Bildung : Universität versus Fachhochschule

Wo jemand am besten studieren soll, hängt von seinen Neigungen ab. Unis sind praxisferner – selbst im Bachelor.

Tina Rohowski
278569_0_ec08561a.jpg
Forschen für die Anwendung. Studenten im Studiengang Facility Management der Beuth-Hochschule mit ihrer Professorin. -Foto: Rückeis

Fast 400 Hochschulen gibt es in Deutschland. Daher fällt es Studierenden oft schwer, sich für eine zu entscheiden. Wer sich für Fächer rund um Technik, Wirtschaft oder Sozialwesen interessiert, muss zudem wissen: Ist für mich ein Studium an der Universität oder an einer Fachhochschule (FH) das Richtige?

Experten raten, sich zunächst zu fragen: Interessiert mich vor allem die Praxis oder auch der theoretische Hintergrund eines Faches? In ihren Sprechstunden gehörten solche Neigungen zu den wichtigsten Kriterien, sagt Irene Vogt, Abiberaterin der Berliner Arbeitsagentur. Wenn Schüler ganz genau wissen wollen, in welchem Beruf sie nach einem bestimmten Studium arbeiten werden, „kann das ein Zeichen dafür sein, dass sie eher zur Fachhochschule gehen sollten“. Dort seien die Fächer stärker auf die spätere Arbeitswelt zugeschnitten. Studiengänge wie Veranstaltungsmanagement oder Verpackungstechnik bilden speziell für bestimmte Branchen aus.

In den Lehrveranstaltungen geht es an der FH stärker um anwendbares Wissen, während an der Universität ein größerer Teil des Studiums auf die theoretische Bildung sowie auf umfangreiche natur- und technikwissenschaftliche Grundlagen entfällt. Insgesamt ist die Ausbildung an der Universität in der Tiefe anspruchsvoller, sagt Vogt. Daher könne auch der Blick auf die Schulnoten aufschlussreich sein: „Mit den Anforderungen an der Universität kommt besser klar, wer vor allem in Deutsch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften sehr gute Zensuren hatte.“ Trotzdem ist es nicht selten so, dass Fachhochschulen wegen ihrer Beliebtheit höhere NCs haben als Unis.

Zum Studium an der Fachhochschule gehören häufiger Praxisprojekte oder Abschlussarbeiten in der Wirtschaft. „Oft besteht ein enger Kontakt zwischen Lehrenden und regionalen Unternehmen“, sagt Reinhard Thümer, Präsident der Beuth-Hochschule für Technik in Berlin. Die Hochschule hieß noch vor zwei Monaten Technische Fachhochschule (TFH). Doch in Berlin wie auch in vielen anderen Bundesländern haben die Fachhochschulen die Silbe „Fach-“ in ihrem Namen abgelegt, weil sie international nicht verständlich sei.

Der starke Branchenbezug der Fachhochschulen ergebe sich auch aus dem Werdegang ihrer Wissenschaftler, sagt Thümer: „Im Gegensatz zur Universität müssen Professoren an Fachhochschulen fünf Jahre Berufspraxis nachweisen.“ Das verändere ihre Denkweise und ihre fachlichen Schwerpunkte: „An den Unis wird eher Grundlagenforschung betrieben, bei uns geht es darum, wo man das Wissen anwenden kann.“

Ein Beispiel aus der Beuth-Hochschule: Zoobesucher sollen auf ihr Handy Informationen über die Tiere erhalten. Studierende an der Fachhochschule fragen dann: Wie kann man den Service so benutzerfreundlich gestalten, dass auch die Großmutter oder ihr Enkelkind das Infoprogramm bedienen können? „An der Universität würde man sich eher mit den mathematischen Grundlagen, beispielsweise der benötigten Kapazität eines zentralen Rechners befassen“, erklärt Thümer.

Neben den fachlichen Unterschieden könnten Lehrorganisation und Betreuung wichtige Faktoren für Studienbewerber auf der Suche nach der richtigen Hochschule sein. Befragungen zeigen, dass FH-Studenten ihren Studienablauf als stärker reglementiert empfinden: 78 Prozent geben im „Studierendensurvey“ der Konstanzer Arbeitsgruppe Hochschulforschung an, ihr Studium sei „völlig“ oder „überwiegend“ durch Verlaufspläne oder Studienordnungen festgelegt. An der Universität sehen das weniger als zwei Drittel der befragten Studenten so.

Bachelor und Master führten zwar auch an den Universitäten zu mehr Reglementierungen, sagt Matthias Jaroch, Sprecher der Studienberatung des Deutschen Hochschulverbandes. Dennoch gelte noch immer: „Ein FH-Studium ist stärker verschult.“ Das sei etwas für Lerntypen, die sich in den Vorlesungsverzeichnissen der Universität eher verlieren würden und daher vorgegebene Ablaufpläne vorziehen. „Nicht jeder kommt damit klar, seinen Stundenplan selbst zusammenzustellen.“ Wer lieber eigene Schwerpunkte setzt und auch in andere Fächer reinhören will, sei dagegen an der Universität besser aufgehoben.

