Bildung : Studenten der ersten Generation gesucht

21.12.2010 22:51 UhrVon Ann-Kathrin Nezik
Selbstbewusst. Dank der Seminare beim Studienkompass weiß er heute viel mehr über Studienmöglichkeiten als seine Mitschüler in Berlin-Tegel, sagt Ivan Lemisev, der im Märkischen Viertel aufgewachsen ist. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Selbstbewusst. Dank der Seminare beim Studienkompass weiß er heute viel mehr über Studienmöglichkeiten als seine Mitschüler in Berlin-Tegel, sagt Ivan Lemisev, der im Märkischen...

Nur ein Viertel der Kinder nicht studierter Eltern geht an die Uni. Zwei Initiativen kämpfen gegen Ängste und Unwissenheit.

Für Universitäten wie für Arbeitgeber, die sich immer mehr um junge und vor allem hochqualifizierte Talente reißen, ist Ivan Lemisev ein Traumkandidat: Der Gymnasiast hat gute Noten, ist motiviert und engagiert sich noch dazu in seiner Freizeit ehrenamtlich für Aussiedlerkinder. Glaubt man allerdings den Zahlen, dann würde Ivan der Wirtschaft als hochqualifizierte Fachkraft mit hoher Wahrscheinlichkeit verloren gehen. Der 19-Jährige würde nicht studieren – aufgrund eines kleinen, aber bedeutenden biografischen Details, das ihn von den meisten seiner Mitschüler des Humboldt-Gymnasiums im bürgerlichen Tegel unterscheidet: Ivan wohnt im Märkischen Viertel, seine Eltern machen seit ihrer Übersiedlung aus dem russischen Omsk vor neun Jahren Jobs, die unter ihrer eigentlichen Qualifikation liegen.

Ivan ist ein Arbeiterkind.

Laut der letzten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2009 nehmen lediglich 24 Prozent aller jungen Leute, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben, ein Studium auf. Bei den Akademikerkindern sind es dagegen ganze 71 Prozent. Die Gründe, warum so wenige Nichtakademikerkinder an die Unis gehen, liegen meist irgendwo zwischen Einschulung und Abschlussfeier. In den entscheidenden Monaten vor dem Abitur jedoch sind es oft Unsicherheit und Informationsmangel, die sie davon abhalten, zu studieren. Welche Studienfächer gibt es? Wie bewerbe ich mich? Und was bringt mir ein Studium überhaupt? Das wollen die Initiative Studienkompass, getragen von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und anderen wirtschaftsnahen Stiftungen, und die Internetplattform Arbeiterkind.de ändern. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, mehr Nichtakademikerkinder zu einem Studium zu motivieren.

Dass Informationsmangel für Kinder ohne Akademikereltern oft eine große Hürde auf dem Weg an die Hochschule ist, weiß Katja Urbatsch aus eigener Erfahrung. Urbatsch ist Gründerin von Arbeiterkind.de und war selbst die Erste in ihrer Familie, die studiert hat: „Meine Mitschüler wussten durch ihre Eltern viel besser Bescheid, wie die Uni funktioniert“, sagt die Doktorandin. Für die meisten Akademikerkinder sei es selbstverständlich zu studieren, während sich dies junge Menschen aus Nichtakademikerfamilien oft trotz guter Noten nicht zutrauten, berichtet auch Christian Arndt von Studienkompass. „Ihnen fehlt häufig ein Vorbild“, sagt er.

Die Frage, wie man sein Studium finanzieren kann, sei eine der häufigsten und brennendsten, die Nichtakademikerkinder beschäftigte, so die Erfahrung der beiden Initiativen. „Viele junge Leute haben Angst davor, das Bafög nach dem Studium nicht zurückzahlen zu können“, sagt Urbatsch. Dennoch spiele bei der Entscheidung für oder gegen ein Studium längst nicht nur die finanzielle Situation der Eltern eine Rolle, sondern auch deren Bildungshintergrund. Viele Arbeiterkinder müssten sich bei ihrer Familie für ihr Studium rechtfertigen – vor allem dann, wenn andere junge Menschen in ihrer Umgebung dank Lehrstelle schon nach der Schule Geld verdienen.

Doch ein Studium führt in der Regel in eine qualifizierte und gut bezahlte Arbeit. Das will Ulrich Hinz, Programmleiter des Studienkompass der Stiftung der Deutschen Wirtschaft Jugendlichen aus nichtakademischen Elternhäusern vermitteln. Durch ein Studium sei man in seiner Berufswahl wesentlich offener und flexibler, was in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt immer wichtiger sein werde. Allerdings habe die Stiftung der Deutschen Wirtschaft auch ein volkswirtschaftliches Interesse, dass mehr junge Menschen möglichst gut qualifiziert verantwortungsvolle Aufgaben in Wirtschaft und Gesellschaft wahrnehmen können, sagt Hinz.

