Biologie : Sie dominiert, er hütet Kinder

Größer, stärker, viel Testosteron - das spielt alles keine Rolle. Bei Tieren sind Geschlechterrollen flexibel. Kann der Mensch davon lernen?

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Ganz die Mutter. Hyänen säugen ihre Jungen bis zu zwei Jahre lang, doch im Geschlechterverhältnis dominieren die Weibchen – und sie vererben ihren Rang an die Töchter.
Ganz die Mutter. Hyänen säugen ihre Jungen bis zu zwei Jahre lang, doch im Geschlechterverhältnis dominieren die Weibchen – und...Foto: dpa/pa

Beim Grillkuckuck herrschen klare Verhältnisse: Brutpflege ist Männchensache. „Die Weibchen verteidigen die Ressourcen und versuchen zusätzliche Männchen für weitere Nester zu gewinnen“, berichtet Wolfgang Goymann vom Max-Planck-Institut für Ornithologie im oberbayrischen Seewiesen. Der Biologe, der die Vogelart in Feldstudien in Tansania studiert, war am vergangenen Dienstag nach Berlin gekommen, um beim diesjährigen Offenen Hörsaal der FU in der Vorlesungsreihe „Das Geschlecht in der Biologie. Anregungen zu einem Perspektivwechsel“ zu sprechen.

Männchen, die die volle Elternzeit übernehmen, Weibchen, die sich einen Harem halten: Da liegt es nahe, von „Geschlechterrollentausch“ zu sprechen. Mit einem solchen Begriff outen wir uns allerdings in den Augen des Biologen als Lebewesen mit der typischen Entwicklungsgeschichte von Säugetieren. Würden wir allein die familiäre Aufteilung im Reich der Vögel in den Blick nehmen, könnte von Rollentausch keine Rede sein. Denn bei neun von zehn Vogelarten gibt es solche Rollen in der Brutpflege überhaupt nicht, weil die Eltern sich die Aufgabe so gerecht teilen, dass der Beifall moderner Familienpolitiker ihnen sicher wäre. Auch die männliche Seenadel, die über eine praktische Bruttasche verfügt, und der Geburtshelferkröterich, der die Eier auf seinem Rücken mit sich trägt, machen sich in der Pflege des Nachwuchses verdient.

Anders bei den Säugetieren: In neun von zehn Fällen ist hier das Weibchen für die Jungen zuständig, bei neun Prozent ist immerhin eine Arbeitsteilung der Geschlechter zu erkennen. Auch bei den Tüpfelhyänen in Ostafrika kümmern sich die Weibchen ausdauernd um ihren Nachwuchs, den sie bis zu zwei Jahre säugen – wobei sie sich immer wieder durch das Jammern der Jungen erweichen lassen, die sie eigentlich abstillen wollten.

Über die Rollenverteilung gibt es trotzdem auch hier Bemerkenswertes zu berichten. Im Geschlechterverhältnis sind es eindeutig die Weibchen, die dominieren. „Die besondere Form der weiblichen Geschlechtsorgane macht es für die Männchen nötig, freundliche Beziehungen zu ihnen aufzubauen“, erklärt Heribert Hofer, Direktor des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung und Professor für Interdisziplinäre Zoo- und Wildtierkunde der FU. Die Kopulation, bei der das Männchen in die auffällig große Klitoris eindringen muss, ist technisch ohne das Einverständnis und die große Geduld des Weibchens überhaupt nicht möglich, berichtet der Verhaltensökologe, der das Verhalten dieser Hyänenart in Ostafrika studiert.

Interessanterweise dominieren die Weibchen, ohne größer oder stärker zu sein oder besonders hohe Werte des männlichen Geschlechtshormons Testosteron zu erreichen. „Bodybuilding hat dafür offensichtlich nicht immer Bedeutung“, sagt Hofer. Zumindest bei den Tüpfelhyänen haben die Weibchen die Führungsrolle, weil die Männchen sich ihnen unterwerfen. Im komplizierten weiblichen Sozialsystem wiederum vererben Mütter ihren Rang an ihre Töchter.

