Bildung : Lehrer, macht euren Job alleine

Eltern wollen kompetente Pädagogen, anstatt ständig einspringen zu müssen. Ein Plädoyer für Grenzen zwischen Schule und Familie.

Gerlinde Unverzagt
Sanfter Druck. Wenn Eltern zu Hilfslehrern werden, kann das familiäre Gleichgewicht kippen, warnt Autorin Gerlinde Unverzagt.
Sanfter Druck. Wenn Eltern zu Hilfslehrern werden, kann das familiäre Gleichgewicht kippen, warnt Autorin Gerlinde Unverzagt.Foto: dpa

Bildungssenator Jürgen Zöllner kommt ohne Umschweife zur Sache: „Sie als Eltern können die Schule bei der Erziehung Ihrer Kinder tatkräftig unterstützen“, schreibt er im Ratgeber für Eltern von Schulanfängern. „Ich muss Sie dringend auffordern, die Heftführung Ihrer Kinder täglich zu kontrollieren“, intoniert die Englischlehrerin der 7. Klasse das alte Klagelied über Eselsohren, Kritzeleien und rudimentäre Tafelabschriften. Muckt jemand auf? Nein. Die Eltern senken die Köpfe und notieren in ihre Blöcke „Hefte kontrollieren, täglich.“

Ohne Eltern läuft in der Schule nichts. Achselzuckende Gleichgültigkeit gegenüber der Schule, die das eigene Kind besucht, grenzt für manche schon an Kindesvernachlässigung. Kooperation ist längst zum Pflichtprogramm im kleinen Grenzverkehr zwischen Schule und Familie geworden: Eltern und Lehrer müssen Hand in Hand arbeiten, so heißt es landauf, landab, und die ureigene Berechtigung dieses modernen Muss wird kaum je infrage gestellt.

Klar, die Lehrer haben ihre eigenen Wünsche und Nöte, und was läge näher, als Eltern vor den Karren zu spannen und als Verbündete gegen das unwillige Kind zu gewinnen. Klar auch, dass Eltern sich eingeschüchtert fühlen, weil sie fürchten, ihrem Kind gereiche es zum Nachteil, wenn sie die Zusammenarbeit verweigern. Teilnahme am Elternsprechtag? Gespräche mit dem Lehrer führen? Geld einsammeln, um einen Blumenstrauß für die Lehrerin zu kaufen? Das Kind zur Brust nehmen, wenn der Lehrer dringend eine Aussprache empfiehlt? Wir sind dabei. Natürlich. Schließlich sollen (und wollen) wir uns nicht als Gegenspieler, sondern als Team verstehen.

Es macht ja auch unglaublich viel Spaß, zusammen den Klassenraum zu renovieren, ein Elterncafé einzurichten, eine Schulbibliothek zu betreuen oder sogar eine Arbeitsgemeinschaft am Nachmittag anzubieten und sich als Mathemutter, Bastelmutter, Spanischmutter und Hausaufgabenmutter in der Schule einzubringen – und das nicht nur für das eigene Kind, sondern für alle anderen gleich mit.

Ganz selbstverständlich nehmen Schulen Eltern in die Pflicht und bedienen sich der Zeit, des Geldes und der Energie von Müttern und Vätern, als stünden ihnen diese Ressourcen von Rechts wegen zu. Und wir Eltern sind mehr als bereit, uns in Dienst nehmen zu lassen und bieten in vorauseilendem Gehorsam der Schule sogar jedwede Unterstützung an.

Schulen bedienen sich der Zeit und Energie von Eltern

Den allermeisten Eltern ist ihre Bedeutung als zentrale Zuweisungsinstanz für soziale Lebenschancen der Kinder schmerzlich bewusst. Die Perfektionsnorm, für jedes Kind die optimale Entwicklung zu ermöglichen, übersetzen Eltern dabei nicht etwa in solide Kritik am Schulwesen und beinharte Forderungen an die Bildungspolitik, sondern in einen enormen Anspruch an ihre eigene Rolle und vorauseilenden Gehorsam: Mag ja sein, dass die Schule und ihre Lehrer in vielerlei Hinsicht versagen, also müssen wir wenigstens alles tun, um den Kindern eine optimale Mitgift auf ihrem schulischen Werdegang zukommen zu lassen. Möglichst hoch und gut soll schließlich der Abschluss sein; mehr als die Hälfte der Eltern wünscht das Abitur für den Nachwuchs, von den Eltern mit Abitur sind es sogar 90 Prozent.

