Bildungsstudien : Pisa - jetzt kommen die Azubis dran

Auszubildende auf dem Prüfstand: Ende 2009 könnte die erste Pilotstudie starten. Schavan will Erfolg für duales System, Handwerk befürchtet Nachteile gegenüber akademischer Ausbildung.

Amory Burchard
Siemens-Berufsausbildungszentrum Chemnitz
Fertigen und Forschen. Mechatroniker - hier Azubis bei Siemens - sind hochqualifiziert. Wissenschaftler arbeiten jetzt daran, wie...Foto: dpa

Pisa und kein Ende: Nach drei Runden der internationalen Bildungsstudie unter 15-jährigen Schülern soll jetzt auch ein Azubi-Pisa kommen. Göttinger Wissenschaftler entwickeln derzeit Aufgaben für eine Untersuchung unter jungen Berufstätigen in den EU-Mitgliedstaaten. 2009/2010 könnten in zunächst zehn Ländern junge Leute im dritten Ausbildungsjahr getestet werden – wenn die Forscher bis dahin gravierende politische und methodische Probleme gelöst haben.

Das EU-Projekt wird vom Bundesbildungsministerium (BMBF) vorangetrieben. Diesmal soll alles anders werden als beim Schüler-Pisa der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), bei dem Deutschland bislang nur mittelmäßig abschneidet. Von den Auszubildenden werden bessere Ergebnisse erwartet. Denn die duale Berufsausbildung in Betrieben und in der Berufsschule gilt als sehr solide – auch im Vergleich zur meist überbetrieblichen Ausbildung in anderen europäischen Ländern.

Das 2003 vom Bundeswirtschaftsministerium initiierte Azubi-Pisa ist so etwas wie ein europäisches Konkurrenzunternehmen zu den Bildungsstudien der OECD. Seit 2006, als die Organisation das alleinige Recht auf das Kürzel Pisa sicherte, heißt die Berufsbildungsstudie offiziell VET-LSA. Der sperrige Titel steht für Vocational Education and Training – Large Scale Assessment (Berufsausbildung – groß angelegte Vergleichsstudie).

„Das ist ein hochpolitisches Unternehmen“, sagt Martin Baethge, Sprecher des Entwicklerteams an der Universität Göttingen und Präsident des dortigen Soziologischen Forschungsinstituts. Dem BMBF sei daran gelegen, die ständige Kritik der OECD am deutschen Bildungswesen zu widerlegen. Deutschland bilde nicht genug Akademiker aus, heißt es Jahr für Jahr in den internationalen Berichten „Bildung auf einen Blick“, die das Bildungssystem von der Schule bis zur beruflichen Weiterbildung untersuchen. Das duale System bietet nach der Auffassung des OECD-Bildungsdirektoriums in Paris nicht die Vorteile einer akademischen Ausbildung von Fachkräften, wie sie in den meisten anderen OECD-Staaten üblich ist. Deutschlands Rückstand in der Hochschulausbildung führe zu einem strukturellen Mangel an Hochqualifizierten. Zudem seien Hochschulabsolventen seien weitaus weniger von Arbeitslosigkeit betroffen.

Das Azubi-Pisa soll „feststellen, was jemand kann – und nicht, in welcher Institution und mit welcher Dauer ein Bildungsgang absolviert wurde“, erklärte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) 2007 bei der EU-Konferenz zur Berufsbildung. Sie hofft, dass die in Deutschland ausgebildeten Krankenschwestern oder Optiker zumindest die gleichen Kompetenzen erworben haben, wie ihre jungen Kollegen, die an einem College studiert haben. Dies hätte „erhebliche Bedeutung für die Neueinstufung von deutschen Berufsbildungsabschlüssen im internationalen Ranking“, sagte Schavan.

Vertreter von Handwerk, Handel und Industrie fürchten jedoch, dass das duale System beim Azubi-Pisa schlecht wegkommen könnte. Der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung, in dem Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter sowie Bund und Länder sitzen, warnt vor Aufgaben, die „die in der dualen Berufsausbildung vermittelte umfassende berufliche Handlungsfähigkeit“ nicht ausreichend sichtbar machen. Der Test müsse einen praktischen Schwerpunkt haben und dürfe auf keinen Fall nur schulisch-akademisches Wissen prüfen. Martin Baethge sieht sich und seine Kollegen in der Klemme – und rät zur Flucht nach vorn.

„Wenn die duale Ausbildung so gut ist, wie immer gesagt wird – und auch ich halte sie für gut – lasst uns der Welt zeigen, was für ein fantastisches Berufsbildungssystem wir haben.“ Die Befürchtungen in anderen Ländern seien „unendlich viel geringer“. Die Vertreterin Schwedens in der internationalen Steuerungsgruppe zur Vorbereitung der Studie rechne fest damit, dass ihr Land schlecht abschneiden wird. Aber Schweden, wo die jungen Leute an Berufsgymnasien ausgebildet werden, wolle wissen, wo die Schwächen ihres Systems liegen.

Gleichwohl sei es in der Tat ein Problem, „die angemessenen Instrumente für die berufsspezifischen Kompetenzen zu finden“. Wenn das nicht gelänge, werde es kein Berufsbildungs-Pisa geben, sagt Baethge. An genau solchen Messmethoden arbeiten jetzt der Soziologe und seine Göttinger Kollegen aus dem Fachgebiet Wirtschaftspädagogik. Sie versuchen, authentische Arbeitssituationen als Computersimulation zu entwerfen. So könnte etwa ein Kfz-Mechatroniker vor folgende Aufgabe gestellt werden: Ein Kunde kommt mit seinem Auto in die Werkstatt und klagt, er könne den dritten Gang nicht mehr einlegen.

Die Werkstattsituation soll im Modell nachgestellt werden. Herzstück sind moderne Analysetechniken, mit denen heute jeder Kfz-Azubi umzugehen lernt. Acht solcher Aufgaben wollen die Göttinger Wissenschaftler entwickeln – in Kooperation auch mit dem Zentralverband des deutschen Kraftfahrzeugverbandes.

Ausprobiert werden die Pilot-Aufgaben für Kfz-Mechatroniker und Industriekaufleute an einer Gruppe von 100 Auszubildenden. Die gleichen Problemstellungen sollen sie auch an 25 Autos lösen, in die die Fehler eingebaut werden. So wollen die Wissenschaftler überprüfen, ob die Computersimulation auch wirklich reale Arbeitssituationen abbildet. Außer für Kfz-Azubis werden auch Testaufgaben für Industriekaufleute, für Elektroniker sowie für soziale oder gesundheitspflegerische Berufe. Sie alle müssen aber nicht nur praktische Probleme lösen, sondern auch Aufgabenkomplexe zu den allgemeinen Kompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen und zu berufsübergreifenden Fähigkeiten wie Teamarbeit oder Strukturierung der Arbeitsabläufe lösen.

Ob die Computersimulation konkreter Arbeitsproben gelingt, sei der Dreh- und Angelpunkt der Vorstudie, sagt Baethge, der 2006 bereits Koautor einer Machbarkeitsstudie war. Im März 2009 sollen die Testläufe abgeschlossen sein – und eine neue Machbarkeitsstudie: Darin untersuchen die Göttinger Forscher, inwiefern die Berufsprofile etwa von Kfz-Mechanikern in den europäischen Ländern vergleichbar sind. Die Wissenschaftler sind zuversichtlich, die Probleme lösen zu können. Dann würde eine groß angelegte Pilotstudie zum Azubi-Pisa international ausgeschrieben und könnte Ende 2009, Anfang 2010 in zehn EU-Staaten starten.

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