Biologie : Servolenkung und Bremskraftverstärker aus Federn

Riesenvögel setzen ihre kurzen Flügel ein, um ihren Lauf besser steuern zu können. Das Prinzip nutzten offenbar auch Raubsaurier.

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Im Laufschritt. Der Strauß kann bis zu 70 Kilometer pro Stunde erreichen.
Im Laufschritt. Der Strauß kann bis zu 70 Kilometer pro Stunde erreichen.Foto: p-a

Während die drei Strauße mit einem Tempo von 60 bis 70 Kilometern in der Stunde über die Wiese rasen, stiebt der Staub. Aber nicht nur die Beine sind in Bewegung, immer wieder breiten die Riesenvögel auch ihre Flügel aus, hat die Biologin Nina Schaller vom Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt am Main beobachtet. Eigentlich wollte sie nur untersuchen, wie die Beine der Vögel eine halbe Stunde lang dieses höchste Dauerläufertempo in der modernen Tierwelt durchhalten. Doch dann stellte sie fest, dass die Strauße ihre fürs Fliegen längst nutzlosen Flügel als zentrales Steuer einsetzen. Davon berichtete Schaller unlängst auf der Jahrestagung der Society of Experimental Biology in Prag. Mehr noch: Offenbar nutzte bereits der Giganotosaurus vor 100 Millionen Jahren diese Steuerung.

Der gehörte mit einer Länge von 13 Metern und einem Gewicht von acht Tonnen genau wie der ähnlich gebaute, aber bekanntere Tyrannosaurus rex zu den größten Raubtieren, die je über das Festland der Erde stürmten. Wie beim Strauß waren auch beim Giganotosaurus die Vordergliedmaßen deutlich schwächer als die kräftigen Hinterbeine. „Bisher nahmen die Wissenschaftler an, mit diesen Armen hätte der Raubsaurier nach Ästen gegriffen oder Fleischstücke aus Aas herausgerissen“, erläutert Schaller die geltende Lehrmeinung. Die Saurierarme trugen genau wie die Straußenflügel heute Federn. „Vielleicht dienten sie zum Beeindrucken des anderen Geschlechtes“, mutmaßen einige Paläontologen.

Nina Schaller hat bei ihrer Straußenforschung klare Hinweise darauf erhalten, dass die Raubsaurier mit ihren Federarmen ähnlich geschickt einen Zickzacklauf steuerten oder sie sogar als eine Art Bremsfallschirm einsetzten, wie es die Riesenvögel heute noch tun. Auch von denen hatten Biologen bisher angenommen, sie hätten ihre gar nicht so kleinen Flügel nur, um damit Rivalen zu beeindrucken oder um sie als eine Art Kühler zu nutzen, wenn ihnen die Sonne zu stark auf das Federkleid brennt. Besser konnten es die Forscher kaum wissen, weil die Riesenvögel so schnell über die Savanne jagen, dass sie kaum wissenschaftlich beobachtet werden können.

Um den rasanten Lauf der Strauße dennoch untersuchen zu können, zog Schaller die Vögel vom Schlüpfen an auf. Die Küken leben genau wie später die ausgewachsenen Strauße in großen Freigehegen, in denen sie das typische Laufpensum ihrer Art ausleben können. Zwei Dinge lernen die jungen Strauße für ihre spätere Laufbahn als Forschungsassistenten: Ein trillernder Ruf heißt so viel wie „bei Fuß“ und das heißt, die Vögel sollen so schnell wie möglich zu Nina Schaller eilen. Noch wichtiger ist ein roter Eimer. In dem gibt es nämlich für die an eine karge Steppenkost gewöhnten Strauße einen echten Leckerbissen in Form von Maiskörnern.

Da wundert es nicht, wenn auch die erwachsenen Strauße im Eiltempo Richtung roter Eimer stürmen. Die Biologin beobachtete ihre eiligen Schützlinge unterwegs genau – und wunderte sich dabei über den eifrigen Einsatz der Flügel. Beim Rennen um eine Kurve benutzen die Vögel ihre Federn ganz offensichtlich zum Balancieren. In einer scharfen Rechtskurve etwa kann man den rechten Flügel ausbreiten, der Luftwiderstand bremst dann diese Seite ab und zwingt den rennenden Vogel so in eine enge Kurve. Kurz vor dem roten Eimer werden beide Flügel ausgebreitet, der Luftwiderstand trifft den Vogel so gleichmäßig und das Tier legt eine Vollbremsung hin.

Mit den typischen Methoden der modernen Naturwissenschaften wie computergestützten Modellrechnungen und Experimenten im Windkanal untermauern Schaller und ihre Kollegen in Antwerpen und Heidelberg, sowie am Royal Ontario Museum im kanadischen Toronto diese Beobachtungen: Die Straußenflügel sind eine Art Servolenkung und Bremskraftverstärker zugleich.

Auch die Nandus in den Halbwüsten Patagoniens schlagen mit dieser „Flügel-Lenkung“ in vollem Tempo so enge Haken, dass auch der schnellste Puma keine Chance hat, den Zickzacklauf der Vögel zu stoppen. Da wäre es doch sehr verblüffend, wenn nicht auch Raubsaurier wie Giganotosaurus ihre befiederten Arme als Servolenkung und Bremskraftverstärker eingesetzt hätten.

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