Wer von Studienkompass unterstützt wird, muss potenziell in der Lage sein, ein Studium erfolgreich abschließen zu können. Um in das Förderprogramm aufgenommen zu werden, müssen Bewerber ein Auswahlverfahren bestehen, bei dem grundlegende mathematische Fähigkeiten, logisches Denken und Motivation getestet werden. Gute Noten seien aber nicht ausschlaggebend. „Wir nehmen Schüler, die großes Interesse haben, sich mit ihrer Zukunftsplanung zu beschäftigen“, sagt Hinz. Bewerben können sich alle Schüler der 11. Klasse, deren Eltern nicht studiert haben. Auch Kinder von Migranten, deren Hochschulabschluss in Deutschland nicht anerkannt wird oder Schüler, die keinen Kontakt mehr zu ihrem studierten Vater oder ihrer studierten Mutter haben, sind Kandidaten.

Wer sich in dem Auswahlverfahren gegen die Konkurrenz durchgesetzt hat, wird drei Jahre lang intensiv betreut – von der 12. Klasse bis zum ersten Studienjahr. Die Teilnehmer besuchen Unternehmen und Hochschulen, hören Vorträge zu Studienfinanzierung oder Zeitmanagement und versuchen in der Gruppe, die eigenen Stärken und Interessen herauszuarbeiten. Eine Art Coaching also. Anders als Initiativen wie etwa das Diversity-Stipendium, das der Tagesspiegel und die European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin an Studierende mit Migrationshintergrund vergeben, unterstützen Studienkompass und Arbeiterkind.de die Schüler nicht finanziell.

Insgesamt fördert Studienkompass derzeit 1000 Schüler und Studienanfänger, davon 105 in Berlin. Die Erfolgsquote ist hoch: Im Schnitt entscheiden sich über 90 Prozent der geförderten Schüler nach dem Abitur für ein Studium – und längst nicht alle für ein Wirtschaftsstudium.

Auch Ivan Lemisev vom Humboldt-Gymnasium wird seit eineinhalb Jahren von Studienkompass gefördert und ist inzwischen fest entschlossen, BWL zu studieren. „Das Programm hat mich in meiner vagen Idee gefestigt“, sagt der Schüler der 13. Klasse. Davon überzeugt, dass ein Studium der richtige Weg für ihn ist, war Ivan im Gegensatz zu vielen Studienkompass-Teilnehmern allerdings schon am Anfang, trotz manchem blöden Spruch aus dem Märkischen Viertel: „Lernen ist einfacher als auf dem Bau zu arbeiten“, findet er.

Während Studienkompass relativ wenige Nichtakademikerkinder intensiv unterstützt, setzt Arbeiterkind.de auf eine breitere und offenere Förderung. 2008 als reine Internetplattform mit Informationen rund ums Studium gestartet, ist die Initiative inzwischen bundesweit aktiv und hat 1500 ehrenamtliche Mentoren – viele davon selbst Arbeiterkinder. Schüler und Studienanfänger können eine E-Mail an die Mentoren schreiben oder die Sprechstunde einer der Regionalgruppen besuchen. „Die meisten haben ein oder zwei Fragen“, berichtet Vivien Hinz, die die Aktivitäten der Berliner Gruppe koordiniert. „Viele melden sich aber dann noch einmal wieder.“ Manchmal betreut die Initiative Schüler auch über Wochen und Monate – je nach Bedarf, wie Gründerin Katja Urbatsch sagt. Kontrolliert, ob die Schüler oder Studenten tatsächlich Nichtakademikerkinder sind, werde aber nicht.

Wie finde ich unter der Vielzahl an Studiengängen den richtigen für mich? Was ist eine Semesterwochenstunde? Solche Fragen beschäftigen schließlich nicht nur Arbeiterkinder, so die Erfahrung der beiden Initiativen. Zusätzlich zur individuellen Förderung von Nichtakademikerkindern gehen sie deshalb an Schulen, um alle Oberstufenschüler über Studienmöglichkeiten nach dem Abi zu informieren. „Die wenigsten wissen darüber ausreichend Bescheid“, sagt Ulrich Hinz von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Studienkompass organisiert demnächst auch eine Lehrerfortbildung zum Thema Studieninformation und verhandelt zurzeit mit einigen Kultusministerien über weitere Förderungsmöglichkeiten für alle Schüler.

Studienkompass-Stipendiat Ivan Lemisev jedenfalls hat seinen Mitschülern mit akademischen Eltern inzwischen einiges voraus, wie er findet: „Ich weiß viel mehr übers Studieren als sie.“

Informationen im Internet:

www.arbeiterkind,de

www.studienkompass.de

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