Bildung und Beruf : Die Macht der Matrix

Das Abitur steht über den meisten Berufsausbildungen, meinen die Kultusminister. Eine einsame Position.

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Runter mit dem Abitur! Das fordert die SPD im Bundestag und läutet damit eine weitere Runde im Streit um den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) ein. Nicht auf Stufe fünf soll das Abitur im DQR stehen, wie es die Kultusminister im Oktober einstimmig beschlossen haben. Denn damit würde es sich über die Mehrheit der Berufsausbildungen erheben. Vielmehr will die SPD-Fraktion das Abitur auf Stufe vier sehen – Seit’ an Seit’ mit der Masse der deutschen drei- und dreieinhalbjährigen Berufsausbildungen, dort, wo auch die anderen EU-Länder ihre Abiture einordnen. Der Antrag der SPD-Fraktion liegt nicht nur auf einer Linie mit den Wirtschaftsministern der Länder und mit der Bundesbildungsministerin, sondern auch mit den Gewerkschaften und Arbeitgebervertretern. Die Kultusminister kämpfen recht einsam um das Abitur auf Stufe fünf.

Seit mehreren Jahren schon arbeiten Repräsentanten von Politik und Verbänden an der Matrix des DQR. Sie soll die fachlichen und personalen Qualifikationen auf acht Niveaustufen einordnen – vom Förderschulabschluss bis zum Doktorgrad. Auf jeder Stufe werden die Felder „Wissen“, „Fertigkeiten“, „Sozialkompetenz“ und „Selbständigkeit“ dieses Niveaus beschrieben (siehe Grafik). Damit soll Deutschland wie andere EU-Länder die Qualifikationen seiner Bürgerinnen und Bürger in den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) einspiegeln können, der 2008 in Kraft trat. Ziel ist es, im EU-Raum Transparenz und Vergleichbarkeit herzustellen, um die Mobilität auf dem Arbeitsmarkt zu fördern. In alle neuen Zertifikate über Berufsausbildungen und (Hoch-)Schulabschlüsse soll eingetragen werden, welche Stufe im Qualifikationsrahmen damit erreicht ist.

Rechtliche Verbindlichkeiten entstehen dadurch nach Expertenmeinung eher nicht. Die EU-Richtlinien für die gegenseitige Anerkennung von Berufsausbildungen und dem Abitur werden von dem EQR nicht berührt. Doch die Vertreter der verschiedenen Interessengruppen rechnen damit, dass die Matrix mittelfristig ihre symbolische Macht entfalten wird.

So ist das Vorhaben in Deutschland seit langem umstritten. Denn es berührt Statusfragen und das Selbstverständnis der unterschiedlichen Akteure. „Dirigistisch und menschenverachtend“, nennt es der Deutsche Hochschulverband, die Vereinigung der konservativen Professoren, und glaubt an ein „Beschäftigungsprogramm für Technokraten“.

Die Gewerkschaften und die Arbeitgeber hingegen begrüßen die neuen Rahmen im Wesentlichen. Sie hoffen, dass damit der Berufsausbildung zu zusätzlichem Ansehen verholfen und die Bildungswelt durchlässiger wird. Denn die in der Ausbildung erworbenen Kompetenzen gelten im EQR und im DQR zwar nicht als „gleichartig“ mit den allgemeinbildenden Schulabschlüssen und den Hochschulabschlüssen, wohl aber als „gleichwertig“. So kommt ein Handwerksmeister auf Stufe sechs, nicht anders als ein Bachelorabsolvent. Und das höchste Niveau, Stufe acht, bleibt nicht den Doktorierten vorbehalten, sondern kann auch über hohe Positionen in der beruflichen Karriere erreicht werden. Die Gewerkschaften hoffen, dass ihnen der DQR mittelfristig eine günstigere Ausgangsposition in Tarifverhandlungen verschafft.

