Bio-Enzyklopädie : Alles, was da kreucht und fleucht

Brockhaus der Biologie: Die "Enzyklopädie des Lebens" will sämtliche Arten im Internet dokumentieren.

Matthias Glaubrecht
Enzyklopedie
Buch des Lebens: Einteilung der Tiere nach Georges Cuvier. -Foto: Tsp

Dem ersten Ansturm war der zukünftige Brockhaus der Biodiversität noch nicht gewachsen. Als am 26. Februar unter http://eol.org die ersten Seiten der neuen Onlinedatenbank „Encyclopaedia of Life“ (kurz EOL) im Netz freigeschaltet wurden, brachen die Server unter den Aufrufen neugieriger Nutzer zusammen. Angeblich mehr als elf Millionen Mal sollen die Seiten in den ersten Stunden angeklickt worden sein – erfolgreicher Start für ein ambitioniertes Projekt. In der bei amerikanischen Vorhaben dieser Art nicht unüblichen Vollmundigkeit war zuvor angekündigt worden, mit Einträgen für 30 000 Arten an den Start gehen zu wollen. Ganze sechs Beispielseiten waren indes anfangs verfügbar. Kaum sollte also das vielbändige Buch des Lebens aufgeschlagen werden, da klappte es nach den ersten Seiten unversehens wieder zu.

Kein Grund zur Schadenfreude, denn das Projekt gehört zu den wichtigen biologischen Vorhaben der Gegenwart. Kein Zweifel aber auch: Das Vorhaben ist ehrgeizig, der Anspruch groß und die Herausforderung gewaltig. Mit der Enzyklopädie des Lebens will ein internationales, hauptsächlich in den USA betriebenes Konsortium alle auf der Erde bekannten Lebensformen im Netz vorstellen.

Bislang gehen Biologen davon aus, dass schätzungsweise 1,8 Millionen Tier- und Pflanzenarten wissenschaftlich erfasst wurden. Das ist gerade einmal ein Zehntel dessen, was Systematiker und Taxonomen, die Vermessungsingenieure der biologischen Vielfalt, heute tatsächlich an Arten in der Natur vermuten. Und Bakterien und andere Mikroorganismen sind nur am Rand berücksichtigt.

Exakt 250 Jahre nachdem der schwedische Botaniker Carl von Linné in seiner „Systema Naturae“ erstmals versuchte, Ordnung in das Chaos der Natur zu bringen, wird die möglichst vollständige Bestandsaufnahme aller Tier- und Pflanzenarten unter dem Schlagwort Biodiversität wieder zum Thema. Während dieser Tage hierzulande Lexikon-Nostalgiker Abschied von der gedruckten und Bücherschrank füllenden Printausgabe der Brockhaus-Enzyklopädie nehmen, die fortan im Internet unentgeltlich zugänglich sein wird, rüstet sich das EOL-Konsortium dazu, Linnés Vision im Internet Gestalt annehmen zu lassen.

Bis zum Jahre 2017 will das vor allem an den naturwissenschaftlichen Museen in New York, Washington, Chicago sowie in London betriebene Konsortium jede Tierart mit einem eigenen Seitenbeitrag in der Biodiversitätsdatenbank registrieren. Unterstützt wird das EOL-Projekt mit zehn Millionen Dollar von der MacArthur-Stiftung in Chicago sowie mit 2,5 Millionen US-Dollar durch die in New York ansässige Sloan-Stiftung.

Dabei wird es eine der großen Herausforderungen bleiben, die Datenbank auf Dauer zu sichern, meint James Edwards, geschäftsführender Direktor des EOL-Projekts in Washington. Nur bei solider und dauerhafter Finanzierung wird die Enzyklopädie eine Zukunft haben.

Längst haben die allgegenwärtigen Netzaktivitäten von der biologischen Vielfalt Besitz ergriffen. Dennoch wird für kaum absehbare Zeit ein vollständiger Katalog allen Lebens auf der Erde eine Vision bleiben. Denn das Unterfangen hat Fallstricke.

Da ist beispielsweise die schiere Zahl der zu erwartenden Einträge im neuen enzyklopädischen Verzeichnis aller Arten. Einerseits: Mit Umfangsproblemen hatte bisher noch auch jede andere Enzyklopädie zu kämpfen; doch es werden immer mehr neue Tierarten entdeckt und beschrieben – eine Wissensexplosion der biologischen Art.

Andererseits: So unablässig Biosystematiker neue Arten gesammelt, vermessen, untersucht, beschrieben und benannt haben, es fehlt ihnen der Überblick über ihr Tun. Anders als beim Traditionsprodukt Brockhaus, der immerhin durch 21. gedruckte Ausgaben ging, gab es nie ein vollständiges Verzeichnis der vielen beschriebenen Arten aus den einzelnen Gruppen des Tierreichs, geschweige denn einen Gesamtkatalog aller Lebensformen.

Zumindest in dieser Hinsicht stimmt wenigstens eine der euphorisch-visionären Äußerungen, die die EOL-Initiatoren um Edward James beim Start ihrer Enzyklopädie verkündeten. Tatsächlich kommt allein der Versuch, alle Arten in einer einzigen Datenbank zusammenzuführen, einer Revolution gleich. Am Beginn des 21. Jahrhunderts und mit Mitteln des Informationszeitalters könnte man tatsächlich erstmals jenes solide Wissensfundament gründen, das so dringend benötigt wird.

