Biologie : Fressen mit Gefühl

Forscher haben ein neues Sinnesorgan bei Walen entdeckt. Der Sensor an der Unterkieferspitze hilft den Tieren, Nahrung aus dem Meerwasser zu filtern.

Sensor im Maul. Das neu entdeckte Organ in der Spitze des Unterkiefers ist so groß wie eine Pampelmuse (siehe Ausschnitt). Es steuert die Dehnung des Mauls während der Nahrungsaufnahme.
Sensor im Maul. Das neu entdeckte Organ in der Spitze des Unterkiefers ist so groß wie eine Pampelmuse (siehe Ausschnitt). Es...Abbildung: Nature

Blauwalen und anderen Furchenwalen hilft ein zuvor unbekanntes Sinnesorgan dabei, ihre Nahrung aus dem Wasser zu filtern. Entdeckt haben es Wissenschaftler aus den USA und Kanada, als sie tote Finn- und Minkwale untersuchten. Der an der Unterkieferspitze sitzende Sensor steuert die komplexen Bewegungen der Kiefer und Muskeln, wenn die Riesen der Meere zum Fressen ihr dehnbares Maul aufreißen.

Er spiele eine fundamentale Rolle bei der einzigartigen Fresstechnik der Furchenwale, schreiben die Forscher um Nick Pyenson von der Smithsonian Institution in Washington im Fachmagazin „Nature“ (Band 485, Seite 498). Erst dieses Sinnesorgan habe wahrscheinlich die Entstehung der größten Wirbeltiere der Erde – der 26 Meter langen und bis zu 200 Tonnen schweren Blauwale – ermöglicht, indem es ihre Nahrungsaufnahme so effektiv machte.

Furchenwale jagen keine größere Beute, sondern filtern kleine Krebse und Fische aus dem Meerwasser. Dafür reißen die Wale während des schnellen Schwimmens ihr Maul weit auf und pumpen innerhalb kürzester Zeit gewaltige Wassermengen in ihren extrem dehnbaren Rachenraum. „Beim Finnwal beispielsweise dauert dieser Prozess nur rund sechs Sekunden“, erläutert Pyenson. In dieser Zeit nehme der Wal 80 bis 90 Kubikmeter Meerwasser auf. Diese Menge sei oft mehr als das Volumen des Wales selbst. Dieses Wasser pressen die Meeressäuger anschließend durch die feinen Filtersiebe, die sie statt der Zähne tragen, wieder nach außen. Bis zu zehn Kilogramm Beute bleiben bei einem Durchgang in diesen sogenannten Barten hängen.

„Für diesen komplexen Ablauf muss der Wal seine Kiefer verdrehen, die Zunge zurückklappen und die Kehlfalten an der Unterseite des Mauls ausdehnen“, sagt Erstautor Pyenson. Das alles geschehe aktiv und sei nicht mit dem passiven Auffalten eines Fallschirms vergleichbar. Wie die Furchenwale diesen komplizierten Ablauf kontrollieren, sei bisher unklar gewesen. Das neu entdeckte Sinnesorgan erkläre nun, wie der Wal diesen Prozess koordiniere.

Der Sensor von der Größe einer Grapefruit sitzt in der Kinnspitze des Wals zwischen den beiden nur lose miteinander verbundenen Hälften des Unterkiefers. Zahlreiche Nervenenden münden dort als feine Vorsprünge in einer gelgefüllten Tasche. Sie registrieren die Bewegungen der angrenzenden Kieferknochen, aber auch der dehnbaren Maulunterseite und melden diese ans Gehirn des Wals.

„Es ist wirklich eine Ironie, dass wir selbst nach Jahrzehnten des Walfangs und Tausenden von untersuchten Walkadavern erst jetzt beginnen, die Anatomie dieser größten Meeresräuber zu verstehen“, sagt Pyenson. Entdeckt hatten die Wissenschaftler das Sinnesorgan, als sie die Walkadaver im Ganzen in einem extrem großen Computertomografen untersuchten, einem Gerät, das normalerweise dafür verwendet wird, um ganze Baumstämme zu durchleuchten. dapd

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