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Biodiversität : Die letzten ihrer Art

18.10.2010 21:54 Uhrvon
Gefährdete Pracht. Korallenbewuchs am Great Barrier Reef vor der Küste Australiens.Bild vergrößern
Gefährdete Pracht. Korallenbewuchs am Great Barrier Reef vor der Küste Australiens. - Foto: dpa

Im japanischen Nagoya hat die zehnte UN-Konferenz zur Sicherung der biologischen Vielfalt begonnen. Wie können Tier- und Pflanzenarten gerettet werden?

Den Luchs kennt jeder. Oder den Roten Tunfisch oder den Panda. Es sind Tiere, die nicht nur besonders schön anzusehen sind. Als bedrohte Arten haben sie es auch zu gewisser Popularität gebracht. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Die meisten Tier- und Pflanzenarten verschwinden ohne großes Spektakel von unserem Planeten. Mit ihnen verschwindet jedes Mal auch ein Stück Vielfalt der Natur. Selbst wenn einzelne Exemplare in einer Nische überdauern mögen – weltweit werden immer größere Flächen von wuchernden Städten und riesigen Agrarflächen besetzt. Für die Biodiversität hat das verheerende Folgen.

Vertreter von 193 Staaten diskutieren seit Montag auf der zehnten Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (COP), wie die Vielfalt der Natur besser geschützt werden kann.

Am 29. Oktober soll ein entsprechendes Protokoll verabschiedet werden, das dann von den Parlamenten der beteiligten Länder ratifiziert werden muss.

Einer der Streitpunkte ist eine verbindliche Regelung gegen sogenannte Biopiraterie, den „Raub“ genetischer Ressourcen. Wenn zum Beispiel eine Pharmafirma bestimmte Tropenpflanzen nutzt, um daraus Medikamente herzustellen, soll ein Teil der erzielten Gewinne in die Herkunftsregion der Pflanze zurückfließen, so eine Forderung zahlreicher Entwicklungsländer.

Ein Beispiel für eine solche Gewinnbeteiligung ist die psychoaktive Kanna-Pflanze, die unter anderem in Südafrika wächst. Seit Jahrhunderten wird sie von Buschleuten genutzt, um während der Jagd Hunger, Durst und Müdigkeit zu verdrängen. Die Firma HGH Pharmaceuticals in Kapstadt will aus der Pflanze ein Antidepressivum entwickeln. Sie hat jetzt rund 10 000 Buschleuten Anteile zugesichert, sobald das Präparat auf den Markt kommt. Vom Nettoumsatz sollen sechs Prozent an die Ureinwohner gehen, sagte der Anwalt des San-Volkes dem Evangelischen Pressedienst. Außerdem habe HGH bereits einmalig umgerechnet 50 000 Euro an die San gezahlt.

„Ein solcher Ausgleich steht für viele Staaten ganz oben auf der Liste; wenn es darüber keine Einigung gibt, wird es auch für die anderen Teile des Protokolls keine Entscheidung geben“, sagt Günter Mitlacher, der für die Naturschutzorganisation WWF die Konferenz in Nagoya beobachtet. „Aber die Stimmung ist positiv, alle sind sehr motiviert, eine Einigung zu erzielen“, fasst er den ersten Verhandlungstag zusammen.

Widerstand gegen diesen Punkt des Protokolls gibt es vor allem aus Kanada und Südkorea. Die USA lehnen die Biodiversitätskonvention insgesamt ab.

Die Industrie dagegen ist einer Vereinbarung zur „Gewinnbeteiligung“ nicht abgeneigt. „Wir finden es gut, wenn es in diesem Punkt eine internationale Regelung gibt, schon um Rechtssicherheit zu haben“, sagt ein Sprecher des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA). Damit lasse sich eine angemessene Beteiligung der Betroffenen erreichen, aber auch der Zugang zu genetischen Ressourcen in den interessanten Ländern sichern. „Was den konkreten Entschädigungsanteil betrifft, sollte von Fall zu Fall entschieden werden“, sagt der VFA-Sprecher. „Es ist ein Unterschied, ob es um Pflanzen geht, die ein Volksstamm seit Jahrhunderten als Heilmittel nutzt, oder ob es um eine Substanz geht, aus der man eventuell einen Wirkstoff herstellen kann – ohne dass die Menschen vor Ort von dieser Möglichkeit wussten.“ Zum Ausgleich müsse nicht immer Geld fließen. Die Länder könnten von gemeinsamen Forschungsprojekten und damit verbundenen Patenten ebenso profitieren. Dafür gebe es bereits einige Beispiele.

Ein weiterer Schwerpunkt ist in Nagoya der Erhalt der biologischen Vielfalt durch verschiedene Schutzmaßnahmen. Ursprünglich hatte sich die Weltgemeinschaft vorgenommen, das Artensterben bis 2010 – übrigens Jahr der Biodiversität – „signifikant zu verringern“. Davon sei man weit entfernt, klagen Naturschutzorganisationen. Nach Angaben des WWF ist die von Menschen verursachte Aussterberate von Tieren und Pflanzen mindestens 100 Mal höher als der natürliche Artenschwund.

Um dem entgegenzuwirken, gibt es verschiedene Ansätze. So soll etwa die Entwaldung gebremst werden. „Noch immer werden jedes Jahr 13 Millionen Hektar Wald abgeholzt“, sagt Mitlacher. „In den Meeren ist die Lage ähnlich dramatisch, 70 Prozent der Bestände um Europa sind im Prinzip abgefischt.“ Hier sollen strengere Fangquoten das Überleben der marinen Lebewelt sichern.

An Land sehen Experten die Biodiversität vor allem von der wachsenden Bevölkerung und deren Versorgung bedroht. „Es wird immer häufiger einen Kampf um Flächen geben“, sagt Franz August Emde vom Bundesamt für Naturschutz. Dabei konkurrierten Lebensmittelproduktion, Anbau von Bioenergiepflanzen sowie Flächenbedarf zum Leben. „In Deutschland werden jeden Tag mehr als 100 Hektar Land mit Straßen und Häusern versiegelt“, macht Emde deutlich. Unter diesem Druck sei es schwer, Gebiete zu sichern, die allein der Natur vorbehalten bleiben.

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