Bildung : Was Schüler beim Lernen antreibt

Viele Schüler scheitern nicht an ihren Fähigkeiten, sondern am System Schule. Wenn sie selbstbestimmt arbeiten können, erzielen sie bessere Leistungen.

Anna Bernhardt
Mit der Pubertät werden äußere Einflüsse beim Lernen wichtig.
Mit der Pubertät werden äußere Einflüsse beim Lernen wichtig.Foto: dpa

Die Lehrkraft macht den Unterricht – und kann die Interessen der Schüler für immer prägen, positiv wie negativ. „Wer hat nicht in seiner Schulzeit erlebt, dass ein Lehrer einem ein Fach wie Mathematik oder Geschichte für immer verdorben hat“, erinnert sich Diana Raufelder. „Oder dass ein besonders engagierter Lehrer die Begeisterung für ein Fach geweckt hat, das man eigentlich für langweilig hielt.“

Raufelder leitet seit 2010 eine Gruppe von Erziehungswissenschaftlern, Psychologen und Neurowissenschaftlern der Freien Universität Berlin und der Charité, die den Einfluss sozio-emotionaler Lernfaktoren (SELF) auf den schulischen Lernprozess untersucht. Während Kinder in der Grundschule weitgehend aus eigenem Antrieb und angeborenem Wissensdrang lernten, verlören sie mit dem Beginn der Pubertät oft diese innere Motivation, sagt Raufelder. Dann würden äußere Einflüsse wie Belohnung, Lob und soziale Beziehungen wichtiger. Meist mit der Folge, dass die Motivation vorübergehend rapide abnehme.

Um Lern- und Motivationstypen zu unterscheiden, hat die SELF-Gruppe nun rund 1000 Schülerinnen und Schülern der 8. Klasse an Gemeinschaftsschulen und Gymnasien in Brandenburg befragt. Vier Typen lassen sich demzufolge unterscheiden: Bei 37 Prozent wird die schulische Motivation stark von Gleichaltrigen im sozialen Umfeld beeinflusst. Für knapp ein Drittel ist ein gutes Klassenklima entscheidend, sie profitieren von guten Beziehungen zu Lehrern wie Mitschülern.

Dagegen machen nur etwa zehn Prozent ihre Einstellung zum Unterricht allein vom Lehrer abhängig, also davon, ob der in ihren Augen gut oder schlecht unterrichtet. Ein Drittel der befragten Schüler sind autonome Lerner und weitgehend unabhängig vom äußeren Umfeld. Sie passen nicht gut in das traditionelle Schulsystem, das auf Lernen im Klassenverband und starkem Einbezug des Lehrers basiert, und würden von mehr Freiraum profitieren.

„Unser Schulsystem geht leider davon aus, dass alle Kinder gleich lernen. Stattdessen sollten die individuellen Unterschiede mehr berücksichtigt werden“, sagt Raufelder. Viele junge Menschen scheiterten nicht an ihren mangelnden Fähigkeiten, sondern am System Schule. Neben Gruppenarbeit, die schon in mancher Klasse den „Lehrer als Alleinunterhalter“ abgelöst hat, solle man den Schülern auch die Möglichkeit geben, sich zurückzuziehen und alleine zu lernen.

Tatsächlich gibt es schon lange Versuche, autonomen Lernverhalten Raum zu geben, wie etwa in Nordrhein-Westfalen an der Laborschule Bielefeld. Dort setzen die Lehrerinnen und Lehrer statt auf Frontalunterricht und Klassenverband auf offenen Unterricht und Selbstbestimmung. Bei der Pisa-Studie schnitt die Laborschule sehr gut ab.

Als nächsten Schritt werden die Wissenschaftler bei 48 Schülern die Aktivierung der Motivationsareale im Gehirn mittels funktioneller Magnetresonanztomographie untersuchen. „Wenn man lernt, sind der Hippocampus und der Parahippocampus aktiv – das sind die wichtigsten Lernzentren“, erklärt Raufelder. „Angst oder dauerhafter Stress beispielsweise blockieren diese Zentren sowie die Spiegelneuronen, die für das Lernen am Modell zuständig sind. Dann arbeitet stattdessen die für negative Gefühle zuständige Amygdala.“

Nun soll erforscht werden, wie positive Emotionen das körpereigene Belohnungssystem aktivieren können.

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