Bildung : Regelschulen sollen Behinderte aufnehmen

85 Prozent der behinderten Schüler gehen auf Sonderschulen. Verbände fordern jetzt ein „inklusives Bildungssystem“.

Amory Burchard

Wie wird das deutsche Schulsystem behinderten Kindern und Jugendlichen am besten gerecht? Nachdem Deutschland die UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen im Dezember 2008 ratifiziert hat, sollte die Antwort auf der Hand liegen: Die Vertragsstaaten verpflichten sich zu einem „inklusiven Bildungssystem“, in dem Schüler mit Behinderungen an Regelschulen unterrichtet werden – individuell gefördert auch durch zusätzliche Lehrkräfte. Tatsächlich aber besuchen 85 Prozent der deutschen Schüler mit Förderbedarf eine Sonderschule. Der Anteil der Kinder, die an allgemeinen Schulen am Regelunterricht teilnehmen, ist im europäischen Vergleich überproportional gering.

Der Sozialverband Deutschland (SOVD) hat jetzt die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention gefordert. Der Vorrang der gemeinsamen Beschulung müsse in den Schulgesetzen aller Länder verankert werden. Die Eltern behinderter Kinder sollten einen verbindlichen Rechtsanspruch auf einen Regelschulplatz erhalten – ohne die bisherigen Vorbehalte, dass die gewünschte Schule personelle und bauliche Voraussetzungen erfüllen muss. Gesetzlich verankert werden solle auch binnendifferenzierter Unterricht in allen Schulformen, damit behinderte Kinder voll einbezogen werden können. Eine entsprechende Resolution hatten kürzlich auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie die Bundesbehindertenbeauftragte unterzeichnet.

Von den Kultusministern fordert der SOVD neue sonderpädagogische Leitlinien. Förderangebote und qualifiziertes Personal der Sonderschulen sollten auf Regelschulen übertragen werden. Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Henry Tesch, bekannte sich Anfang März zwar zu einer „differenzierten Förderung von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf“. Sie müssten gezielter gefördert werden und bedürften einer individuelleren Lernplanung, um möglichst auch den Hauptschulabschluss zu erwerben. Wie die Empfehlungen der UN-Konvention jedoch umzusetzen seien, soll zunächst eine Arbeitsgruppe der KMK beraten.

„Eine Politik der Absonderung“ hatte auch Vernor Muñoz, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, den deutschen Schulen vorgeworfen. Nachdem er 2006 Bildungseinrichtungen in Deutschland inspiziert hatte, fällte Muñoz im Jahr darauf ein vernichtendes Urteil insbesondere über den Umgang mit behinderten Kindern. Das deutsche Schulsystem sei extrem selektiv und diskriminierend – auch gegenüber Kindern aus Migrantenfamilien, die häufig aufgrund von Sprachschwierigkeiten auf Förderschulen geschickt werden.

Gegen eine generelle gemeinsame Beschulung haben sich jedoch immer wieder Sonderpädagogen gewandt: Behinderte Kinder würden in Sonderschulen am besten gefördert, „normaler“ Unterricht würde sie nur frustrieren. Aus der Sicht von Erziehungswissenschaftlern wie Ulf Preuss-Lausitz von der TU Berlin gilt jedoch das Gegenteil: Sonderschüler fühlten sich stigmatisiert, seien unmotiviert. An Regelschulen würden sie von Stärkeren profitieren.

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