Wo Eltern heute wie nie zuvor zum pädagogischen Freizeitunternehmer werden, wird den immer absoluter daherkommenden Ansprüchen der Schule der Familienfrieden geopfert. Der Kontrast zwischen Eltern und Lehrern verliert an Schärfe, und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern mutiert unter der Hand leicht zu einer Art Schulbeziehung, in der Zuneigung nach Noten dosiert wird. Durch sperrangelweit geöffnete Einfallstore sickern die Kriterien der Schule ins Familienleben ein: Zeitmanagement, Logistik des Lernens, Effektivität, Rationalität, Leistungsdruck – die trennende und schützende Grenze zwischen Arbeit und Spiel, Lernen und Liebe wird unscharf. Wir orientieren uns immer stärker an schulischen Belangen und lassen dabei zu, dass äußere Mächte unser Familienleben kolonialisieren.

Wenn Elternbeteiligung aber mehr will als nur helfen, nämlich mitbestimmen und gestalten, wird’s eng. Über das Trojanische Pferd der „eigenverantwortlichen Schule“ wird der Machtspielraum des Schulleiters auf Kosten der bislang entscheidenden Gremien, wie zum Beispiel der Schulkonferenz aus Lehrern, Eltern und Schülern, mehr und mehr vergrößert. Ob es Samstagsunterricht gibt, ob ein Lehrer befördert wird und nach welchen Methoden er unterrichtet, ob die Schule um acht Uhr oder später beginnt – das entscheidet der Schulleiter alles allein.

Zu Hause sollte heißen: Spielen, Nähe, Verständnis

Wenn nicht klar ist, wo die Grenze zwischen Schule und Familie verläuft, kann keiner seine Arbeit wirklich gut leisten, weil beide – Eltern und Lehrer – ihre Energie zwischen zwei großen Einflussbereichen aufteilen müssen. Eltern versuchen, Lehrern zu vermitteln, was ihre Kinder vermeintlich brauchen, Lehrer überheben sich an dem Versuch, die Erziehungsberater für Eltern zu sein.

Wie wäre das schön: Wenn das Kind den Ranzen schultert und hinterm Schultor verschwindet, können wir loslassen und sicher sein, dass die Kleinen in einer gedeihlichen Atmosphäre von kompetenten Menschen, gesegnet mit frischem Verstand und ausgebildet mit allem nötigen methodischen, fachlichen Können, begleitet werden und jeder zweifelnde Gedanke eine Energieverschwendung bedeutet.

Zu Hause wäre dann auch wirklich daheim sein dürfen: Spielen, Nähe, Wärme, Geborgenheit, Verständnis, Einkaufen, Putzen, Freunde empfangen und auch die Stunde Hausaufgaben erledigen, aber alleine und nicht argusäugig eskortiert von den Eltern. Und die Lehrer könnten endlich aufhören, die Augen zu verdrehen, wenn sie über Eltern sprechen. Denn in der Schule wären sie die Chefs und wüssten nicht nur genau, in welch großer Verantwortung sie stehen, sondern würden dieses Vertrauen auch rechtfertigen.

Sie könnten sich den Unsinn schenken, Eltern immer wieder neu mit dem neuesten Methodenschnickschnack vertraut zu machen, nur um stundenlang gequälte Diskussionen hinter sich zu bringen, die irgendwann, wenn auch das letzte Elternteil eingeschlafen ist, die Perspektive eröffnen, es doch so zu machen, wie sie’s eigentlich anfangs wollten.

Lehrer könnten selbstbewusst Eltern signalisieren, dass sie es schon allein auf die Reihe kriegen, den Kindern beizubringen, was sie brauchen. Aufgrund ihrer Kompetenz könnten sie von Eltern Vertrauen erwarten, und Eltern könnten Vertrauen gewähren; denn ihre Aufgabe ist eine andere als die des assistierenden Komplizen.

Von der Autorin ist jetzt das Buch „Eltern an die Macht. Warum wir es besser wissen als Lehrer, Erzieher und Pychologen“ erschienen (Ullstein, 240 Seiten, 18 €). Der vorliegende Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch.

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