung von Kultur, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft gewesen. Von daher dürfen wir uns seit vielen Jahrhunderten als Wissensgesellschaft verstehen, wenngleich der volkswirtschaftliche Wert von Information sowie die Produktion und Verbreitung von Wissen in unserer Zeit eine neue und eine bis dahin ungekannte Dimension erreichten.

Am Anfang dieser Entwicklung stehen die Fundamente der antiken und jüdisch-christlichen Tradition. Der „Baum der Erkenntnis“ eröffnet eine große symbolische Vielfalt. Als Zitat aus der Bibel, dem Buch der Bücher, lässt er sich durchaus als ein Symbol für das Buch verstehen. Darüber hinaus verspricht der Genuss von Früchten des Baumes der Erkenntnis die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können beziehungsweise das Wissen darüber, das, so der biblische Mythos, Adam und Eva aus der naiven Idylle des Paradieses vertreibt. Der Genuss der Früchte löst Bewusstwerdung und Selbstreflexion aus und führt zu dem Wissen, das aus einer „heilen Welt“ in die Wirklichkeit überführt.

Den Sündenfall, der mit dem Baum der Erkenntnis in Verbindung gebracht wird, hätten die griechischen Weisen als antike Kommilitonen der hebräischen Schriftgelehrten so nicht gesehen. Denn das Streben nach Wissen mittels Ergründung der Ursache dessen, was ist oder war, ist im griechischen Mythos fest verankert. Die Frage nach dem Warum lässt eine viel bevölkerte Götterwelt als Erklärung von Phänomenen entstehen, zu der sich keine andere Erklärung als die einer verursachenden Gottheit finden ließ.

Dieser Polytheismus hat viel mit dem Versuch von Deutung und Erkenntnis zu tun, in dessen Tradition unser Verständnis von Wissen und Wissenschaft steht. Der unwissend erscheinende Sokrates weiß, dass er nichts weiß, nachdem er dies im Sinne der sophistischen Aufklärung begründet und dafür allerlei Wissen aufgeboten hat.

Die Qualität dieses Wissens gründete auf Platons „Dialogoi“, deren Zugänglichkeit die Verschriftlichung sichert und für deren Rezeption Intellekt und Lesefähigkeit Voraussetzung sind. Die Nachhaltigkeit ergab sich – zumindest seit Aristoteles – aus dem methodischen Anspruch, zur Herleitung eigener Thesen auf das zurückzugreifen, was früher gedacht und geschrieben wurde und überliefert ist. Garanten dafür waren und sind Bibliotheken als Sammlungen von Kultur- und Wissensgütern.

Von daher mag Wissen dadurch entstehen, dass vorhandene Informationen und Erkenntnisse argumentativ aggregiert und miteinander in Beziehung gesetzt werden, was sich traditionell als Text umsetzt. Doch sind Textualisierung und Verschriftlichung unabhängig von den jeweils aktuellen Kulturtechniken, also auch unabhängig von den digitalen Medienträgern unserer Zeit?

Das Hypertextpotenzial digitaler Medien erreicht eine Dimension, die gedruckte Formen des Medienmix weit übertrifft. Im äußersten Fall können diese technischen Möglichkeiten dazu führen, dass der Schwerpunkt der Wissensgewinnung stärker auf Management und Präsentation medialer Komplexität und Vernetzung liegt.

Von daher stellt sich die Frage, ob das technische Potenzial medialer Suggestionen die argumentative Stringenz von Wissensgütern zu ersetzen oder zu kompensieren beginnt. Auch kann der Informations- und Wissenstransfer in Social Networks wegen fehlender Faktenkenntnis und geringer argumentativer Durchdringung zu einem in hohem Maße beliebigen Austausch subjektiver Interaktionen und multimedialen Sammelsurien führen. Zu berücksichtigen ist dabei aber ein Gemeinschaftsgefühl, das allem Anschein nach für den Kontext der Informations- und Wissensvermittlung bedeutsam ist.

Welche Erwartungen stellen sich vor diesem Hintergrund an unser Wissensverhalten? Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Aneignung, Erarbeitung und Verbreitung von Wissen? Qualität, Zugänglichkeit und die nachhaltige Bereitstellung geben dazu die Stichworte. Allerdings existieren die Voraussetzungen dafür bisher nur eingeschränkt. Die Frage von Qualität und Verlässlichkeit ist im Kontext der großen Suchmaschinen-Provider noch nicht zufriedenstellend geklärt. Informationen wird aufgrund ihrer Fülle und ihrer nahezu uneingeschränkten Zugänglichkeit weiterhin viel zu unkritisch vertraut. Eng damit zusammen hängt schon wegen der technischen Möglichkeiten von Copy and Paste das Thema der Authentizität. Aktuelle Beispiele gefälschter oder missbrauchter Autorschaft sind offenbar nur die Spitze des Eisberges. Wie digitale Wissensgüter langfristig archiviert und damit dauerhaft bereitgestellt werden können, bleibt ebenfalls ein Problem.

