Biologie : Trauriger Tiger

Ein Blick ins Erbgut des Beutelwolfs gibt Aufschluss über die letzte Phase vor dem Aussterben.

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Ausgelöscht. 1936 starb der Beutelwolf aus, 1930 war das letzte Tier in freier Wildbahn erlegt worden.
Ausgelöscht. 1936 starb der Beutelwolf aus, 1930 war das letzte Tier in freier Wildbahn erlegt worden.Foto: Tasmanian Museum and Art Gallery

Abgesehen von den dunklen Streifen auf seinem Rücken unterscheidet sich ein Tasmanischer Tiger kaum von einem Wolf. Dabei liegen 160 Millionen Jahre Entwicklung zwischen beiden Arten. Der letzte gemeinsame Vorfahre sollte also vor der Kreidezeit gelebt haben, als die Dinosaurier gerade auf dem Weg zur beherrschenden Tiergruppe auf der Erde waren. Mit gutem Grund sind sich Wissenschaftler wie Brandon Menzies vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin über die so lange getrennte Geschichte der so ähnlichen Arten sicher: Der Tasmanische Tiger Thylacinus cynocephalus ist ein Beuteltier, dessen Nachwuchs sich sehr lange außerhalb des Körperinneren in einem Beutel am Bauch der Mutter entwickelt. Weil diese auch Beutelwolf genannte Art im letzten Jahrhundert ausgestorben ist, kam der Forscher nach Deutschland, um das Schicksal des Tasmanischen Tigers zu untersuchen. Denn in den Museen der Welt liegen noch die Überreste von 736 Beutelwölfen, zwölf allein im Berliner Museum für Naturkunde.

Aus den Haaren, Knochen und anderen erhaltenen Körperteilen isolierte der Australier jenen kleinen Teil der Erbsubstanz DNS, der in den Minikraftwerken der Zelle steckt. Anschließend analysierte er das Erbgut. Das im Journal „Plos“ veröffentlichte Ergebnis bestätigt einen Verdacht des Forschers: „Zwischen den DNS-Sequenzen der zwölf untersuchten Individuen aus verschiedenen Museen gibt es kaum einen Unterschied.“ Zum Beispiel finden sich in einem bestimmten Abschnitt des Erbguts von Hunden im Durchschnitt fünf Unterschiede zwischen zwei Tieren, beim Beutelwolf entdeckt Menzies dagegen nur einen.

Solche frappierenden Ähnlichkeiten im Erbgut zeigen sich, wenn nur relativ wenige Tiere einer Art überleben oder vom Rest ihrer Artgenossen isoliert werden. Genau das war dem Tasmanischen Tiger passiert. Entwickelt hatte sich diese Art vor rund sieben Millionen Jahren, als ein Klimaumschwung das vorher von Regenwäldern bedeckte feuchtwarme Australien trockener werden ließ. Eine offene Graslandschaft entstand. In solchen Savannen finden in Afrika Hyänen ihre Beute. In Australien entwickelte sich ein Beuteltier zum Tasmanischen Tiger, der Wölfen und Hyänen im Körperbau stark ähnelte.

In den Savannen des fünften Kontinents hatte sich der Beutelwolf gut eingerichtet. Selbst als Menschen sich in Australien ausbreiteten und vor gut 40 000 Jahren alle großen Arten ausrotteten, überstand der Tasmanische Tiger das weitgehend unbeschadet und wurde so zum größten Raubtier des Kontinents. Erst als vor rund 6000 Jahren Hunde in Australien auftauchten, die vermutlich auf den Booten der Menschen angekommen waren, wurde es für den Beutelwolf eng. Denn viele der vierbeinigen Neuankömmlinge verwilderten und entwickelten sich zum Wildhund, dem Dingo. Der hatte nicht nur einen ähnlichen Körperbau, sondern jagte ähnliche Tiere wie kleinere Kängurus. Mehr und mehr gerieten die Einheimischen ins Hintertreffen, vor rund 2000 Jahren war der Tasmanische Tiger weitgehend verschwunden.

Nur auf die Insel Tasmanien weit vor der Südküste Australiens haben es die Dingos bis heute nicht geschafft. Dort überlebten auf einer Fläche von der Größe Bayerns vielleicht 2000 bis 2500 Beutelwölfe. „So wenige Tiere erklären die starke Ähnlichkeit im Erbgut“, berichtet Brandon Menzies.

Als 1824 mit den Europäern dann die ersten Schafe Tasmanien erreichten, ging es den Beutelwölfen bald an den Kragen. Obwohl die meisten Schafe wildernden Haushunden zum Opfer fielen, hielten die Farmer eher den Tasmanischen Tiger für den Übeltäter.

Als die Regierung 1888 eine hohe Prämie für jeden getöteten Beutelwolf zahlte, erlegten Jäger bis 1905 jedes Jahr rund hundert Tiere. Obendrein hatten die Haustiere wohl auch noch die Hundestaupe eingeschleppt. Solche Viren raffen von einer Art oft viele Tiere hin, wenn sich deren Erbgut wie beim Tasmanischen Tiger stark ähnelt. 1930 wurde der letzte Beutelwolf in der Natur geschossen, am 7. September 1936 starb der letzte im Zoo von Hobart auf Tasmanien. Exakt 59 Tage vorher hatte die Regierung die Art unter Schutz gestellt.

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