Bildung : Der überforderte Lehrer

Nach einer aktuellen Allensbach-Umfrage erwarten die Deutschen viel von den Schulen - und werden in vielen Punkten enttäuscht.

Amory Burchard
Lehrer
Großes Vorbild. Neben Rechtschreibung und Allgemeinwissen soll die Schule vor allem soziale Kompetenzen wie Hilfsbereitschaft und...Foto: ddp

Die überwiegende Mehrheit der Deutschen hält Lehrer für überfordert und bezweifelt, dass es ihnen gelingt, den Unterrichtsstoff erfolgreich zu vermitteln. Das ergab eine gestern in Berlin veröffentlichte repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach unter 1800 Bundesbürgern. 68 Prozent der Befragten sieht die Überforderung der Lehrer mit ihren Klassen als Ursache für schlechte Schülerleistungen. Bei Eltern schulpflichtiger Kinder – unter den Anfang bis Mitte März dieses Jahres Befragten waren dies 360 Personen – sind es sogar 76 Prozent. Eine unzulängliche Vermittlung der Lerninhalte beklagen 65 Prozent aller Befragten und 72 Prozent der Eltern von Schulkindern. Am Engagement der Lehrer zweifeln 47 Prozent der Bundesbürger (52 Prozent der Eltern).

Auftraggeber der Allensbach-Umfrage ist die Vodafone-Stiftung. Mit den Ergebnissen solle für den Deutschen Lehrerpreis geworben werden, den die Stiftung gemeinsam mit dem Deutschen Philologenverband ausgeschrieben hat, hieß es.



Was die Schule leisten soll

Der allgemeinen Enttäuschung über die Leistungen der Lehrer stehen hohe und vielfältige Erwartungen an die Schulen gegenüber. Die höchsten Werte erreichen die gute Beherrschung von Rechtschreibung und Grammatik mit 88 Prozent und gute Allgemeinbildung mit 84 Prozent. Die Vermittlung von Fachwissen halten sehr viel weniger Befragte für „besonders wichtig“. Auf gute Mathematikkenntnisse legen 60 Prozent großen Wert, auf gute Englischkenntnisse 58 Prozent, auf naturwissenschaftliche Kenntnisse sogar nur 47 Prozent. Höher – zwischen 66 und 62 Prozent – rangieren soziale Kompetenzen wie Hilfsbereitschaft, Konzentrationsfähigkeit, Teamfähigkeit oder Pünktlichkeit, die die Schule vermitteln soll.

Gerade in diesen Fragen werden die Erwartungen enttäuscht: So bezweifeln 62 Prozent, dass die Schule Hilfsbereitschaft vermittelt, 56 Prozent vermissen eine Förderung der Konzentrationsfähigkeit. Besser sieht es bei den Fachkenntnissen aus – hier übersteigt das Vertrauen in die Schulen die Erwartungen teilweise: 72 Prozent glauben, dass die Kinder gut Englisch lernen, bei den Mathekenntnissen sind es 73 Prozent.

Kritik an Lernbedingungen

Zu große Klassen bemängeln 66 Prozent der Befragten, bei Eltern mit Schulkindern sind es 77 Prozent. In der Beurteilung weiterer Rahmenbedingungen für den Schulunterricht herrscht Einigkeit: Jeweils etwa die Hälfte der Befragten fordert, dass der Stundenausfall verringert werden müsste, dass ausländische Schüler mit Sprachproblemen verpflichtet werden sollten, Sprachkurse zu besuchen und dass die Schulen besser auf das Berufsleben vorbereiten sollten.

Rolle der Eltern und Schüler

Kritik wird auch an den Elternhäusern geübt. 67 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass sich die Eltern zu wenig um die schulischen Angelegenheiten ihrer Kinder kümmern. 59 Prozent glauben, viele Schüler hätten durch ihr Elternhaus „schlechte Voraussetzungen“, um in der Schule gute Leistungen zu bringen. Dies sieht auch die Gruppe der Eltern mit schulpflichtigen Kindern mehrheitlich so. Große Einigkeit herrscht auch darüber, dass Schüler zu viel fernsehen und zu viel Computerspiele spielen. Das kritisieren 68 Prozent aller Befragten und 71 Prozent der Eltern von Schulkindern. Von weit mehr als der Hälfte wird beklagt, dass sich die Schüler zu wenig für den Unterricht interessieren. Für in der Schule überfordert halten dagegen nur 14 Prozent die Schüler (17 Prozent der Eltern).

Sicht auf persönlich bekannte Lehrer

Lehrer, die eigene Kinder der Befragten unterrichtet haben oder unterrichten, werden sehr viel besser beurteilt als „die Lehrer“ allgemein. So glauben nur 12 Prozent aller Umfrageteilnehmer, dass Lehrer ihren Beruf lieben, beim Lehrer des eigenen Kindes sind es 42 Prozent. Derselbe Effekt zeigt sich bei der Bereitschaft, sich fortzubilden und neue Unterrichtsmethoden anzuwenden. Doch auch in der positiven Elternsicht sind es jeweils nur knapp 30 Prozent, die an die Innovationsfreude der Lehrer glauben. Besser ist der persönliche Eindruck vom Engagement in der Klasse: Nur 20 Prozent finden, dass sich Lehrer nicht durchsetzen können, unter allen Befragten glaubt das knapp über die Hälfte. Und während knapp ein Drittel der Umfrageteilnehmer meint, Lehrer könnten nicht mit Kindern umgehen, glauben das nur 12 Prozent der Eltern.

Was Lehrer sagen

In Deutschland werde erwartet, „dass die Schule der Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Defizite ist“, sagte Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, der die Gymnasiallehrer vertritt. Dem könnten Lehrer aber nicht gerecht werden. Insofern sähen sie sich tatsächlich überfordert. In erster Linie aber sei es ihre Aufgabe, den Unterrichtsstoff zu vermitteln. Gleichwohl müssten Lehrer „erziehend tätig sein und Werte vermitteln“. Das aber sei in den zu großen Klassen nur schwer möglich.

Auch Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), glaubt, Lehrerinnen und Lehrer könnten die Fülle der Aufgaben derzeit nicht bewältigen. Der Schule werde ein immer größerer Einfluss auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt zugewiesen. Tatsächlich aber trenne das dreigliedrige Schulsystem die Schüler zu früh. „Wir trimmen die Kinder auf Spaltung“, sagte Demmer. Das mache es schwer, solidarische Klassengemeinschaften zu bilden. Die Lösung sieht Demmer in gut ausgestatteten Ganztags- und Gemeinschaftsschulen. Sie würden den Lehrern mehr Zeit geben, ihre Schüler individuell zu fördern.

Weitere Informationen im Internet: www.lehrerpreis.de

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