In Forschung und Wissenschaft ist der Einsatz von Computern für die rein instrumentale Verarbeitung von Daten nicht unbedingt neu. Neu sind hingegen die rechnergestützte Bereitstellung und Distribution einer Überfülle von Information, der massenhafte Einsatz von Endgeräten, die intensive Nutzung technologiebasierter Kommunikation über das Internet, die vielfältigen Formen vernetzter Interaktion und die Multimedialität von Inhalten in nahezu allen Formaten. Eine große Herausforderung ist nicht zuletzt darin zu sehen, die auf Konsum orientierten Informationsangebote, Medienformen und Technologiekomponenten als aktuelle Kulturtechnik nachzunutzen und zugleich die Anforderungen an Qualität, Langzeitverfügbarkeit und Zugänglichkeit zu erfüllen, die für wissenschaftliches Arbeiten wesentliche Voraussetzung sind.

Wie bestimmt sich in solchen Szenarien der Versorgungsauftrag von Bibliotheken? Im Mittelpunkt steht die aktuelle und langfristige Bereitstellung qualitätsgesicherten Wissens, das in vielen Fällen auch den Charakter von Kulturgütern hat. Dabei haben die jeweiligen Trägermedien erhebliche Auswirkungen darauf, wie die Bibliothek genutzt, Medien beschafft und organisatorisch-technisch zugänglich gemacht werden. Die Geschichte der Büchersammlungen kennt die Klosterbibliothek, die eigentlich ein Scriptorium ist, die Raritätensammlung herrschaftlicher Repräsentation, die sakral wirkende Lesesaalkuppel, die den Anspruch auf universales Weltwissen artikuliert – und den industriell wirkenden Servicebetrieb. Dieser ist durch die explosive Entwicklung des Wissens mit Klebebindung statt Fadenheftung, durch Paperbacks und Taschenbüchern anstelle von lederbewehrten Einbänden charakterisiert – und was kommt jetzt?

Die elektronische Bereitstellung von Inhalten leitet einen weiteren Paradigmenwechsel ein und initiiert den Transformationsprozess von gedruckter zu digitaler Fachinformation. Wissensgüter werden seltener als Buch und häufiger als Datei präsentiert. Wer erst jetzt in Bibliotheken die Netzknoten des Wissens- und Informationstransfers erkennt, dem ist entgangen, dass Bibliotheken diesen Auftrag schon immer hatten. Neu hingegen und bestimmt noch nicht abschließend gelöst ist das Problem, wie sich dieser Anspruch für digitale Medien vollständig einlösen lässt.

Wird das Bibliotheksgebäude, das in seiner logistischen Orientierung am Buch Lesesäle und Magazine umfasst, durch die Cloud elektronischer Dienste ersetzt? Beschränken sich Anreiz und Auftrag von Bibliotheken auf die Bereitstellung und Verarbeitung von Informationen und Wissen? Zuvor wurden Social Networks als Ausdruck und Bedarf eines Gemeinschaftsgefühls charakterisiert. Nicht alle Orte, an denen sich Menschen kommunizierend begegnen, sind Bibliotheken. Aber alle Bibliotheken sind Orte, an denen Begegnung und Kommunikation tatsächlich geschieht. Orte, die Zugang zu Information und Wissen bieten, die Aneignung und Produktion von Wissen ermöglichen und die nicht zuletzt für die Verbreitung und Aufbewahrung von Wissensgütern verantwortlich sind.

Dies mag den Eindruck erwecken, dass uns die digitale Transformation Bibliotheken geradezu lieben lässt. Zugleich wollen wir aber noch sehr viel besser verstehen, welche Auswirkungen das Internet auf unser Wissensverhalten hat. Laufen wir Gefahr, uns mit dem technischen Potenzial des Digitalen zufriedenzugeben? Begnügen wir uns in unserem Anspruch auf Information und Wissen mit Managed Services? Erschöpfen wir uns in einem technischen Informationsmanagement zur Generierung, Präsentation, Recherche und Verbreitung von „Inhalten“? Wird angesichts einer Vielzahl unbestrittener Mehrwerte der neuen Medien unsere Vorstellung von Wissen ausschließlich technikzentriert?

Diese Fragen geben klar zu erkennen: Wir brauchen eine umfassende Diskussion. Wir brauchen Forschung zu den noch immer offenen Fragen, ob und, wenn ja, in welcher Weise das Internet Wissen schafft. Der Ansatz einer Antwort mag vielleicht in der Vermutung liegen, dass das Internet zu vernetzter Erkenntnis führt, die am Stamm unserer Ökosysteme reift. Das wäre ein Schluss, der die Anfänge wieder aufgreift.

Der Autor ist Bibliotheksdirektor der Humboldt-Universität zu Berlin.

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