Bildungsforscherin Heike Wendt : "Lehrkräfte nutzen Lesestrategien nicht"

Heike Wendt erklärt, warum deutsche Schüler bei der Lese-Studie Iglu mittelmäßig abgeschnitten haben - und was andere Länder besser machen.

Schüler arbeiten im Klassenraum am Tisch, andere sitzen lesend auf Isomatten.
Am Tisch arbeiten, auf der Isomatte lesen. Bei weitem nicht immer gelingt Binnendifferenzierung so gut wie in dieser...Foto: Martin Schutt/picture-alliance/ dpa

Die Lese-Leistungen der Grundschüler in Deutschland stagnieren. Warum haben sie nicht zugelegt?
Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Leseleistungen stabil geblieben sind. Das ist nicht nur negativ zu bewerten, betrachtet man gesellschaftliche Veränderungen und die großen schulstrukturellen Herausforderungen, die Lehrkräfte auch an Grundschulen zu bewältigen haben. Man denke an die Inklusion, die Implementierung neuer Monitoringinstrumente oder den gestiegenen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. Allerdings ist natürlich auch festzustellen, dass es in den letzten Jahren keine groß angelegten systematischen Programme gab, die darauf abzielten, Lehrkräfte in der Verbesserung ihres Leseunterrichts zu unterstützen. Insofern ist ein gleich gebliebenes Leseniveau zu erwarten gewesen.

Andere Länder haben sich sehr wohl stark verbessert. Was machen die besser?

Das ist aus wissenschaftlicher Sicht schwierig zu beantworten. Auffällig ist bei Ländern, die sich von Deutschland in den letzten Jahren positiv abgesetzt haben, Folgendes: Sie fördern verstärkt das „Lesen um zu Lernen“ sowie anspruchsvollere Prozesse des Leseverstehens. Kinder müssen hier komplexe Schlussfolgerungen ziehen, das Gelesene bewerten und reflektieren, also beispielsweise die Moral einer Geschichte herausfinden. Diese Länder haben zudem explizit Programme aufgelegt, bei denen es darum geht, dass Leseverständnis von Kindern zu fördern.

Heike Wendt, Erziehungswissenschaftlerin an der TU Dortmund.
Heike Wendt ist Erziehungswissenschaftlerin an der TU Dortmund mit dem Schwerpunkt Schulentwicklungsforschung. Sie gehört zur...Foto: privat

Die Differenz zwischen den Besten und Schwächsten wird in Deutschland größer. Warum hakt es noch immer bei der Binnendifferenzierung?

Je nach Standort sieht Heterogenität ganz unterschiedlich aus. Lehrkräfte können also nicht nach Schema F arbeiten, sondern müssen sich adaptiv auf die Kinder in ihrer Klasse einstellen. Aus der Deutschdidaktik sind viele gute Ansätze der Binnendifferenzierung bekannt: Etwa das halblaute Lesen im Team, um leseschwache Schüler zu fördern, oder die Vermittlung von Lesestrategien für starke Schüler. Die Daten unserer Studie zeigen allerdings, dass viele Lehrkräfte diese nicht nutzen.

Woran liegt das?

Das ist Spekulation. Zu vermuten ist, dass Lehrkräfte von spezifischen Aus- und Fortbildungsangeboten profitieren würden. Im internationalen Vergleich wird aber auch deutlich, dass in Deutschland eher ungünstige Voraussetzungen bestehen. In vielen Ländern stehen für die Differenzierung im Leseunterricht zumindest für einige Stunden Hilfslehrkräfte oder Experten zur Verfügung, um individuelle Förderung optimaler zu ermöglichen.

Früher konnten Grundschulen ganz gut mit der Heterogenität ihrer Schülerschaft umgehen. Das scheint jetzt nicht mehr der Fall zu sein. Was ist schiefgegangen?

Die Heterogenität hat ja grundsätzlich zugenommen. Damit müssen Lehrkräfte erst einmal umgehen. Das Leistungsniveau zu halten, ist da auch eine Leistung. Mich besorgt allerdings, dass es nicht gelungen ist, Leistungsunterschiede zwischen sehr starken und sehr schwachen Schülern zu reduzieren. Iglu 2016 gibt Hinweise darauf, dass sich diese sogar vergrößern. Hier fehlt aus meiner Sicht ein systematisches Angebot zur Förderung von Kindern mit unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen.

Deutschland hat es nicht geschafft, in der Grundschule den Anspruch auf Chancengleichheit zu realisieren. Was muss geschehen, damit das endlich klappt?

Wir brauchen mehr gezielte individuelle Förderung, sowie bessere Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus. Großes Potenzial liegt auch in den Ganztagsschulen, die mit einem entsprechenden Anspruch angetreten sind. Unsere Analysen weisen darauf hin, dass an diesen jedoch oft bisher leider nur Betreuung und keine anspruchsvolle Förderung durch qualifiziertes Personal realisiert wird. Hier nachzulegen ist nicht zuletzt eine Ressourcenfrage.

Weisen die Iglu-Befunde darauf hin, dass auch bei der Pisa-Studie wieder mit schlechteren Ergebnissen zu rechnen ist?

Ich befürchte ja. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Grundschulen ein Frühwarnsystem für das gesamte Bildungssystem darstellen. Umso wichtiger ist es, dass auch zu Beginn der Sekundarstufe I systematische Förderangebote für schwache Schüler gemacht werden, um ihnen ein erfolgreiches Weiterlernen zu ermöglichen anstatt sie abzuhängen.

"Das Iglu schmilzt": Einen aktuellen Kommentar zum deutschen Abschneiden lesen Sie hier.

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