Bibliotheken : Was die Stabi nicht mehr kann

"Das Kulturerbe ist bedroht", sagt die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin. Es fehle Geld, um Handschriften und Bücher zu kaufen.

Bernhard Schulz

Über die Gebrüder Grimm ist alles bekannt? Falsch. Der Staatsbibliothek gelang es unlängst, einen bislang unpublizierten Brief Jacob Grimms aus dem Jahr 1830 zu erwerben, gerichtet an einen Theologen in den Vereinigten Staaten. Die Erwerbung erfolgte im Antiquariatshandel - Alltagsgeschäft einer großen Bibliothek. Doch jetzt nimmt Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, in ihrem Arbeitszimmer an der Potsdamer Straße einen beliebigen Angebotskatalog in die Hand, zeigt Objekte im Wert von 500 bis 1200 Euro und klagt, nicht einmal solche Preise mehr aus dem diesjährigen Erwerbungsetat bezahlen zu können. "Wir können unsere Aufgabe nicht mehr erfüllen, das kulturelle Erbe zu pflegen", sagt Schneider-Kempf gegenüber dem Tagesspiegel.

Handschriften, die auf Auktionen versteigert werden, Nachlässe, die der Staatsbibliothek angeboten werden - "da müssen wir uns total rausziehen", sagt die Generaldirektorin. So eine Erwerbung wie der Grimm-Brief werde "in diesem Jahr nicht mehr stattfinden". Die Streichung der Tageszeitungsauslage im Lesesaal ist für Schneider-Kempf hinnehmbar - auch wenn sie Benutzer verärgert (Tagesspiegel vom 22. Januar). Aber die Sammlungen zum Kulturerbe nicht mehr vervollständigen zu können - das tut weh.

Noch im Dezember gelang der Ankauf dreier Briefe Felix Mendelssohn-Bartholdys - am 3. Februar wird dessen 200. Geburtstag von der Musikwelt gefeiert. 2008 hat eine Sonderzuwendung in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro aus dem Haushalt des Kulturstaatsministers Lücken im Bibliotheksetat gestopft. Derartige Mittel werden projektbezogen vergeben, insbesondere für die Erhaltung des "kulturellen Erbes", nicht aber als frei verfügbare Mittel für die Erwerbung von Neuerscheinungen aller Fachgebiete.

"Wir brauchen eine dauerhafte Erhöhung des Etats"

Über 10 Millionen Bücher und 320.570 Autografen, knapp 26.000 Zeitschriftenabonnements und, alles in allem, 23 Millionen "Medieneinheiten": Die Staatsbibliothek zu Berlin ist noch immer die führende Universalbibliothek Deutschlands, dicht gefolgt von der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Beide sind Teil jener "virtuellen Nationalbibliothek", wie sie Deutschland aufgrund seiner föderalen Struktur und Geschichte entspricht.

Doch die Verhältnisse geraten aus dem Lot. Schneider-Kempf verweist auf ein dramatisches Sinken der Erwerbungsmittel. Der Haushaltsplan folgt mit 7,7 Millionen Euro für das just begonnene Jahr noch der Größenordnung des Vorjahres. Doch tatsächlich auszugeben sind voraussichtlich nur 4,6 Millionen. Die Differenz muss herhalten für Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst, und die sind aus dem über die Jahre arg geschrumpften Betriebshaushalt der Bibliothek nicht zu finanzieren.

"Wir brauchen eine dauerhafte Erhöhung des Etats", sagt Schneider-Kempf. Neben der bedrohten Pflege des kulturellen Erbes droht auch das Tagesgeschäft zu leiden. Es geht um die ureigene Aufgabe der Staatsbibliothek, in ihren Kernbereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften up to date zu bleiben und zu erwerben, was neu publiziert wird.

Das Alltagsgeschäft bemerkt nur der Nutzer

Schneider-Kempf zeichnet ein durchaus differenziertes Bild vom Zustand ihrer Staatsbibliothek, angefangen bei der Personalausstattung, die sie als "quantitativ und qualitativ sehr gut" bezeichnet. Den Vergleich mit der Bayerischen Staatsbibliothek, die von manchem schon auf der Überholspur gesehen wird, hält sie aus. Allerdings haben die Bayern unlängst mit der spätmittelalterlichen Ottheinrich-Bibel prunken können, während Schneider-Kempf in ihrer Amtszeit seit 2004 "noch keine spektakuläre Erwerbung erlebt" hat. Trotz der für ihr Haus dramatischen Finanzkrise hofft sie auf 2011, das 350-jährige Jubiläum der Brandenburgisch-Preußischen Bibliothek.

Mit spektakulären Ankäufen lässt sich die Öffentlichkeit erreichen. Das Alltagsgeschäft bemerkt nur der Nutzer. Und da fehlt es immer stärker an frei verfügbaren Mitteln. Dabei haben sich beispielsweise die Kosten für ein durchschnittliches Zeitschriftenabonnement im Laufe von nur vier Jahren um ein reichliches Drittel von 194 auf 278 Euro im Jahr erhöht. Während die Zeitschriften und die en bloc gebuchten Veröffentlichungsreihen - etwa von Dissertationen - feste Posten im Haushalt bilden, muss beim Erwerb von Monografien, also Einzelveröffentlichungen, gespart werden. "Die Attraktivität der Bibliothek sinkt, wenn die aktuellen Monografien nicht mehr erworben werden", konstatiert Schneider-Kempf.

Die Zahl der angemeldeten Benutzer, die also Monats- oder Jahreskarten erworben haben, ist zuletzt von 53.000 auf 51.000 gesunken. Nicht viel, aber ein Indiz. Wo der aktuelle Stand der Wissenschaft nicht mehr vollständig repräsentiert ist, bleiben Wissenschaftler und Studenten weg. Allerdings hat sich wohl der Neubau mehrerer Universitätsbibliotheken wie in Dahlem oder an der Technischen Universität entspannend auf die früher viel beklagte Überbelegung der Lesesäle der Staatsbibliothek ausgewirkt.

Neue Aufgaben komme nauf die Stabi zu

Die Stabi - wie sie liebevoll von ihren Benutzern gekürzelt wird - hat in den zurückliegenden Jahren ihr Profil deutlich gewandelt. Die Naturwissenschaften sowie die Medizin, die im Haus Unter den Linden stark vertreten waren, wurden "drastisch reduziert", sagt Schneider-Kempf. Die Mittel wurden in die Geistes- und Sozialwissenschaften umgelenkt, den Kernbereich der Staatsbibliothek. Wurden Ende 1999 noch 38.000 Zeitschriften gehalten, so sind es jetzt nur mehr knapp 26.000; umgekehrt ist der Online-Bereich entsprechend erstarkt.

Und doch ist diese "Mobilisierung innerer Reserven durch die Profiländerung" eine Schimäre, wenn die Mittel drastisch zusammengestrichen werden. Dabei kommen neue Aufgaben auf die Stabi zu: beispielsweise die Ausstattung des neuen Lesesaals im Altbau Unter den Linden. Das Stammhaus wird für über 330 Millionen Euro saniert und erneuert. Im Sommer 2010 soll der Lesesaal mit 250 Plätzen in Betrieb gehen - mit gefüllten Freihandregalen ringsum, mit 140 Forscherarbeitsplätzen und 19 Arbeitskabinen. "Investive Maßnahmen" wie Um- und Neubauprojekte kommen nicht aus dem Betriebshaushalt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Trägerin der Staatsbibliothek. Wohl aber muss aus den mittlerweile nur mehr 15 Millionen Betriebshaushalt der reguläre Betrieb bestritten werden - und dazu gehört ein großer Teil der Ausstattung des neuen Lesesaals ebenso wie die Asbestsanierung der Klimaanlage im Scharoun-Bau an der Potsdamer Straße.

Wird die Staatsbibliothek innerhalb der Stiftung Preußischer Kulturbesitz benachteiligt? "Wir sind als Bibliothek sehr präsent", sagt Schneider-Kempf mit Blick auf den gegenüberliegenden Publikumsmagneten Neue Nationalgalerie. Das Jahr ist noch jung, die Hoffnung auf zusätzliche Mittel noch lebendig. Doch spürbar ist die Sorge, dass die Staatsbibliothek nicht die öffentliche Würdigung - und das heißt auch: die finanzielle Ausstattung - erfährt, die ihr als Speicher des Weltwissens gebührt - vom Grimm-Brief bis zum neuesten Fachbuch der Germanistik.

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