Biologie : Abenteuer Artensuche

Der Zoologe Tim Flannery durchstreift tropische Inseln im Südpazifik und entdeckt Tiere, die kaum ein Mensch vorher sah.

Matthias Glaubrecht
Immer der Nase nach. Zwei im Südpazifik heimische junge Nasenbeutler, aufgenommen im Zoo von Sidney. Foto: Reuters
Immer der Nase nach. Zwei im Südpazifik heimische junge Nasenbeutler, aufgenommen im Zoo von Sidney. Foto: Reuters

Inseln sind Welten für sich, Mikrokosmen und Werkstätten der Evolution. Durch tektonische Kräfte wurden sie entweder als Teil größerer Landmassen von diesen getrennt, oder sie erheben sich isoliert vom Grund des Ozeans. Auf Inseln läuft die Natur zur Höchstform auf, geht die Evolution immer wieder ungewöhnliche Wege. Dank der jeweils besonderen Umstände kann sie sich beschleunigen oder aber verlangsamen. So werden Inseln zum Schauplatz spektakulärer Artenschwärme oder zu Archen voller lebender Fossilien, zum Refugium für jene Lebensformen, die anderswo längst ausgestorben sind oder sich durch evolutionäre Prozesse stark verändert haben. Inseln machen selbst aus Riesen Zwerge und aus Zwergen Riesen.

Fehlen Feinde, doch bietet sich reichlich Nahrung, entstehen katzengroße Riesenratten, wie auf manchen Inseln im Südpazifik. Fehlt dagegen ausreichend Futter oder schrumpft der zur Verfügung stehende Lebensraum, verzwergen selbst Elefanten zu Miniaturen ihrer selbst, wie früher auf einigen Mittelmeerinseln oder auf Flores in Indonesien geschehen. Wer glücklich eine Insel erreicht, der gerät in eine eigene und neue Welt.

Eine jener Regionen der Erde, in denen sich die geologischen Prozesse der Inselbildung und ihre evolutiven Folgen für Flora und Fauna mustergültig beobachten lassen, liegt vor der Haustür Australiens. Eine Kette von Inseln, die sich von Neuguinea, den vorgelagerten D’Entrecasteaux-Inseln über den Bismarck-Archipel, die Salomonen und Vanuatu bis nach Neukaledonien im Süden und Fidschi im Osten erstrecken. Diese Inselwelt Melanesiens umspannt eine riesige Meeresregion auf einer Länge von 6000 Kilometern; eine Entfernung größer als zwischen Paris und Montreal oder zwischen Kairo und Peking. Darin finden sich sowohl Bruchstücke alter Urkontinente wie auch ozeanische Inseln vulkanischen Ursprungs. Tatsächlich hat jede der Inseln ihre eigene Geologie und Geschichte; vor allem aber eine eigene Gemeinschaft an Arten, die sie oft aus verschiedenen Richtungen kommend besiedelten.

Für Tim Flannery stellt diese Inselregion im Südpazifik eine Miniaturversion unserer Erde dar. „Eine dieser Inseln zu durchstreifen, deren Fauna noch niemand beschrieben hatte, war vielleicht das Aufregendste, was man als Wissenschaftler erleben kann.“ Er muss es wissen. Flannery, Direktor am South Australian Museum in Adelaide, ist einer der prominentesten Zoologen Australiens. Von Haus aus Säugetierforscher, spezialisiert auf australasiatische Beuteltiere, hat wohl kaum ein anderer lebender Forscher derart viele neue Arten an Säugetieren beschrieben wie Flannery. Entdeckt hat er sie sämtlich auf jenen dem fünften Kontinent vorgelagerten großen und kleinen Inseln im Südpazifik.

In den 1980er und 1990er Jahren kreuzte Flannery allein oder mit anderen Wissenschaftlern auf zahlreichen Expeditionen durch die tropische Inselwelt Ozeaniens. Sein Ziel: eine umfassende Inventur der Säuger jener Inseln anzulegen, die vielfach noch weiße Flecken auf der Landkarte der Systematiker sind. In seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch „Im Reich der Inseln“ nimmt er seine Leser mit auf der oftmals abenteuerlichen Suche nach kaum bekannten oder gar unentdeckten Arten. Obgleich der Raubbau und die Abholzung der tropischen Regenwälder auch vor vielen der Inseln im Südpazifik nicht Halt gemacht hat, leben auf nicht wenigen von ihnen noch immer Arten, die zuvor kaum einmal ein Mensch, geschweige denn ein Zoologe zu Gesicht bekommen hat.

