Biologie : Quallen erobern das Mittelmeer

Überfischung und Klimawandel fördern die Invasion der glibberigen Tiere. Wer mit dem Nesselgift in Berührung kommt, sollte keinesfalls kratzen, sondern die Haut gut abspülen.

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Tückische Schönheit. Leuchtquallen vor Sizilien.
Tückische Schönheit. Leuchtquallen vor Sizilien.Foto: picture alliance / WaterFrame

Riesige Schwärme der Leuchtqualle Pelagia noctiluca erreichten Mitte Juli die südspanische Mittelmeerküste. 4000 Kilogramm dieser rosa-gelblichen Qualle wurden vor den Urlaubsstränden rund um Malaga abgefischt, doch Tausende von Menschen kamen mit ihrem Gift in Berührung. Auf jedem Zentimeter der 20 Tentakeln sitzen 10 000 Nesselzellen, die bei mechanischer oder chemischer Reizung Nesselkapseln abfeuern. Sie treffen mit bis zu 70 km/h auf die Haut. Manche Kapseln platzen auf und sondern Nesselgift ab, das zu Quaddeln, Erbrechen und schlimmstenfalls Bewusstlosigkeit führt.

„Wer mit dem Quallengift in Berührung kommt, muss schnell handeln“, sagt Josep-Maria Gili vom Institut für Meereswissenschaften in Barcelona. „Die Verletzungen können zu 99 Prozent bereits am Strand ausreichend behandelt werden.“ Der Biologe hat Aufklärungskampagnen geleitet, um Rettungsschwimmern einzuschärfen, für die geschädigte Haut der Strandurlauber Eiswürfel in Plastikbeuteln oder Essig parat zu halten. Gili rät, die juckende Haut weder zu kratzen noch abzureiben, denn dadurch würden auch die Nesselzellen aufplatzen, die noch kein Gift abgefeuert haben. Stattdessen sollten die Quallenreste auf der Haut mit einer Pinzette entfernt und die Haut mit Salzwasser gewaschen werden.

Seit wenigen Jahren fühlen sich im wärmer gewordenen Mittelmeer auch tropische Quallen wie die Portugiesische Galeere Phisalia physalis wohl. Genau genommen ist sie keine Qualle, sondern besteht aus vielen voneinander abhängigen Polypen, der Entwicklungsvorstufe von Quallen. Ihr Gift ist wohl das einzige Nesselgift des Mittelmeers, das tödlich sein kann. Bisher kommt die Portugiesische Galeere zum Glück nur sehr selten vor.

Die wenigsten Quallen, die im Hochsommer an die Strände des Mittelmeeres gespült werden, sind gefährlich. Das Gift der Lungenqualle Rhizostoma pulmo führt zu leichten Hautreizungen. Gleiches gilt für die Kompassqualle Chrysaora hysoscell, die auch in der Nordsee vorkommt. Die Spiegeleiqualle Cotylorhiza tuberculata kann man sogar essen. Die katalanische Sterneköchin Carme Ruscalleda setzte in ihrem Restaurant in der Nähe von Barcelona die Qualle, die wie ein Spiegelei in der Mitte eine gelbliche Erhebung hat, bereits auf die Speisekarte, musste sie aber wieder streichen. Die Lebensmittelbehörden haben die Quallenspeise noch nicht freigegeben.

Eine weitere zwar ungefährliche, dafür aber riesige Qualle des Mittelmeeres ist Rhizostoma luteum. Ihr Schirm kann einen Durchmesser von 90 Zentimeter erreichen. Sie kommt so selten vor, dass ihre Existenz bisher bezweifelt wurde. Seit einige Exemplare in diesem Sommer an südspanische Strände gespült wurden, herrscht nun Gewissheit.

Nur fünf bis zehn Prozent der Quallen erreiche die Küste. Dort bleiben sie nicht lange. Seit zehn Jahren führt Gili Buch über Quallen an den Stränden im Nordosten Spaniens. „Maximal halten sie sich eine Woche, im Durchschnitt nur zwei Tage“, sagt er. Dann hat die Strömung sie wieder weggetrieben.

Für den Urlauber mögen sie ärgerlich sein, doch draußen im offenen Meer sind die Quallen das größere Problem. Sie ernähren sich von Fischeiern und -larven und reduzieren die Fischbestände.

„Die Quallen werden weltweit mehr“, sagt Gili. „Im Mittelmeer übt besonders die Leuchtqualle Druck auf das Ökosystem aus“, sagt der Wissenschaftler. „Die zunehmenden Bestände kommen das ganze Jahr über vor.“

Verantwortlich für die Zunahme ist der Mensch. Besonders die Überfischung schlägt zu Buche. Der Mensch holt die Fressfeinde der Qualle aus dem Meer, das sind Meeresschildkröten und große Fische wie Thunfisch. Auch der Klimawandel spielt eine Rolle. Im erwärmten Ozean haben Polypen höhere Überlebensraten und können so mehr junge Quallen erzeugen als bei niedrigeren Temperaturen. Auch die Überdüngung kommt den Quallen zugute: Die Nährstoffe, die von ausgewaschenem Dünger von den Feldern stammen und über Flüsse ins Meer gelangen, fördern das Wachstum des Phytoplanktons. Diese winzig kleinen Algen sind für Quallen ein gefundenes Fressen.

Im Mittelmeer hat die Trockenheit im letzten Winter die Zunahme der Quallen in Küstennähe noch einmal gefördert: „Das Wasser ist noch wärmer geworden; viele Quallenarten finden somit verbesserte Lebensbedingungen vor“, sagt Gili. Kurzfristig gebe es keinen Ausweg. Mittel- oder langfristig könne sich das Meer wieder regenerieren, „vorausgesetzt, es wird weniger gefischt“, versichert er.

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