Tauben sollen Seife unter sich lassen und die Umwelt säubern

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"Bio" ist Kunst : Achselhöhlen-Käse und farbige Fäkalien
Julia Harlfinger
Ballonartige Wesen bekämpfen Baumparasiten und synthetische Schnecken neutralisieren sauren Boden. So stellt sich die Künstlerin Alexandra Daisy Ginsberg die Natur der Zukunft vor.
Natürlich künstlich. Ballonartige Wesen bekämpfen Baumparasiten, synthetische Schnecken neutralisieren sauren Boden,...Bild: Alexandra Daisy Ginsberg

Der belgische Künstler Tuur Van Balen hat in einer Installation durchgespielt, wie sich Tauben mithilfe von synthetisch umprogrammierten Bakterien im Futter zu Produzenten von biologisch abbaubarer Seife umwandeln ließen. So könnten die „Flugratten“ zu gefiederten Putztrupps werden.

Achselhöhlen-Käse, bunte Fäkalien und gurrende Seifenspender – diese Biokunst-Werke kommen auf den ersten Blick leichtfüßig, verspielt und humorvoll daher. Sie werfen aber vor allem irritierende Fragen auf, die die aufkommende Synthetische Biologie mit sich bringt: Welcher Nutzen steht in einem angemessenen Verhältnis zu möglichen Risiken? Wie weit darf die Technik der Natur ins Handwerk pfuschen?

Bisher arbeiten die Künstler im Verborgenen

Dass solche mikrobiellen Golems und Frankensteins irgendwann aus den Labors entkommen, befürchtet Steen Rasmussen nicht. Vielmehr beunruhigt den dänischen Physiker von der Universität Süddänemark, dass Bürger und Politiker es versäumen könnten, über diese neuen Technologien und Lebensformen zu diskutieren. Denn sie könnten die Arbeitswelt und Lebensmittelproduktion grundlegend verändern, sagt Rasmussen. Doch Öffentlichkeit und Medien nehmen von der Synthetischen Biologie kaum Notiz.

„Wir müssen unbedingt über die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft nachdenken, und zwar schon jetzt“, sagt der Experte für Künstliches Leben. Er hat 20 Jahre lang am Los Alamos National Laboratory in den USA geforscht und arbeitet nach wie vor an der Entwicklung künstlicher „Minimal“-Zellen. Damit lotet Rasmussen die Grenze zwischen lebender und nicht lebender Materie aus. Er plädiert für eine enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Kunst. Denn im Entwickeln von Visionen seien Maler, Dichter, Filme- und Theatermacher besser als die Forscher. „Auch wenn sie weit hergeholt, unheimlich, radikal oder verrückt scheinen – mithilfe dieser Geschichten, Träume und Gefühle können wir besser über die Zukunft nachdenken“, sagt Rasmussen. „Ich möchte nicht, dass Entscheidungen schlecht informierten und inkompetenten Populisten überlassen werden.“

Neue Geschmackserlebnisse durch andersartige Chemikalien

Sein Center for Fundamental Living Technology ist seit Kurzem Gastgeber für den US-amerikanischen Künstler und Designer Orkan Telhan. Während dieser Künstlerresidenz wird sich Telhan mit der Zukunft des Essens befassen. „Vielleicht werden wir eines Tages Nahrung mithilfe der Synthetischen Biologie herstellen, zum Beispiel um die Weltbevölkerung mit knappen Ressourcen satt zu bekommen“, sagt Telhan, der an der University of Pennsylvania unterrichtet.

„Unnatürliches“ Labor-Essen klingt nicht nach jedermanns Geschmack. „Doch was wäre, wenn diese Designer-Lebensmittel sogar besonders nahrhaft und wohlschmeckend wären?“, spekuliert Orkan Telhan. Möglicherweise bieten sie ganz neue Geschmackserlebnisse durch andersartige Chemikalien, die sich selbstständig weiterentwickeln. Das Ergebnis seines Projekts möchte er bei einer Verkostung vorstellen und dabei simulieren, was den Menschen in Zukunft Appetit machen könnte.

„In den Anfangszeiten der Biokunst, also in den 80ern und 90ern, war es für Künstler noch viel schwieriger, Zugang zu Labors, Wissen und Arbeitsmaterial zu bekommen“, sagt die Berliner Kunsthistorikerin Ingeborg Reichle. Vor rund 15 Jahren entstand auch das Leuchtkaninchen GFP Bunny von Eduardo Kac. Das Tier, das samt eingepflanztem Quallen-Gen unter UV-Licht grün fluoreszierte, provozierte gewaltig. Dieses Readymade stellte die Frage, warum ein gängiger biotechnologischer Prozess – aus dem Kontext gerissen – nun auf einmal Kunst sein sollte.

Ein bisschen an Bakterien basteln darf jeder

Außerdem schürten die Arbeiten von Kac und Konsorten die Befürchtung, dass Künstler womöglich unsachgemäß mit Technologien hantieren und gefährliche Organismen freisetzen könnten. Das System Wissenschaft ist mittlerweile deutlich offener. Neben Künstlern betreiben heute auch Biotechnologie-Laien aus der Do-it-yourself-Bewegung Projekte in aller Welt. „Der privilegierte Blick durch die Biologie auf das Leben – das ist nun aufgehoben“, sagt Reichle.

Dass mittlerweile diverse wissenschaftliche Institutionen Künstler einladen oder Preise vergeben, sieht die Biokunst-Expertin Reichle durchaus kritisch. Es bestehe mitunter die Gefahr der Vereinnahmung. „Kunst ist weitaus positiver besetzt als Synthetische Biologie. Dieser Effekt kann für Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden, als billiges Vehikel für die Popularisierung von Wissenschaft.“ Doch die Rolle der Kunst sei vielmehr, der Wissenschaft einen Spiegel vorzuhalten, ihre politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen infrage zu stellen und Interessenskonflikte aufzuzeigen.

That's Life: Viele Kunstwerke vergehen rasch

Andererseits ist die Biokunst noch abhängig von finanzieller Förderung durch die Forschungsinstitutionen. Denn das „Betriebssystem Kunst“ sei auf die Bioart-Szene noch nicht recht aufmerksam geworden. „Bei Sotheby's oder in New Yorker Galerien wird Synthetische Biokunst bisher nicht gehandelt.“ Dabei tue sich gerade in China und Indien sehr viel. „Ein Indikator für einen globalen Trend.“ Die schwierige kommerzielle Verwertbarkeit mag auch daran liegen, dass „Biokunst meistens nichts ist, was man sich über die Couch ins Wohnzimmer hängen kann“, sagt Reichle. Viele Kunstwerke sind wenig dekorativ – oder schlicht vergänglich.

Auch die nach ihren Spendern riechenden Käseporträts der „Selfmade“-Serie landeten irgendwann im Müll. Allerdings nicht bevor Christina Agapakis noch von einem Laib gekostet hatte, der aus ihren eigenen Bakterien hergestellt war: „Schmeckte wie ganz normaler Käse.“

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