Allerdings muss die Vorstellungskraft noch erhebliche Lücken füllen. Denn bisher sind die meisten der EOL-Seiten nur mehr Platzhalter für zukünftige Einträge. Auf immerhin 24 Beispielseiten mit Textbeispielen und Multimedia-Verknüpfungen kann man einen Eindruck davon gewinnen, wie die Arteinträge einmal aussehen sollen. Anders als anfangs bei Wikipedia sollen diese Einträge vor allem durch registrierte und sachkundige Bearbeiter mit entsprechend taxonomischem Wissen erfolgen, die ihr Werk dann als eigenen namentlichen Beitrag wie andere Publikationen auch zitieren können.

Da, wo es bei EOL bislang tatsächlich Informationen gibt, stammt sie überwiegend aus solchen Datenbanken, die sich bereit erklärt haben, mit der Biodiversitäts-Enzyklopädie zusammenzuarbeiten. Im Klartext: das mit Millionen gesponserte Unternehmen EOL übernimmt Informationen etwa von Fish Base oder AmphibiaWeb sowie vom „Tree of Life“-Projekt, also privaten oder halbinstituitionellen Initiativen, um an Fahrt zu gewinnen.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Selbst wenn sich die Einträge mehren und EOL es schafft, als aktuelle, online überarbeitete und verfügbar gemachte Enzyklopädie auf dem neuesten Stand zu bleiben, kann das bloße Auffüllen selbst der größten Datenbank nicht über ein der Biosystematik eigenes Problem hinwegtäuschen; noch dazu über eines, das über den oft geklagten Verfall des als gültig erachteten Wissens jeder Art des Enzyklopädischen hinausreicht. Experten nennen es „taxonomische Redundanz“ und meinen damit die Tatsache, dass viele Tierarten in der Vergangenheit mehrfach benannt und in der Fachliteratur beschrieben wurden. Wo sich also in der Natur nur eine Art findet, erscheint diese in den Werken der Systematiker auf wunderbare Weise vermehrt als Synonym.

Es ist anzunehmen, dass diese doppelte Buchführung im Reich der Tiere möglicherweise ein Drittel bis beinahe die Hälfte aller vergebenen Artnamen betreffen könnte. Immerhin wurden zwischen 33 und 44 Prozent ungültiger, weil doppelt vergebener Namen allein für die vergleichsweise gut bekannte Gruppe der Säugetiere ermittelt. Enzyklopädisches Wissen sei nur das halbe Leben, schloss – wenngleich in anderem Zusammenhang – Rainer Moritz unlängst im Tagesspiegel. Bei der Biosystematik ist es möglicherweise gerade umgekehrt.

Nicht zuletzt deshalb wird die Onlineenzyklopädie der Tiere auch weiterhin nicht die großen Bibliotheken mit ihren naturkundlichen Werken aus drei Jahrhunderten ersetzen. Sie werden gemeinsam mit den Museumssammlungen der Naturobjekte gebraucht, um die vergebenen und verwendeten Namen zu überprüfen, den ältesten verfügbaren und gültigen für eine Tierart zu finden und die übrigen unter diesem zu versammeln. Vernünftigerweise sollte dies parallel zum EOL-Projekt geschehen, damit nicht hinterher allzu viele der eingerichteten und bearbeiteten Seiten wieder eingezogen werden müssen.

Damit wird klar: Zum biosystematischen Großreinemachen braucht es mehr als nur Bearbeiter à la Wikipedia, die sich als Onlinebibliothekare verstehen und biologische Namen und Fakten eintippen. Vielmehr brauchen wir mit den modernen Methoden arbeitende Biosystematiker, um jene Daten und Dokumentationen zu erforschen und nach allen Regeln taxonomisch-biosystematischer Kunst zu recherchieren, um sie dann im Netz verfügbar zu machen. Zukünftig wird es also nicht allein darum gehen können, nur lexikalisches Wissen zu archivieren. Vielmehr muss auch originäre biosystematische Forschung betrieben werden.

Auch aus diesem Grund ist der Start von EOL ein gutes Signal. Doch es ist nur der erste Schritt. Es braucht einen langen Atem und eine stetige Förderung, um diese biologische Inventur tatsächlich zu Ende zu führen – und eben nicht nur die EOL-Datenbank zu füttern. Vor allem brauchen wir eine nationale wie internationale Anstrengung zur Erforschung und Erfassung der Biodiversität.

Die im Mai 2008 in Bonn stattfindende Weltkonferenz zur Biologischen Vielfalt bietet eine gute Gelegenheit, auch die Politik an diese Selbstverpflichtung zu erinnern. Bevor wir weitere Milliarden für Raumfahrtvorhaben zwischen Mond und Mars investieren und damit im Weltall buchstäblich verbrennen, ist es Zeit, an die vollständige Erforschung des irdischen Weltenraumes und der Vielfalt seiner tierischen Bewohner zu gehen.

Der Autor ist Forschungsdirektor am Berliner Museum für Naturkunde.

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