Biologie : Die Botschaft der tropischen Schnecke

Berlins Naturkundemuseum arbeitet mit Funden aus drei Jahrhunderten – auch für die Klimaforschung. Es braucht Jahrzehnte die riesige Ansammlung aufzuarbeiten.

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Tropische Schnecken aus der Sammlung des Museums. -Foto: Naturkundemuseum

Sie waren Ärzte, Physiologen und Botaniker, aber auch Politiker, Dichter und Lehrer oder alles zugleich, und sie verstanden sich darüber hinaus als Naturforscher. Die Universalgelehrten des 18. Jahrhunderts suchten nach einer Erklärung der gesamten Natur, und für dieses bescheidene Unternehmen begannen sie in unmittelbarer Umgebung und auf abenteuerlichen Expeditionen systematisch alles zu sammeln, zu beschreiben und zu ordnen, was ihnen begegnete.

Teile der schätzungsweise 30 Millionen Objekte umfassenden Sammlung des Berliner Naturkundemuseums gehen auf solch individuelle Aktivitäten zurück. Aber schon bald war die Privatsammlung für das große Ziel zu unbefriedigend. „Naturgeschichte konnte nur als kollektives Unternehmen betrieben werden“, sagt die Berner Wissenschaftshistorikerin Kärin Nickelsen. Varietäten von Arten erfolgreich zu unterscheiden und zu benennen, ging nur mit einer entsprechend großen Datengrundlage.

Man begann also zu kooperieren und Pflanzen, Tierpräparate oder Mineralien zu tauschen, um schließlich überall naturforschende Gelehrtengesellschaften zu gründen, in denen die Sammlungen zusammengeführt wurden. Seit 1810 gingen einige private Bestände in die Obhut der neu gegründeten Berliner Universität (der heutigen Humboldt-Universität) über, die zu Forschungs- und Lehrzwecken einen Sammlungsauftrag bekam und Kontinuität gewährleisten sollte. 60 Jahre später war das Universitätsgebäude bereits zu klein für die ausufernden Arsenale. 1889 bezogen sie das Gebäude in der Invalidenstraße, in dem sie heute noch zu finden sind.

280.000 Gläser mit in Alkohol konservierten Objekten aus allen Teilen der Welt, ein ganzer Keller mit Geweihen, eine weltberühmte Sammlung von Mineralien und bis zu 4,5 Milliarden Jahre alten Meteoriten oder ein riesiger Saal nur mit Fischpräparaten – all das findet sich hinter den neugestalteten, spektakulären Ausstellungssälen im Museum für Naturkunde in weitgehend unsanierten Räumen. Und mit den alten Sammlungen wird noch immer geforscht.

Vor allem die Kuratoren und Taxonomen, die „Ordnung liebenden“ Wissenschaftler in den Sammlungen, betreiben Grundlagenforschung, indem sie sich tagein tagaus, Schublade für Schublade und Glas für Glas mit geradezu mönchischer Disziplin den überwältigenden Mengen an inzwischen uralten Objekten widmen. Flohkrebse zum Beispiel oder Käfer und Seepocken werden Stück für Stück unter die Lupe genommen, genauestens beschrieben, die Verwandtschaftsverhältnisse werden geklärt und die Art nach einer präzisen Nomenklatur bestimmt. Es kann immer noch Jahrzehnte dauern, bis die Bestände der Sammlungen wirklich alle bekannt sind. Das klingt für viele nach Beschäftigungstherapie, ist es aber nicht.

Insbesondere die Klimaforschung ist zunehmend auf die Expertise jener Systematiker angewiesen, die in naturkundlichen Sammlungen die Daten für weiterführende Forschungen über Artenvielfalt und Biodiversität liefern. Schätzungen der heute existierenden Arten lebender Organismen schwanken extrem zwischen zwei und 30 Millionen, aber auch bis zu 100 Millionen werden von Autoren angenommen. Beziehe man sich auf die letzte Zahl, dann kennten wir möglicherweise nur zwei Prozent aller Organismenarten, sagt der Biologe und Kurator für Krebstiere im Berliner Naturkundemuseum, Oliver Coleman, der allein von 8000 Flohkrebsarten weiß.

Das Wissen über die Arten ist Voraussetzung, um Klimaschwankungen und Veränderungen in der Vergangenheit ausmachen zu können. Naturkundliche Sammlungen sind daher für Geologen, die sich der Klimageschichte widmen, unverzichtbare Referenz-Archive.

„Wenn wir Sedimente anschauen, sehen wir, in was für einer Umwelt sie abgelagert wurden, und das erzählt uns eine Menge über Klima und Umweltbedingungen. Aber als Geologen können wir uns sehr täuschen“, sagt Hildegard Westphal von der Uni Bremen. Da sich ähnliche Sedimente unter sehr unterschiedlichen Bedingungen bilden können, und eine Schnecke darin für das Auge des Geologen eben meist nur eine Schnecke ist, ginge die Klimarekonstruktion vielleicht in eine falsche Richtung. Wäre da nicht das Wissen jener viel zu oft als „Beinchen- und Borstenzähler“ belächelten Kustoden im Museum. „Die schauen die Schnecke an und sagen: Hör mal, das ist keine Kaltwasserschnecke, das ist eine tropische Schnecke. Und dann weiß ich: Aha, es ist warm, obwohl ich keine Korallenriffe sehe. Es sieht zwar aus wie Kaltwasser, ist es aber nicht“, sagt Hildegard Westphal.

Die Geologin ist Mitglied der Jungen Akademie der Wissenschaften in Berlin, einer Gründung der Berlin-Brandenburgischen Akademie und der Leopoldina der Naturforscher zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Gemeinsam mit dem Museum und „Klang Quadrat – Büro für Kunst und Musik“, unterstützt von der Schering Stiftung, arbeiten die jungen Wissenschaftler der Akademie derzeit an einem Projekt mit, das den Museumsbesuchern im Februar 2008 auch die Kunst des Sammelns hinter der Ausstellung vermitteln will.

Die historische, kulturelle, aber gerade auch die aktuelle internationale Bedeutung der Sammlungen des Berliner Naturkundemuseums wurde darüber hinaus gerade erst gewürdigt: Ab 2009 wird das Museum als Forschungseinrichtung Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft werden und damit künftig von Bund und Ländern mit jährlich 13 Millionen Euro gefördert.

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