Der letzte seiner Art - in einer Museumsvitrine

Oft genug waren die einzigen Europäer, die überhaupt über jene mysteriösen Arten berichteten, Entdecker aus der Zeit der Segelschifffahrt. Und so kannte man die meisten dieser Säugerarten des Südpazifiks aus naturhistorischen Sammlungen. Exotische Tiere, von denen nur Knochen, mottenzerfressene Mumien oder ein paar Fellfetzen in irgendeinem Museum verstaubten; nicht selten lange unerkannt und ohne dass diesen Zeugnissen selbst die dafür zuständigen Kuratoren Beachtung geschenkt hätten. Apropos Museen: Sie seien wohl der erfolgreichste Versuch des Menschen, die Zeit anzuhalten, sagt Flannery. „Es ist ein magisches Erlebnis, eine alte Museumsvitrine zu öffnen und vor den Überresten eines Tieres zu stehen, das einst auf einer – inzwischen durch europäische Einflüsse völlig veränderten – Pazifikinsel lebte und um die halbe Welt gereist ist, um jetzt vor uns zu liegen.“ So empfand Flannery seine Besuche in den großen Naturkundemuseen der Welt zwar stets als eine Art Zeitreise. Doch wurde seine Freude über den Fund oft durch Trauer getrübt. Denn tatsächlich erwiesen sich jene Überbleibsel im Museum vielfach als das Einzige, was von einer Art übrig geblieben ist.

Vielleicht aber, so hoffte Flannery, gibt es die eine oder andere Art doch noch, irgendwo im dichtesten Urwald versteckt lebend oder auf dem höchsten, wolkenverhangenen Gipfel einer Insel ausharrend. Für ihn war es in jedem Fall Grund genug, das Geld einer privaten Stiftung dafür zu nutzen, um in jenen vergessenen Inselwelten nach den lebenden Artgenossen und ihren Verwandten zu fahnden. Etwa nach einem Nasenbeutler auf Kiriwana, einer der Trobriand-Inseln mitten in Melanesien, oder einer Riesenratte auf der Salomonen-Insel Guadalcanal.

Kauzige Forscher auf der Jagd nach neuen Arten

Flannery beschreibt nicht nur seltsame und seltene Säugetiere; liebevoll zeichnet er auch Porträts jener oft kauzigen Museumsforscher, die in den Generationen vor ihm ihr Leben der Beschreibung neuer Tierarten gewidmet haben. Da ist etwa Michael Oldfield Thomas, der Ende des 19. Jahrhunderts Kurator der Säugetierabteilung des Britischen Museums in London war. In den fünf Jahrzehnten seiner Tätigkeit benannte er mehr als zweitausend Säugetiere, rund ein Drittel aller weltweit lebenden Arten. Mit einer Millionenerbin verheiratet, hatte Thomas die Mittel, Sammler auszusenden, ihm von überall Arten mitzubringen. So jene Riesenratte von Guadalcanal, die in einer Kiste verpackt bei Thomas eintraf und sich heute dank DNS-Untersuchungen von Stücken, die Flannery fand, tatsächlich als eine nur dort vorkommende eigenständige Art erwies.

Flannery erzählt unterhaltsam und spannend von seinen Studien auf faszinierenden Inseln. Dass diese oft alles andere als ein Garten Eden sind, bezweifelt nicht mehr, wer liest, dass etwa an der zu Recht sogenannten Wetterküste einer der Salomonen acht Meter Niederschlag pro Jahr fallen, Regenwald-Tropen eben.

Tim Flannery: Im Reich der Inseln. Meine Suche nach unentdeckten Arten und andere Abenteuer im Südpazifik. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. S. Fischer Verlag. Frankfurt 2013. 272 Seiten, 19,99 €.

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