Bildungsexperten : Studenten müssen Denken lernen können

Treffpunkt Tagesspiegel: Wie das deutsche Bildungswesen verbessert werden kann.

Uwe Schlicht
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Wer könnte vom Bildungsgipfel profitieren? Diese Frage diskutierten beim Treffpunkt Tagesspiegel im Hotel Intercontinental Klaus...

„Während in Berlin die Bildungsrepublik ausgerufen wird, wird den Ländern und Kommunen die finanzielle Basis für Bildung weggezogen.“ Krista Sager, die im Bundestag für die Grünen Sprecherin für Wissenschaft und Forschung ist, hält nichts von den Steuersenkungen, die die Bundesregierung versprochen hat. 40 Milliarden Euro gingen den Ländern und Kommunen durch die Steuerentlastungen und das Wachstumsbeschleunigungsgesetz der Bundesregierung verloren. Angesichts dieser Lage bezweifelt Sager, dass die von Bundeskanzlerin Merkel für die kommenden vier Jahre in Aussicht gestellten zwölf Milliarden Euro für Bildung und Forschung viel bewirken können.

Die Bildungspolitikerin gehörte zu den Experten, die am Montag beim Treffpunkt Tagesspiegel im Berliner Hotel Intercontinental diskutierten. Unmittelbar vor dem Bildungsgipfel der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten am heutigen Mittwoch lautete die Frage: „Zwölf Milliarden Euro für die Bildung: Wer profitiert davon am meisten?“

Der Moderator des Treffpunkts, der ehemalige Berliner Wissenschaftssenator George Turner, hatte die Diskussion mit der Frage eröffnet: „Wie groß ist die Sorge, dass die in Aussicht gestellten zwölf Milliarden Euro schöngerechnet werden?“ Anja Kühne, Bildungsredakteurin beim Tagesspiegel, sagte, in der Tat würden die Finanzminister versuchen, den Bedarf kleinzurechnen, der nötig ist, um in Deutschland bis 2015 einen Anteil von zehn Prozent am Bip für Bildung und Forschung auszugeben: „Aber das Gerangel um die zwö Milliarden Euro für vier Jahre vernebelt die tatsächliche Unterfinanzierung des Bildungssystems.“ Die OECD beziffere die jährliche Unterfinanzierung vom Kindergarten bis zur Weiterbildung auf jährlich 32 Milliarden Euro, die SPD auf 25 Milliarden, die Grünen auf 23 Milliarden Euro.

Die Hochschulvertreter auf dem Podium erklärten, warum für die Studienreform im Zeichen von Bachelor und Master viel zusätzliches Geld benötigt wird. Gunter Pleuger, Präsident der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder), sagte, die Viadrina habe heute noch den Personalbestand aus dem Jahr 2000. Bis zum Jahr 2009 habe sich jedoch die Studentenzahl verdoppelt. Für die Betreuung in kleinen Gruppen werde mehr Personal benötigt. Denn im Studium gehe es darum, nicht nur Kompetenzen für einen Beruf zu vermitteln. Die Studenten müssten das Denken lernen. Ähnlich argumentierte die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel: „Wir sind der jungen Generation ein Qualitätsstudium schuldig.“ Schließlich hänge die Zukunftsfähigkeit der Nation von der Ausbildung der Studierenden ab. Krista Sager ergänzte: „Die Bolognareform wurde nicht ausfinanziert.“

Sager kritisierte, viele Professoren hätten gehofft, dass die Reform gar nicht kommen würde: „Und als sie doch kam, haben die Professoren das, was sie in acht Semestern angeboten haben, in sechs Semester gezwängt.“ Tagesspiegel-Redakteurin Anja Kühne forderte, den Studenten mehr Zeit zum Lernen zu lassen. Der Versuch, die Mehrheit „mit sechs Semestern abzuspeisen“, sei ein Fehler.

George Turner verteidigte ebenso wie Margret Wintermantel die Neukonzeption von Bachelor und Master. Turner, der lange Jahre Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz war, erinnerte an die Mängel des alten Studiensystems: Durchschnittszeiten von 13 bis 14 Semestern, Abbruchquoten von 30 Prozent und mit 28 Jahren zu alte Hochschulabsolventen. Turner: „Bologna war die Antwort auf diese Situation. Das alte System war nicht haltbar.“

Bleibt die Frage, welche Bereiche in der Bildung auf der Verliererseite stehen. Der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, begann sehr emotional: „Ich liege manchmal im Bett und frage mich: Ist das Ganze noch zu steuern?“ Er bezeichnete die Migrationspolitik in Deutschland als verfehlt: „Das Selbstverständnis der ganzen Gesellschaft muss sich ändern. Wie können wir die bildungsfernen Schichten in der zweiten und dritten Generation für uns gewinnen?“ Wenn man heute nicht die richtigen Antworten finde, würden uns diese Probleme noch in 15 bis 20 Jahren beschäftigen. Mertes plädierte für mehr Ganztagsschulen, warnte aber davor, in die Nachmittagsstunden immer mehr Unterricht hineinzupumpen. Das würde auf Kosten außerschulischer Aktivitäten gehen. Angesichts des Zeitdrucks in der Schule wachse die jetzige Generation unter völlig neuen Bedingungen auf.

Krista Sager bemängelte, dass sich Deutschland schwer tue, der frühkindlichen Bildung den nötigen Stellenwert einzuräumen. Heute sei es für doppelt verdienende Akademiker nicht schwer, einen Kindergartenplatz zu bekommen. Wenn beide Eltern jedoch arbeitslos seien, bekämen sie keinen Kindergartenplatz, weil beide Eltern ja zu Hause seien. Dass jedoch gerade Kinder aus bildungsferneren Familien in den Kindergärten besonders gefördert werden müssten, gerate dabei aus dem Blick. Unter dem Beifall des Publikums kritisierte Sager das von der Regierung geplante Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen als „falschen Anreiz“.

Was ist unter guter Qualität im Bildungswesen zu verstehen?, wollte ein Zuhörer wissen. Klaus Mertes sieht die Grundlagen dafür bereits in der Schule: „Die Qualität der Schule hängt davon ab, ob die Schüler denken lernen.“ Sager warnte davor, in dem an sich guten dualen System die Bereitstellung von genügend Ausbildungsplätzen in den Betrieben von der Konjunktur abhängig zu machen. Außerdem dürften die Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz in den Betrieben finden, nicht in jahrelange Warteschleifen geschickt werden. Für Margret Wintermantel hat gute Qualität im Studium auch etwas mit Betreuung zu tun: Wenn die Studierenden ihre eigenen Kompetenzen entwickeln sollten, sei „eine größere Dialogdichte zwischen Lehrenden und Lernenden“ geboten.

Natürlich interessierte die Zuhörer auch, ob die Föderalismusreform die richtigen Weichenstellungen für die Bildungsrepublik vorgenommen hat. Turner sprach sich für eine „Reform der Reform“ aus, nachdem selbst Bundesbildungsministerin Schavan das Kooperationsverbot des Bundes mit den Ländern in der Bildung als Fehler bezeichnet habe.

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