Bildung : "Pisa ist ein Glücksfall für Deutschland"

Manfred Prenzel zieht Bilanz - zum Ende seiner Amtszeit als deutscher Leiter der Bildungsstudie.

Pisa-Studie
Der Landeselternausschuss Berlin kritisiert die Schulpolitik im Land.

Herr Prenzel, wie sind die Erfolge der ostdeutschen Länder zu erklären?

Relativ einfach: Man besinnt sich dort auf das Kerngeschäft des Unterrichts und man spart sich Debatten über komplizierte Schulsysteme. Und man hat es verstanden, Lehrkräfte, die unter schwierigen Beschäftigungssituationen arbeiten, für ein starkes Engagement für die Schüler zu gewinnen. In Sachsen fällt auf, dass sie es dort schaffen, leistungsschwächere Schüler auf ein gutes Grundniveau zu bekommen. Da ist Sachsen die Messlatte für Deutschland.

Frühere Erfolge in Sachsen-Anhalt wurden auf einen Mentalitätswandel bei Schülern, Eltern und Lehrern zurückgeführt. Gilt das jetzt für ganz Ostdeutschland?

Mentalitäten spielen durchaus eine Rolle. Wir haben in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Traditionen: Wie wichtig nehmen wir die Schule, wie gehen wir mit Schwierigkeiten um, wie versuchen wir ein gemeinsames Verständnis von Schule zu entwickeln? Offenbar fühlen sich in den neuen Ländern alle Beteiligten stärker verantwortlich für die Schülerleistungen.

Sind die Reformmaßnahmen vielleicht gar nicht so wichtig – wenn nur die Leistungsbereitschaft stimmt?

Reformmaßnahmen sind wichtig, um Schulen stärker verantwortlich zu machen für ihre Ergebnisse. Das setzt aber voraus, ihnen mehr Freiheiten zu geben. Freiheit, um neue Lehrkräfte nach dem tatsächlichen Bedarf der einzelnen Schule einzustellen, um schulnahe Lehrpläne zu entwickeln oder um Klassen individuell zusammenzustellen.

Welche Rolle spielt die Zweigliedrigkeit des Schulsystems in Ostdeutschland? Dort gibt es keine Hauptschulen und Realschulen, sondern die Schüler lernen gemeinsam in Mittelschulen oder Sekundarschulen – und in Gymnasien.

Die Zweigliedrigkeit macht die Situation einfacher, trotz des Bevölkerungsschwundes können alle Schüler eine Schule in ihrer Nähe erreichen. Und innerhalb der Zweigliedrigkeit stellt man sich relativ konsequent auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen ein. Schulleitungen und Lehrer sorgen dafür, dass alle Lernfortschritte machen – auch die schwachen Schüler.

Viele Schulprobleme entstehen offenbar in der Sekundarstufe, also nachdem die Kinder auf verschiedene Schularten aufgeteilt wurden. Was machen die Oberschulen falsch?

Wir sehen auch bei den Grundschulstudien, dass es beträchtliche Anteile von Schülern gibt, die erkennbare Schwächen mitbringen. Aber vor allem beim Lesen glauben die Sekundarschulen, die Schüler nicht mehr fördern zu müssen. Dabei ist das Lesen in jedem Fach eine entscheidende Kompetenz, die man auf ganz hohes Niveau bringen könnte. Bis ins Studium hinein werden wir mit neuen, anspruchsvollen Texten konfrontiert, deshalb muss diese Kompetenz systematisch ausgebaut werden.

Sie wollten sich in der Debatte um die Schulstruktur nie so richtig positionieren. Wie stehen Sie heute zur Abschaffung der Hauptschule zugunsten von Gemeinschaftsschulen?

An Hauptschulen in Stadtstaaten, die einen Anteil von knapp zehn Prozent der Schüler haben, ist es für die Lehrer extrem schwer zu unterrichten. Es hat aber keinen Sinn, diese Schulart zu vergrößern. Man kann die einmal geschaffenen Probleme nicht rückgängig machen. In den Ländern werden derzeit ja auch viele Modelle zur Abschaffung der Hauptschule entwickelt. Das ist aber auch problematisch: Die Schulstruktur droht bundesweit sehr uneinheitlich und kompliziert zu werden. Da sind die Kultusminister gefragt, Lösungen zu finden.

