Bildung : Abgespeckte Schule

Bremen verabschiedet sich von seinen vier Schultypen – im Konsens von Regierung und Opposition.

Eckhard Stengel
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Gemeinsam lernen. In Bremen gibt es künftig nur das Gymnasium und die Oberschule, die ebenfalls zum Abitur führt. Foto: dpadpa

In Bremen hat gerade das neue Schuljahr begonnen – und zugleich fiel der Startschuss für eine ungewöhnliche Bildungsreform: Ein bundesweit wohl einmaliger „Schulkonsens“ zwischen Regierungs- und Oppositionsparteien wird Schritt für Schritt in die Praxis umgesetzt. Demnach gibt es in der Hansestadt bald nur noch zwei gleichberechtigte Regelschultypen: das Gymnasium und die sogenannte Oberschule. Zudem werden die Sonderschulen nach und nach weitgehend abgeschafft. Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) spricht von einer „historischen Dimension“ dieser Reform, die auch für andere Bundesländer Vorbild sein könne.

Bereits zum Jahreswechsel hatten die Regierungsparteien SPD und Grüne mit der CDU und zunächst auch mit der FDP vereinbart, das Schulgesetz für die nächsten zehn Jahre in diesem Sinne zu ändern. Damit sollte ein jahrzehntelanger ständiger Streit um das beste Bildungssystem beigelegt und den Eltern, Schülern und Lehrkräften für die Zukunft Verlässlichkeit garantiert werden, auch nach etwaigen Regierungswechseln.

Monatelang diskutierten Politiker und Betroffene über den Konsens der Parteispitzen, bis er schließlich kurz vor den Sommerferien mit großer Mehrheit (und einigen Änderungen im Detail) in Gesetzesform gegossen wurde. Allerdings machte die FDP nach parteiinternen Streitigkeiten nicht mehr mit und stimmte gegen die Reform, ebenso wie die Linke.

Noch vor wenigen Jahren war das Bremer Schulsystem so unübersichtlich wie eine Schrankaufbau-Anleitung. Nach den Grundschulen gab es die Orientierungsstufen und als weiterführende Schulen die Gymnasien, die integrierten Gesamtschulen sowie die kooperativen Schulzentren mit Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialzweig. Nach dem Pisa-Schock strich die damalige SPD-CDU-Koalition zunächst die Orientierungsstufe und legte die Hauptschul- und Realschulzweige in den Schulzentren zusammen.

Nach der jüngsten Reform werden nun auch noch die Schulzentren und die Gesamtschulen zu einer einheitlichen Schulform verschmolzen. Sie firmieren künftig als „Oberschulen“, was etwa den heutigen Gesamtschulen entspricht. Das Abitur kann hier nach 12 oder 13 Schuljahren erreicht werden, in den Gymnasien nur nach 12 Jahren. Bei zu vielen Anmeldungen für die Gymnasien haben Kinder mit besonders guten Mathematik- und Deutschnoten Vorrang.

Behinderte sollen zunehmend in die Regelschulen integriert werden, denen für diesen Zweck „Zentren für unterstützende Pädagogik“ angegliedert werden können. Bremen setze damit als erstes Bundesland die neue UN-Konvention für die „Inklusion“ von Behinderten um, lobt die Bildungssenatorin. Einzelne Sonderschulen („Förderzentren“) bleiben aber auf Dauer bestehen – als Wahlangebot vor allem für Seh- und Hörgeschädigte.

Im jetzt anlaufenden neuen Schuljahr beginnen zunächst neun Schulzentren jahrgangsweise mit der Umwandlung in Oberschulen. Ein Jahr später folgen alle restlichen. Die neue Schullandschaft ist allerdings nicht ganz so übersichtlich, wie die Verfechter sie gerne darstellen: Neben einzelnen Sonderschulen und den üblichen Berufsschulen wird es auch eine neue „Werkschule“ für Jugendliche geben, die sonst ohne jeden Abschluss in die Arbeitslosigkeit entlassen würden.

Die Linke und die Lehrergewerkschaft GEW lehnen den Schulkonsens ab, weil er eine auch von Rot-Grün ursprünglich favorisierte „Schule für alle“ auf Jahre hinaus unmöglich mache. Senatorin Jürgens-Pieper meint dagegen, das neue Zwei-Säulen-Modell sei ein Zwischenschritt zu diesem Ziel. Die Gymnasien gleich abzuschaffen – das traute sich die Koalition wohl doch nicht. Eckhard Stengel

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