Studentenbefragungen weisen zudem darauf hin, dass es an der Universität – womöglich aufgrund der freieren Studiengestaltung – besser möglich ist, einen Auslandsaufenthalt einzubauen. Im Konstanzer Studierendensurvey geben Universitätsstudenten häufiger an, einen Sprachkurs, ein Praktikum oder ein Semester im Ausland verbracht zu haben. Immerhin: Der Anteil an Studenten mit Auslandserfahrung hat an den Fachhochschulen in den letzten Jahren zugenommen.

Laut Studierendensurvey wird an der FH mehr darauf geachtet, dass sich Veranstaltungen nicht überschneiden. Die Abbruchquote ist an der FH niedriger als unter Universitätsstudenten. Außerdem erreichen FH-Absolventen ihren Abschluss im Schnitt nach einer kürzeren Studiendauer als ihre Kommilitonen an der Uni. Bei der Betreuung schneiden Fachhochschulen ebenfalls besser ab: Hier wünschen sich in der Befragung nur 22 Prozent der Studenten, intensiver beraten und betreut zu werden. An der Universität fordern dagegen 34 Prozent mehr Angebote in diesem Bereich. Zwei Drittel der Universitätsstudenten kämpfen regelmäßig mit überfüllten Veranstaltungen. An der FH haben nur 38 Prozent der Befragten Erfahrungen mit zu vollen Hörsälen gemacht.

Ebenso unterscheidet sich das Lernklima: Unistudenten berichten in der Studie häufiger vom hohen Konkurrenzdruck unter Kommilitonen und schlechten Kontakten zu den Lehrenden. An der FH haben weniger Studenten Probleme, sich an der Hochschule ein gutes Umfeld aufzubauen. Reinhard Thümer von der Beuth-Hochschule führt das vor allem auf die kleinen Seminargruppen zurück: „Wir haben selten mehr als 40 Studenten im Seminar und 20 Teilnehmer in einer Übung.“ An den Universitäten seien dagegen Massenvorlesungen mit mehr als 300 Zuhörern keine Seltenheit.

Abiberaterin Irene Vogt befragt die Schüler in ihren Sprechstunden auch dazu, wo sie ihre berufliche Zukunft sehen. „FH-Absolventen werden stark gesucht, weil mehr Menschen im Mittelbau von Unternehmen arbeiten, und wer von der Fachhochschule kommt, ist mit dem Praxiswissen direkt am Arbeitsplatz einsetzbar.“ An der Spitze werde es dagegen dünn – und dort bevorzuge man nach wie vor Unisabsolventen. Auch im öffentlichen Dienst könne ein FH-Abschluss eine niedrigere Einstufung bedeuten.

Studenten, die ein Fach mit künstlerischen Anteilen anstreben, sollten sich darüber hinaus der unterschiedlichen Schwerpunkte an Universitäten und Fachhochschulen bewusst sein, empfiehlt Vogt. Wer beispielsweise ein Architekturstudium an der FH abschließe, übernehme danach meist eher die Bauüberwachung, während Uni-Absolventen in den Architekturbüros stärker an Entwürfen und der Auftragsakquise arbeiteten.

Wer später einen Master an der Universität machen oder promovieren wolle, habe es leichter, wenn er bereits den Bachelor an der Uni abgelegt hat. Bei der Auswahl von Masterstudenten achteten die Hochschulen häufig darauf, wo der Bachelorabschluss erworben wurde. „Wenn es sehr viele Bewerber gibt, dann könnte ein FH-Abschluss ein Nachteil im Auswahlverfahren sein“, sagt Irene Vogt.

Auch Doktoranden haben es nach einem Fachhochschulstudium schwerer: Das Promotionsrecht liegt allein bei den Universitäten. Wer mit einem FH-Abschluss eine Dissertation anstrebt, muss meist erst eine Eignungsfeststellung durchlaufen oder sogar zusätzliche Uniseminare besuchen und wissenschaftliche Arbeiten vorlegen. Die Kandidaten seien immer auf die Kooperation von Universitätsprofessoren und -fakultäten angewiesen, erklärt Reinhard Thümer. „Mit einigen Unis haben wir kaum Probleme, unsere Leute unterzukriegen. An anderen läuft es nicht so glatt.“ Trotzdem zeigen neue Statistiken: Die Zahl der FH-Absolventen, die zu einer Promotion zugelassen werden, ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen.

Für alle Studienanfänger gilt: Die Entscheidung für Fachhochschule oder Universität ist nicht endgültig. Auch nach mehreren Semestern können Studenten an einen anderen Hochschultyp wechseln. Teils müssen sie dafür allerdings in Kauf nehmen, dass nicht alle Studienleistungen anerkannt werden, warnen Studienberater. Das gilt besonders beim Wechsel von einer FH an die Uni. Für Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband ist das aber nachrangig: „Wenn man sich dafür mit der neuen Studienausrichtung stärker identifiziert, sollten ein paar Scheine kein Hindernis sein.“

Ein Selbsttest, der bei der Entscheidung zwischen Universität und Fachhochschule hilft, ist zu finden unter:

www.studium-ratgeber.de/hochschultest.php

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben