Bildungsforschung : Wohnort als Schicksal

Die Schüler in Berlin, Bremen, Hamburg, Brandenburg und Baden-Württemberg haben eine 1,5 mal so hohe Chance Abitur zu machen wie Schüler in Bayern und dem Saarland. Darauf weist Marcel Helbig, Wissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), im aktuellen „WZBrief Bildung“ hin.

Anja Kühne

Angesichts der unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten zu Abschlüssen in den 16 Bundesländern hingen Bildungschancen in Deutschland entscheidend vom Wohnort eines jungen Menschen ab.

So sind die Hürden zum Gymnasium in Bayern und Nordrhein-Westfalen besonders hoch. In Bayern werden nur 35,8 Prozent der Schüler auf ein Gymnasium überwiesen, in NRW nur 38,3 Prozent. Demgegenüber lässt Bremen 49,1 Prozent der Schüler aufs Gymnasium, Hamburg 48,9 Prozent und Berlin 45,2 Prozent. Auch in den ostdeutschen Ländern kommen mindestens 45 Prozent aufs Gymnasium. Baden–Württemberg ist zwar selektiv beim Zugang zum Gymnasium (38 Prozent). Allerdings biete es etwa über Fachgymnasien alternative Wege zur allgemeinen Hochschulreife und bilde so doch noch ähnlich viele Studienberechtigte für die Universität aus wie die führenden Bundesländer.

Große Unterschiede in den einzelnen Ländern gibt es auch bei der Zahl der Sitzenbleiber. Schüler in Berlin (3,1 Prozent), Sachsen-Anhalt (3,8 Prozent) oder Bremen (3,3 Prozent) müssten dreimal häufiger damit rechnen, eine Klasse zu wiederholen als Schüler in Brandenburg oder Niedersachsen. Dabei sei das Sitzenbleiben nicht nur eine psychische Belastung und eine schwere persönliche Misserfolgserfahrung, sondern ende häufig auch mit dem Verlassen das Gymnasiums in Richtung Realschule. Entsprechend ungleich seien die Chancen in den Bundesländern, Abitur zu machen. In Berlin, Brandenburg, Hamburg und Thüringen machte im Jahr 2007 fast jeder dritte Schüler das Abitur an einer allgemeinbildenden Schule. In Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg, dem Saarland und Bayern nur jeder fünfte.

Ungleich zwischen den Ländern verteilt ist auch das Risiko, eine Förderschule zu besuchen – am höchsten ist es in Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern, am geringsten in Bayern, dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein.

„Mit diesen unterschiedlichen Bildungschancen differieren die Lebenschancen in den Bundesländern“, schreibt Helbig. Je geringer die Anzahl der Plätze in den Gymnasien, desto weniger Plätze seien noch frei für Kinder aus bildungsfernen Schichten. Denn nach Pisa hingen die Chancen auf einen Gymnasialbesuch in Bayern, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg mehr als doppelt so stark vom sozialen Status der Eltern ab wie in Brandenburg. Für Bildungszertifikate müssten bundeseinheitliche Standards gelten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben