Bildungsausgaben : OECD rügt Deutschland bei Bildung

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich? Hochqualifizierte verdienen immer mehr und helfen dem Staat zu sparen – doch Deutschland steigert die Zahl seiner Hochschulabsolventen nur langsam.

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Fit für die Zukunft. Hochschulabsolventen haben bis ins Alter Vorteile, so sind 56 Prozent der 60- bis 65-Jährigen noch berufstätig, bei beruflich Gebildeten sind es 36 Prozent.
Fit für die Zukunft. Hochschulabsolventen haben bis ins Alter Vorteile, so sind 56 Prozent der 60- bis 65-Jährigen noch...Foto: dpa

Hohe Bildung hilft – dem der sie hat, aber auch der öffentlichen Hand. Das betont die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in ihrem aktuellen Bericht „Bildung auf einen Blick“, der am Dienstag der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Gerade Deutschland schöpfe das Potenzial seiner Hochqualifizierten aber noch immer zu wenig aus und verschlechtere sich bei den Bildungsausgaben im internationalen Vergleich immer weiter.

Was hohe Bildung bringt

Deutschlands Finanzminister haben bei den „Bildungsgipfeln“ von Bundeskanzlerin Merkel auf ihre dramatisch überschuldeten Haushalte hingewiesen und weiteren Investitionen in die Bildung vorerst eine Absage erteilt. So blieb eine weitere Bafög-Erhöhung zunächst im Vermittlungsausschuss des Bundesrats stecken. Nach neuen Berechnungen der OECD sind Investitionen in Bildung, zumal in hohe Bildung, für die öffentlichen Haushalte mittel- und langfristig aber ein Gewinn. Weil Hochqualifizierte mehr Steuern und Sozialabgaben zahlen und seltener arbeitslos werden, geben sie dem Staat das Viereinhalbfache dessen zurück, was ihr Studium kostet (eingerechnet der Einnahmeausfälle durch kürzere Erwerbszeiten). Rund 155 000 Euro gewinne die öffentliche Hand in Deutschland durch jeden Absolventen einer tertiären Ausbildung – mehr als alle anderen der 20 OECD-Länder, für die entsprechende Angaben möglich sind. Eine tertiäre Ausbildung hat nach OECD-Kriterien, wer an einer Hochschule studiert hat (tertiärer Sektor A) oder wer eine höhere Berufsausbildung absolviert hat (an einer Fachschule, Fachakademie oder an einer Schule des Gesundheitswesens – Sektor B).

Die in Deutschland gelegentlich zu hörende Sorge, eine steigende Zahl von Hochschulabsolventen könne zu Einbußen bei deren Gehältern führen, kann die OECD nicht bestätigen. Im Gegenteil. Die wirtschaftlichen Vorteile einer tertiären Bildung hätten in Deutschland weiter zugenommen. Hochqualifizierte verdienten im Jahr 2008 im Schnitt 67 Prozent mehr als Erwerbstätige, die nur eine Berufsausbildung absolviert haben. Im Vorjahr lag dieser Vorsprung noch bei 62 Prozent, gegenüber 1998 habe er sich mehr als verdoppelt. Hinzu komme, dass die tertiäre Ausbildung der beste Schutz gegen Arbeitslosigkeit sei, zumal bei älteren Arbeitnehmern: Von den 60- bis 65-Jährigen mit tertiärer Ausbildung seien 56 Prozent erwerbstätig. Unter der gleichen Gruppe mit nur einer beruflichen Ausbildung nur 36 Prozent: „Die Anstrengungen der Politik sollten sich darauf konzentrieren, Studienberechtigten aus einkommensschwachen oder bildungsfernen Familien und Studierwilligen mit beruflichen Qualifikationen den Weg in das Studium zu ebnen“, erklärte der Leiter des OECD Berlin Centre, Heino von Meyer: „Kredite oder Stipendien, die das finanzielle Risiko eines Studiums reduzieren, wären ein sinnvoller Schritt.“

Wie Deutschland bei den Bildungsausgaben dasteht

Allerdings nimmt Deutschland noch immer nicht mehr Geld in die Hand, um das Bildungsniveau seiner Einwohner zu heben. Schon seit Jahren erklärt die OECD, die deutschen Bildungsausgaben seien rückläufig. So ist es auch diesmal. Im jetzt berichteten Jahr 2007 lagen die Ausgaben für Bildung demnach bei 4,7 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (Bip), während der OECD-Schnitt bei 5,7 Prozent liegt (siehe Grafik). Im Jahr 2001 lag Deutschland nach OECD-Maßstäben noch bei 5,3 Prozent. Inzwischen geben demnach nur die Slowakei (vier Prozent), Tschechien (4,6) und Italien (4,5) einen geringeren Anteil der Wirtschaftleistung für Bildung aus. Spitzenreiter Island investiert hingegen 7,8 Prozent vom Bip in Bildung, die USA 7,6 Prozent und Dänemark 7,1 Prozent. Die OECD berücksichtigt dabei sowohl öffentliche als auch private Ausgaben.

Für die nationale Betrachtung operiert Deutschland mit anderen Zahlen als die OECD und kommt dabei auf einen Anteil von 6,1 Prozent am Bip für Bildung – was dem OECD-Niveau von Kanada entsprechen würde. Das Ziel der Bundesregierung war es, diesen Anteil bis 2015 auf sieben Prozent zu steigern.

Steht Deutschland also eigentlich besser da, als es durch Brille der OECD aussieht? Nein, sagt der OECD-Sprecher Matthias Rumpf auf Anfrage. Zwar könnte Deutschland sich „vielleicht um zwei Plätze verbessern“, sollte die enge Definition der OECD für die Bildungsausgaben erweitert werden. „Doch dann würden auch andere Länder zulegen.“ Entscheidend sei, seine Maßstäbe nicht ständig zu ändern, um Transparenz zu schaffen.

Im internationalen Vergleich fällt Deutschland der OECD nach zurück. Während in den meisten Mitgliedsländern die Ausgaben pro Schüler (Grund- und Oberschule) und Studierende zwischen 2000 und 2007 stiegen, habe sich in Deutschland „kaum etwas verändert“, steht in dem Bericht. Allerdings liege Deutschland mit seinen Ausgaben jeweils noch im OECD-Schnitt.

Deutschlands Hochschulen

Die OECD würdigt zwar, dass in Deutschland, „wie in fast allen anderen OECD-Ländern, in den vergangenen Jahren eine deutliche Expansion bei der tertiären Ausbildung stattgefunden“ hat. Aber Deutschland bewegt sich deutlich langsamer als der Schnitt der OECD-Länder. Noch 1995 nahmen nur 26 Prozent des Altersjahrgangs ein Studium auf, 2008 waren es 36 Prozent. Selbst wenn die OECD die aktuelle Steigerung auf 43 Prozent noch nicht berücksichtigt: Die Zahl der Studienanfänger im OECD-Schnitt von 37 auf 56 Prozent. Der Anteil der Hochschulabschlüsse am Altersjahrgang wuchs in Deutschland von 14 Prozent im Jahr 1995 auf 25 Prozent im Jahr 2008. Doch in der OECD entwickelte sie sich im Schnitt von 20 auf 38 Prozent. So „bleibt Deutschland in der OECD nach der Türkei, Belgien und Mexiko das Land mit der geringsten Studierneigung“, heißt es in dem Bericht.

Noch schlechter schneidet Deutschland im internationalen Vergleich ab, blickt man auf das gesamte Potenzial der Hochqualifizierten, aus dem die Wirtschaft ihre Fachkräfte schöpfen kann. Zwischen 1998 und 2008 wuchs die Zahl der Erwerbstätigen mit tertiärer Ausbildung jährlich um durchschnittlich 0,9 Prozent. Im OECD-Mittel stieg das Potenzial an Hochqualifizierten im gleichen Zeitraum weit dynamischer: jedes Jahr um 4,6 Prozent. Selbst Japan, das wie Deutschland unter einer schrumpfenden Bevölkerung leidet, legte bei den Hochqualifizierten jährlich 3,1 Prozent zu.

Ein noch nicht völlig ausgeschöpftes Potenzial für Deutschland sind die Studierenden, die ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben haben und zumindest für einige Zeit in Deutschland studieren. Ihr Anteil liegt mit 9,3 Prozent deutlich über dem OECD-Schnitt von 6,8 Prozent. Etwa zwei Drittel dieser Studierenden kommen aus Ländern außerhalb der OECD, vor allem aus Osteuropa und Asien: „Ihnen könnte mit einem Abschluss in Deutschland eine vergleichsweise reibungslose Integration in den deutschen Arbeitsmarkt gelingen“, erklären die Bildungsexperten der OECD.

Deutschlands berufliche Bildung

Erstmals hat die OECD die berufliche Bildung in Deutschland eigens untersucht. Das Ergebnis sei „insgesamt positiv“, schreiben die OECD-Bildungsforscher. Die duale Ausbildung genieße „in der Gesellschaft ein hohes Ansehen“, sie werde „mit großem Engagement“ von den Sozialpartnern getragen: „Die berufliche Bildung ist ein entscheidender Faktor für die im internationalen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit.“

Allerdings gebe es viele Jugendliche, die wegen fehlender Kompetenzen an Maßnahmen im Übergangssystem teilnehmen müssten. Ihre Defizite sollten gezielter angepackt werden als bislang. Auch die Berufsschule solle besser darauf achten, dass die Schüler dort auch tatsächlich bestimmte „Basisqualifikationen“ verfestigen. Ein wichtiger Schritt dazu wäre, die Leistungen durch ein gemeinsames Zeugnis mit der Kammerprüfung aufzuwerten.

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