Bei den Mausmakis bleibt die Partnerwahl der Weibchen für die Männchen undurchsichtig. Die Lemurenart aus Madagaskar ist zwar nur einmal im Jahr bereit für Sex, hat ihn dafür aber mit durchschnittlich sieben Männchen. Als Vater kommt schließlich dasjenige zum Zug, dessen Immunsystem das der Mutter gut ergänzt: Ein unterschiedlicher Major-Histocompatibility-Complex der Eltern macht die Nachkommen robuster.

Wer das Rennen um die Vaterschaft gemacht hat, erkennen die Biologen heute mit molekulargenetischen Methoden. Diese Methoden haben in der Fachwelt schon für einige Überraschungen gesorgt. „Bevor sie zur Verfügung standen, galten Vögel im Hinblick auf ihre Treue als Vorbilder für den Menschen“, sagt Hofer. Die DNS-Analysen haben das Bild verändert – auch die treuen Vögel sind nicht immer treu. Die Grillkuckuck-Männchen taugen aber dennoch schon deswegen als „Vorbilder“, weil sie ihre Jungen 14 Tage lang perfekt im Nest mit Futter versorgen.

Jedes Männchen kümmert sich dabei nur um die eigene Brut. Die vermeintlich eigene. Denn auch die Grillkuckucke können sich ihrer Vaterschaft nicht sicher sein: „14,2 Prozent der Eier sind von anderen Männchen befruchtet“, sagt Goymann. Wenn sich die Männchen auf die Aufgabenverteilung einlassen, dann muss sie auf jeden Fall ihren eigenen Fortpflanzungserfolg erhöhen. Tatsächlich sind die Reviere der afrikanischen Zugvögel groß genug, so dass ein Elternteil ausreicht, um die gesamte Brut mit Futter zu versorgen.

Aber warum die Männchen? Eine Erklärung könnte sein, dass oft von Schlangen Eier aus den Nestern der Grillkuckucks-Familien geraubt werden. „In diesem Fall kann nur das Weibchen für schnellen Ersatz sorgen“, sagt Goymann. Neben der Evolutionsgeschichte, die für die körperlichen Voraussetzungen sorgt, sind also die Umweltbedingungen entscheidend, wenn es um die Aufgabenteilung bei der Versorgung der Nachkommen geht.

Was kann man für Menschen daraus lernen? Auf keinen Fall könne die Biologie eine ethische Bewertungsgrundlage für die Gestaltung von Geschlechterrollen liefern, sagt der Ornithologe. „Wir sind die Art, die die größte Freiheit bei der Gestaltung ihrer Umwelt hat, deshalb sind wir auch in diesem Punkt maximal flexibel.“

Und wie flexibel sind die Forscher selbst? Auch diese Frage kam im gut besuchten Offenen Hörsaal oft zur Sprache. Heribert Hofer ist überzeugt, dass das Geschlecht eines Tierverhaltensforschers im Hinblick auf Hypothesenbildung, Beobachtungen und Schlussfolgerungen einige Bedeutung hat. „Gemischtgeschlechtliche Teams sind deshalb besonders kreativ und erfolgreich.“ Gutachter von Fachzeitschriften scheinen dagegen den männlichen Forschern mehr zuzutrauen. Im Journal „Behavioral Ecology“ würden viel mehr Arbeiten von Frauen angenommen, seit die Autoren bei der Einreichung ihre Vornamen nicht mehr angeben, berichtete Hofer. Geschlecht in der Biologie: ein vielschichtiges Thema. Die Vorlesungsreihe geht weiter.

„Das Geschlecht in der Biologie“, noch bis 8.2.2011 dienstags 18.15–20 Uhr im Kleinen Hörsaal der Pflanzenphysiologie, Königin-Luise-Straße 12–16. Am heutigen Dienstag geht es um „Rosa oder Blau: Zur Geschlechtskonstruktion in der frühkindlichen Entwicklung“. Programm unter: www.fu-berlin.de/veranstaltungen/offenerhoersaal/

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