Bildung : Schule ohne Werte

Experten warnen vor einem auf die Arbeitswelt verengten Bildungsbegriff. Die Schulen müssen ebenso Räume für musische Ausbildung und politische Aktivitäten schaffen.

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Unter Druck. Vor einer Ökonomisierung der Bildung warnt Heike Solga (WZB). Foto: dpadpa

Schule ist mehr als Pisa, hat kürzlich Bundesbildungsministerin Annette Schavan erklärt. Gemeinsam mit dem neuen Präsidenten der Kultusministerkonferenz der Länder, Ludwig Spaenle, will sie in den nächsten Jahren ein besonderes Augenmerk auf die kulturelle Bildung richten – als Schwerpunktthema eines der künftigen nationalen Bildungsberichte.

Wie eine Vertiefung dieser bildungspolitischen Aussagen klangen die Ausführungen auf dem „kleinen Bildungsgipfel“, den jetzt das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) veranstaltet hat. Der Nestor der deutschen Soziologen, Rainer Lepsius, bezeichnete es als eine Verengung, die Bildung mit der formalen Schulbildung zu identifizieren. Kulturtechniken und die Gesinnung, die ebenfalls zur Bildung gehörten, würden in der Familie, im Freundeskreis, in peergroups geformt, aber nicht unbedingt durch die Schulbildung. Zum Beispiel habe sich die Verbreitung der Computertechnik in der jungen Generation im Wesentlichen schon vollzogen, bevor die Schule deren Notwendigkeit aufgegriffen habe. Die Alltagsbildung halte die Gesellschaft zusammen.

Lepsius verwies auf eine bittere Erfahrung der Geschichte: In der nationalsozialistischen Führung seien viele Absolventen des humanistischen Gymnasiums gewesen. „Bildung schützt nicht vor politischem Unsinn und Enthumanisierung.“ Der Soziologe leitete daraus die Forderung ab, die Bildung nicht auf bloße Berufsfertigkeiten und Kompetenzen zu beschränken, sondern auch die Selbstreflexion und die Entwicklung von Werten zu fördern. Als aktuelles Beispiel für den Verlust an Werten nannte Lepsius die Wahlmüdigkeit. „Ich gehe nicht mehr zur Wahl, weil mir der Wertebezug zur Gesellschaft entfallen ist“, laute die Begründung.

Auch der langjährige Lehrer und Mitbegründer der Grünalternativen Liste in Hamburg, Kurt Edler, argumentierte auf dieser Ebene. Die Schule dürfe sich nicht nur auf die Qualifizierung für die künftige Arbeitswelt beschränken, denn eine solche Qualifizierung gebe es auch in Diktaturen. Bildung sei mehr: Sie müsse für den Fortbestand der Demokratie und die Achtung vor den Menschenrechten auch in künftigen Generationen sorgen. Die Bildungsexpertin des Wissenschaftszentrums, Heike Solga, warnte vor einer Verengung des Bildungsbegriffs durch die OECD und die EU. Bildung sei mehr als eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Wirtschaft oder die Schaffung von Arbeitsplätzen. Bildung werde unterschätzt, wenn man sie auf ökonomisch verwertbare Qualifikationen reduziere. Kurt Edler berichtete von den Wirkungen einer solchen Sichtweise: „Die Bildungsangst steht den Eltern ins Gesicht geschrieben.“ Die Schüler stünden unter Druck und seien getrieben vom „Gespenst des ökonomischen Versagens“. Selbst Gymnasiasten hätten eine verengte Auffassung: Noch in der Oberstufe herrsche unter Schülern die Vorstellung, dass es vor dem Unterricht und nach dem Unterricht keine Bildung gebe.

Ob die Reduzierung der Gymnasialzeit auf acht Jahre und die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master der Bildung nütze, fragte Moderatorin Jutta Allmendinger, die Präsidentin des WZB. Die Schule müsse unbedingt Freiräume für musische Bildung und politische Aktivitäten öffnen, sagte Lepsius. Das Schlimmste seien die Eltern, vor allem jene Mütter, die schon in der Grundschule die Hausaufgaben ihrer Kinder erledigten und diese daran hinderten, aus Fehlern zu lernen. Heike Solga sah zumindest in der Ausbreitung von Ganztagsschulen einen positiven Ansatz, um die Schule auch für das Leben zu öffnen. Uwe Schlicht

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