Biologie : Ein Virus befällt Waschbären in Mecklenburg

Deutsche Forscher haben im Müritz-Nationalpark erstmals Staupe bei den in Europa heimischen Kleinbären nachgewiesen. Bisher erlagen nur Weibchen dem Erreger. Männchen könnten immun sein.

Dagny Lüdemann
Waschbaer
Die deutschen Waschbären scheinen die Seuche recht gut bekämpfen zu können. -Foto: ddp

Zwei deutsche Wissenschaftler haben an der Mecklenburgischen Seenplatte erstmals in Europa die Viruskrankheit Staupe beim Waschbär nachgewiesen. „Der Erreger wurde bei acht toten Weibchen im Gebiet Serrahn des Müritz-Nationalparks gefunden“, sagte der Leiter des Projekts „Waschbär“, Frank-Uwe Michler, am Freitag auf einer Tagung in Hohenzieritz (Mecklenburg-Strelitz). In Nordamerika dezimieren Staupeepidemien regelmäßig den Bestand an Waschbären.

„Zwei der Tiere lebten noch, als wir sie fanden, waren aber nicht mehr bei Bewusstsein“, sagte der Biologe dem Tagesspiegel. Auch diese beiden Waschbären starben an den Folgen der Staupe. In Deutschland tritt die Tierseuche häufig bei Hunden auf. Unter Wildtieren, wie Füchsen, Mardern oder Dachsen kommt es immer wieder zu Epidemien. Typischerweise bekommen infizierte Tiere hohes Fieber und magern stark ab. Befällt das Virus das Nervensystem, endet die Krankheit fast immer tödlich. Da der Erreger vor allem die Immunabwehr schwächt, raffen auch häufig Sekundärinfektionen die Tiere dahin.

Frank-Uwe Michler und die Hamburger Doktorandin Berit Annika Köhnemann hatten die Kadaver bei ihrer Feldforschung im Müritz-Nationalpark gefunden. Seit 2006 versehen die Biologen hier Waschbären mit Sendern und beobachten ihre Wanderungen (siehe Kasten).

Die Blutproben der toten Waschbären wurden am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) untersucht. Bei den Analysen fanden die Forscher den Auslöser der Seuche – das Canine Staupevirus CDV, das zur Gattung der Morbilli-Viren gehört. Die Robbenstaupe, die zuletzt im vergangenen Sommer in Dänemark ausgebrochen war, wird dagegen vom Phocinen Staupevirus ausgelöst, einer Mutation von CDV. Allerdings wurden auch schon bei anderen Säugetieren, etwa Eisbären oder Löwen, Antikörper gegen Staupeviren nachgewiesen. Das zeigt, dass die Erreger in der Lage sind, durch Mutation Artgrenzen zu überschreiten. Für den Menschen gelten Staupeviren bislang als ungefährlich.

An der Müritz hatten auch einige lebende Waschbären Antikörper gegen das Virus. Das zeigt, dass offenbar größere Teile der Population Kontakt zu dem Erreger hatten. Dass das Virus den Bestand gefährden könnte, glaubt Michler aber nicht. In Mecklenburg-Vorpommern scheinen „vor allem die Männchen den Erreger erstaunlicherweise gut bekämpfen zu können“, sagte der Wildbiologe dem Tagesspiegel. „Viele von ihnen trugen eine große Menge Antikörper, waren aber gesund“. Die an Staupe verendeten Tiere waren durchweg Weibchen. Warum die Krankheit bei den Männchen harmlos verlief oder erst gar nicht ausbrach, wissen die Forscher bisher nicht.

Michler geht davon aus, dass die Staupe nicht erst jetzt auf die Waschbären übergegangen ist, sondern seit längerem in der Population grassiert. „Auch viele Marderhunde hier in der Region haben vermutlich Staupe“, sagte er. Der Erreger sei nur deshalb nicht früher bei Waschbären nachgewiesen worden, weil sich die Tiere zum Sterben in die Moore zurückziehen. „Hätten sie nicht Sender getragen, wären sie niemals gefunden worden“, sagte der Biologe. In Deutschland gibt es zwei Waschbärpopulationen. Die Tiere in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind Nachfahren von etwa zwei Dutzend Waschbären, die 1945 nach einem Bombenangriff auf ein Gehege bei Strausberg ausgerissen waren. Diese Population mischt sich in Sachsen-Anhalt mit einer zweiten Gruppe, die sich von Hessen nach Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sowie nach Baden-Württemberg und Bayern ausbreitete. Erbgutanalysen haben gezeigt, dass diese Tiere alle von zwei im Jahr 1934 am hessischen Edersee ausgesetzten Paaren abstammen. Heute gelten Waschbären bei uns als heimische Art. Trotz der Staupe werden sie sich vermutlich weiter in den Nordwesten Mecklenburg-Vorpommerns ausbreiten. Die Waschbärendichte an der Müritz, wo sechs Exemplare auf 100 Hektar leben, wird aber wohl nicht ansteigen.

Bis zum Jahr 2009 wollen Frank-Uwe Michler und Berit Annika Köhnemann erstmals umfangreiche Daten zur Verbreitung des Waschbärs in der Region, zu seinen Ernährungsgewohnheiten und zu den Auswirkungen auf andere Tierarten ausgewertet haben. Dabei interessiert die Biologen vor allem, ob die Waschbären als Nesträuber Vogelarten gefährden. Vielleicht haben ihre Kollegen vom IZW bis dahin auch herausgefunden, wo sich die Waschbären mit der Staupe angesteckt haben. Möglicherweise war es ein ungeimpfter Hund, der den Erreger auf die Wildtiere im Müritz-Nationalpark übertrug.

Informationen im Internet unter: www.projekt-waschbaer.de

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