Sie geben jetzt die Federführung für die Pisa-Studie an Ihren Kollegen Eckhard Klieme in Frankfurt am Main ab. Mit welchen Erwartungen sind Sie 2003 als nationaler Projektmanager für Pisa angetreten?

Ich habe von Anfang an Pisa als Glücksfall für das Bildungssystem in Deutschland wahrgenommen. Endlich wurden mit ausgezeichneten Stichproben und Testverfahren solide Daten erhoben, die zuverlässige Hinweise auf Stärken und Schwächen unserer Schulen geben. Die Befunde sind nicht nur für eine vernünftige datengestützte Politik wichtig, sondern bringen auch unser Verständnis von Unterricht und Schule weiter. Mein Eindruck ist, dass diese Hoffnungen eingelöst werden konnten, auch wenn das Zusammenspiel von Politik und Bildungsforschung nicht immer konfliktfrei ist.

Weil deutsche und spanische Medien 2007 vorab über Teilergebnisse der dritten Pisa-Studie berichtet haben, wurden die Bildungsforscher dieser Länder von Vorabinformationen der OECD ausgeschlossen. Wie hat sich das ausgewirkt?

Die OECD hat für Deutschland ein einjähriges Embargo ausgesprochen, das den Zugang zu Vorabveröffentlichungen und internen Daten sperrt. Wir haben deshalb zum Beispiel keinen Einblick in die aktuellen Versionen des jüngsten technischen Berichts. Für eine nationale Projektleitung fatal wäre es, wenn in der Ernstphase der Berichtsvorbereitung kein Zugang zu den internationalen Datensätzen möglich wäre. Aber bis dahin sollte das Embargo abgebüßt sein.

Die am Dienstag präsentierte deutsche Länderauswertung von Pisa 2006 ist die letzte Ergänzungsstudie zur internationalen OECD-Untersuchung. Offenbar wollen die Politiker es nicht mehr so genau wissen, was die Pisa-Forschung zu sagen hat?

Es gab und gibt Tendenzen, sich von internationalen Verbindlichkeiten etwas zu befreien. Auch löst das Stichwort Pisa bei manchen inzwischen Unbehagen aus, weil es in der Öffentlichkeit sofort große Aufmerksamkeit und Diskussionen auslöst. „Ländervergleiche anhand von Bildungsstandards“ klingt da schon harmloser – und amtlicher.

2009 kommt zwar als Ersatz für Pisa-E die Studie des Berliner Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) für die 9. Klassen. Aber ein direkter Ländervergleich soll künftig nicht mehr möglich sein. Was kann das IQB nicht leisten, was Pisa geleistet hat?

Wie in Zukunft die Ländervergleiche erfolgen sollen, ist meines Wissens noch nicht endgültig entschieden. Das IQB ist eine leistungsstarke Einrichtung, die sicher viel heben kann. Ein großer Vorteil von Pisa sind die internationalen Spielregeln und Kriterien, die einem viele Diskussionen auf der nationalen Ebene ersparen. Für zukünftige Ländervergleiche werden das IQB und seine Leitung in diesem Punkt selbstbewusst und extrem belastbar sein müssen.

Haben Sie jemals Versuche von Politikern erlebt, die Darstellung der Pisa-Ergebnisse zu beeinflussen?

Es gab niemals Versuche von Seiten der Politik, das Design der Studie und die Auswertungen zu beeinflussen. Allerdings war es nicht immer selbstverständlich, dass zum Beispiel Unterschiede zwischen den Schularten in den Ländern berichtet werden. Aber ohne diese Berichte wären etwa die Probleme der Hauptschulen in den Stadtstaaten nicht thematisiert und angegangen worden.

Das Interview führte Amory Burchard.

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