Dieser Pragmatismus ist vermutlich die beste Haltung beim Umgang mit dem DQR und dem EQR. Denn die Qualifikationsrahmen werfen noch nach jahrelangen Debatten der Experten ungezählte Fragen auf, praktische wie kulturkritische. Willkürlich mutet etwa die Festlegung auf acht Qualifikationsstufen an. Warum sind es nicht sechs oder 30 Stufen? Irland hat für sich bereits ein zehnstufiges Modell gewählt. Fragwürdig sind nicht zuletzt die Kategorien, mit denen jede Stufe beschrieben wird. Hochschulabsolventen (Stufe sieben) wird dabei zum Beispiel im DQR pauschal unter dem Kriterium „Sozialkompetenz“ die Fähigkeit zugetraut, „die fachliche Entwicklung anderer gezielt zu fördern“. Von Doktorierten (Stufe acht) wird das Gleiche erwartet, jedoch ergänzt um die Qualität, „nachhaltig gezielt zu fördern“. Gibt es einen Arbeitgeber, dem diese Beschreibung bei der Personalsuche weiterhilft? Vermutlich käme in den Personalbüros Europas ohnehin niemand auf die Idee, die Summe von Persönlichkeitsmerkmalen eines Mitarbeiters und ihr komplexes Zusammenwirken im Beruf auf so schlichte Weise zu schematisieren.

Bernhard Kempen vom Hochschulverband ärgert sich denn auch über die „ökonomistische Schablone“, die den EU-Bürger nach seinem Wert für den Markt messe. „Auf welcher Stufe hätte man Kant eingeordnet? Ganz unten?“, fragt der Kölner Jura-Professor: „Kant war ein unscheinbarer nerd. Er war nicht teamfähig, hatte keine Führungskompetenz und hat zur Wirtschaft absolut nichts beigetragen. Aber hat er die Welt verändert.“

Um den Bildungsbegriff der Matrix haben die unterschiedlichen Verbände lange gerungen. Je nach Interessenlage kritisierten die einen, akademische Qualifikationen würden zu Unrecht zur Messlatte gemacht, während die anderen eine Dominanz von Berufsqualifikationen monierten. Inzwischen hat sich die Hochschulrektorenkonferenz, die sich vor einer „Deregulierung“ des Hochschulzugangs fürchtet, resigniert abgewandt. Sie tröstet sich damit, dass die EU schon lange einen „Bologna-Rahmen“ und Deutschland einen Hochschulqualifikationsrahmen (HQR) hat, der die Studienabschlüsse zur Zufriedenheit der Hochschulen beschreibt und mit dem der DQR nicht hinfällig wird.

So wird jetzt nur noch um das Abitur gestritten. Warum muss es höher als das anderer EU-Länder gewertet werden? Ties Rabe, Schulsenator in Hamburg und Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), argumentiert mit dem höheren Niveau: „Deutlich unter Wert“ würden das (Fach-)Abitur und eine Reihe von Ausbildungsgängen im europäischen Vergleich eingestuft, würde man sie nur auf Stufe drei und vier einordnen. Die Kultusminister sehen dreieinhalbjährige anspruchsvolle Ausbildungen neben dem Abitur auf Stufe fünf, dreijährige Ausbildungen auf Stufe vier, zweijährige auf Stufe drei. Ob aber alle dreieinhalbjährigen Ausbildungen (etwa 50 von 320 Ausbildungsberufen) aus Sicht der Kultusminister mit dem Abitur auf Augenhöhe stehen, lassen sie lieber im Dunkeln. „Wie der Teufel das Weihwasser“ fürchte die KMK klare Aussagen zu diesem Thema, sagt ein Insider. Dass die KMK überhaupt Ausbildungsgänge neben dem Abitur auf Stufe fünf erlauben wolle, sei nur eine Strategie, um die Front der Sozialverbände aufzuweichen.

Wie geht es weiter? Sollten sich die unterschiedlichen Akteure nicht einigen, schlägt die SPD im Bundestag nun vor, das Abitur und die anderen allgemeinbildenden schulischen Abschlüsse ganz aus der Matrix zu entfernen. Diesen Weg hat bereits Frankreich für seine allgemeinbildenden Schulabschlüsse eingeschlagen. Der Deutsche Philologenverband, die Vertretung der Gymnasiallehrer, könnte damit gut leben, wie Peter Meidinger sagt: „Kommt das deutsche Abitur nur auf Stufe vier, hätte der DQR sowieso keinen Aussagewert mehr, alles würde einfach gleichgemacht.“

Auch die KMK scheint sich schon auf ein Rückzugsgefecht einzustimmen: „Angesichts vieler Unklarheiten und der extremen Unterschiede zwischen den europäischen Ländern kann es Bereiche geben, die zum jetzigen Zeitpunkt vernünftigerweise nicht seriös eingeordnet werden können“, erklärt KMK-Präsident Rabe. „Temporäre Überbrückungsmaßnahmen“ seien da „kein Beinbruch“. Am 31. Januar wollen die Akteure erneut nach einem Ausweg suchen.

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