Bildungsstudie : Abiturienten mit bildungsfernen Eltern studieren seltener als früher

Studium mit Risiko: Weniger als die Hälfte aller Abiturienten aus bildungsfernen Familien studiert nach dem Schulabschluss tatsächlich – ein Trend, der sich in den letzten Jahren verschärft hat.

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Exklusiv. An die Uni will nur die Hälfte der Abiturienten aus bildungsfernen Familien. Viele halten eine Lehre für sicherer.
Exklusiv. An die Uni will nur die Hälfte der Abiturienten aus bildungsfernen Familien. Viele halten eine Lehre für sicherer.Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Stellt man sich das deutsche Bildungssystem wie eine Treppe vor, dann schaffen es Kinder, deren Eltern nicht selbst Akademiker sind, nur selten auf die oberste Stufe. Besonders schwer ist für sie der letzte Sprung: vom Abitur zum Studium. Weniger als die Hälfte aller Abiturienten aus bildungsfernen Familien studiert nach dem Schulabschluss tatsächlich – ein Trend, der sich in den letzten Jahren verschärft hat. Zu diesem Ergebnis kommt jetzt eine Studie des Mannheimer Zentrums für europäische Sozialforschung, finanziert von der Vodafone-Stiftung.

Seit den sechziger Jahren können Schüler die Hochschulreife nicht mehr nur am Gymnasium, sondern auch an Fachoberschulen, Kollegs oder zusammen mit ihrer Ausbildung erlangen. Die Studie hat erstmals untersucht, wie sich dies auf die Bildungskarrieren von Kindern ausgewirkt hat. Die Werdegänge von Frauen im Vergleich zu Männern und von Migranten im Vergleich zu Alteingesessenen hat der Sozialwissenschaftler Steffen Schindler allerdings nicht getrennt betrachtet.

Schindler beschreibt zwei gegenläufige Trends: Einerseits machen Kinder aus bildungsfernem Elternhaus (definiert als Elternhaus, in dem beide Eltern nur den Hauptschulabschluss haben) heute doppelt so häufig Abitur oder Fachabitur wie noch vor vierzig Jahren. Aber nur die Hälfte von ihnen studiert nach dem Abitur – Mitte der Siebziger waren es noch 80 Prozent.

Was die Hochschulreife betrifft, haben Kinder aus bildungsfernem Milieu vor allem deshalb aufgeholt, weil sie besonders häufig Fachabitur machen und ihre Hochschulreife an einer anderen Schule als dem Gymnasium erlangen: Von allen Abiturienten, deren Eltern höchstens einen Hauptschulabschluss hatten, machte 2008 die Hälfte Fachabitur. Jeder zweite Abiturient aus bildungsferner Familie bestand seine Hochschulreife an einer berufsbildenden Schule, etwa an einem Oberstufenzentrum.

Trotzdem bleibt die Hochschulreife für die meisten von ihnen eine schwierige Hürde: Nur ein Drittel aller Kinder aus bildungsfernem Elternhaus macht überhaupt Abi oder Fachabi. Wenn ihre Eltern selbst die Hochschulreife haben, schaffen das gut zwei Drittel der Schüler.

Nach dem Schulabschluss verschärft sich die soziale Selektivität noch einmal, so das Ergebnis der Studie: 80 Prozent aller Akademikerkinder mit Abitur studieren – vor vierzig Jahren war der Anteil fast genauso hoch. Bei den Abiturienten aus bildungsfernem Milieu dagegen entscheidet sich nur jeder Zweite für ein Studium. Mitte der Siebziger waren es noch 30 Prozent mehr. Das liegt vor allem daran, dass heute wesentlich weniger Schüler mit Fachabitur studieren – und damit Kinder aus bildungsfernen Familien. Vor vierzig Jahren schrieben sich noch über 70 Prozent aller Fachabiturienten für ein Studium ein, heute studiert nur jeder Zweite von ihnen.

Warum entscheiden sich Abiturienten aus bildungsfernem Elternhaus besonders häufig gegen ein Studium? Kinder von Nichtakademikern neigen „eher zu konservativen Bildungsentscheidungen“ und scheuen „aus ihrer Sicht riskantere Bildungsinvestitionen“. So würden viele Kinder aus bildungsfernen Familien das Abitur nicht mit dem Ziel machen zu studieren, sondern weil ihnen bewusst ist, dass es inzwischen die Zugangsvoraussetzung zu vielen Ausbildungsberufen ist.

Das Fazit: Ein Großteil der Studienberechtigten, die durch die Reformen der sechziger Jahre hinzugewonnen wurden, gehen dem Hochschulsystem nach dem Schulabschluss wieder verloren – und das gilt vor allem für Kinder von Nichtakademikern. Jedes sechste Kind aus bildungsfernem Milieu schafft es heute auf eine Hochschule, vor vierzig Jahren war es jedes achte – ein Anstieg um magere fünf Prozent. Ann-Kathrin Nezik

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