Bildung : Eingliederung: ungenügend

Dem nationalen Bildungsbericht zufolge finden Hauptschüler oft nur schwer in den Beruf, wer keinen Abschluss macht, hat kaum eine Chance. Doch auch die Hochschulen könnten sich verbessern.

Uwe Schlicht

Alle zwei Jahre veröffentlichen Bund und Länder einen nationalen Bildungsbericht. Politische Empfehlungen werden in ihnen allerdings nicht gegeben. Wäre es anders, würden die Bildungspolitiker in Deutschland sehr schnell für die Beendigung dieser aufwendigen Datensammlungen sorgen. Bildungspolitik ist nach wie vor Streitthema in Deutschland und ein Schauplatz eifersüchtiger Konkurrenzkämpfe.

Die Bildungsforscher wählen sich jeweils einen neuen Schwerpunkt. 2006 war es Migration. Um endlich die wirklichen Belastungen durch die Vielzahl von Ausländerkindern in den Schulen zu erkennen, ermittelten die Forscher den Migrationshintergrund auch bei deutschstämmigen Rückkehrern aus dem Osten oder Deutschtürken, deren Kinder trotz Staatsangehörigkeit die deutsche Sprache nicht beherrschten. Plötzlich schnellte der Anteil der Bürger mit Migrationshintergrund auf 15 Prozent hoch und in Ballungsgebieten entdeckte man unter den Schülern Ausländeranteile zwischen 30 und 50 Prozent.

Schwerpunkt sind die Übergangszeiten

2008 stehen die Übergänge im Mittelpunkt. Das ist ein nicht minder brisantes Thema. Immer noch haben wir 76 000 Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen. Was passiert mit ihnen, wenn sie eine Lehrstelle suchen? Nur ein Fünftel von ihnen hat eine Chance auf einen Ausbildungsplatz im dualen System. Vier Fünftel müssen mit einem Qualifizierungsangebot im "Übergangssystem" vorlieb nehmen. Das heißt, sie müssen Lücken in ihrem Schulwissen schließen.

Sie erhalten berufsvorbereitende Maßnahmen oder ein Berufsgrundbildungsjahr. Das alles sind teure Einrichtungen. Aber die Absolventen werden von Betrieben und vom Handwerk nur ungern genommen. Die Hälfte der Teilnehmer bleibt dort 18 Monate und länger. Ähnliches passiert den Absolventen mit einem Hauptschulabschluss. Auch für die Mehrheit dieser Jugendlichen verschiebt sich der Eintritt in die Beschäftigung über das 20. Lebensjahr hinaus.

Was für eine Vergeudung von Lebenszeit! Kein Wunder, dass die Wissenschaftler unter der Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung, die den deutschen Bildungsbericht erstellt haben, eine andere Ausbildungsstatistik führen, als nach dem Berufsbildungsgesetz üblich ist. Da sind zwar im Jahr 2007 über 600 000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden. Aber die Nachfrage lag viel höher, nämlich bei 650 000.

Vergeudete Lebenszeit

Auch der Übergang von der Schule zur Hochschule bedarf einer genaueren Beobachtung. Die Zahl der Studienberechtigten steigt und steigt. Deshalb und wegen des Problems der doppelten Abiturientenjahrgänge steht Deutschland vor einem neuen Studentenberg, der bis zum Jahr 2020 bestehen soll. Warum beginnen zurzeit aber nicht mehr als 40 Prozent eines Altersjahrganges, wie es in den OECD-Ländern üblich ist, ihr Studium, sondern nur 37 Prozent? Warum brechen in Deutschland immer noch so viele ihr Studium ab, so dass die Bundesrepublik nur auf eine Quote von 22 Prozent bei den Hochschulabsolventen kommt, während vom Wissenschaftsrat 35 Prozent als Zielmarke gefordert werden?

An den schlechten Berufsaussichten für Akademiker liegt es nicht. Schon längst gilt die Bildung, und vor allem die Hochschulbildung, als Treiber, ja als Motor für einen bessere wirtschaftliche Perspektive. Um eindeutige Aussagen windet sich der Bildungsbericht herum.

Warum es weniger Studienanfänger als gewünscht gibt, könnte an der Ausweitung des lokalen Numerus clausus liegen. Inzwischen sind 50 Prozent der Studiengänge an den Universitäten mit Zulassungsbeschränkungen versehen und 35 Prozent an den Fachhochschulen. Schrecken die Studiengebühren etwa ab? Eine Antwort bleibt der Bericht schuldig.

Der Begriff "Generation Praktikum" wird vermieden

Leichte Erfolge gibt es bei der Verkürzung der Studienzeiten. In den Diplom-Studiengängen lag die Studiendauer bis zum Abschluss bei 15 Semestern, heute bei knapp über 14 Semestern. Die Dauer der Lehramtsstudiengänge hat sich von 14,2 Semestern im Jahr 2000 auf 13,1 Semester im Jahr 2006 verkürzt. Die Bachelor-Abschlüsse erreichen nicht ihr Wunschziel, das bei sechs bis sieben Semestern liegt. Dennoch schlägt mit 8,7 Semestern im Durchschnitt die Studienzeitverkürzung schon deutlich zu Buche.

Für einige Berufe zeichnen sich dramatische Entwicklungen ab. Bei den Lehrern werden in den nächsten 15 Jahren mehr als die Hälfte in Pension gehen. In den von der Wirtschaft so gefragten Natur- und Ingenieurwissenschaftlern gibt es zwar genügend Studienanfänger, aber mit die höchsten Abbrecherquoten um 30 Prozent und daher zu wenige Absolventen.

Für Hochschulabsolventen ist der Übergang in die Arbeitswelt im Allgemeinen unproblematisch. Schwerer hatten es lediglich die Abgänger der Sprach-, Kultur- und Sozialwissenschaften. Hier beginnt der Übergang oft über kleine Jobs und Werkaufträge. Das Wort von der "Generation Praktikum" vermeiden die Bildungsforscher.

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