Biosprit : Gut gemeint, böse geendet

Bioethiker kritisieren die europäische Politik zu Biotreibstoffen und fordern einen Neuanfang. Statt den massenhaften Anbau von Mais und Raps zu fördern, sollte die EU auf die Erforschung alternativer Herstellungsmethoden von Öko-Sprit setzen.

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Soll in den Tank, kommt in den Tank. Bis zum Jahr 2020 müssen die Länder in der EU den Bio-Anteil in Benzin und Diesel auf zehn Prozent gesteigert haben. In Deutschland hat die Einführung von E-10-Benzin zu Protesten und Ablehnung geführt.
Soll in den Tank, kommt in den Tank. Bis zum Jahr 2020 müssen die Länder in der EU den Bio-Anteil in Benzin und Diesel auf zehn...Foto: picture alliance / dpa

Auf den ersten Blick erscheinen Biotreibstoffe wie die Lösung fast aller Energieprobleme. Schließlich sind Pflanzen wie Mais und Raps eine nachwachsende und daher praktisch unerschöpfliche Quelle für Ethanol oder Öl. Noch dazu führen sie zu weniger Treibhausgas-Emissionen als fossile Treibstoffe und ihr Anbau sichert die Existenz vieler Landwirte. So wundert es nicht, dass die EU den Anbau von Energiepflanzen erheblich fördert. Die Produktion von Biodiesel in der EU ist zwischen 1998 und 2009 um mehr als das Zehnfache gestiegen, 2020 muss jeder zehnte Liter Benzin oder Diesel aus Energiepflanzen stammen.

Aber viele Fachleute sind skeptisch. Jetzt haben britische Bioethiker ihr Veto eingelegt. Die Fachleute des Nuffield Council on Bioethics fordern die EU in einer nun veröffentlichten Studie auf, ihre Politik grundlegend zu überdenken und die rasche Erhöhung des Biosprit-Anteils im Benzin kritisch zu prüfen. „Biotreibstoffe gehören zu den wenigen erneuerbaren Alternativen, die wir für Benzin und Diesel haben, doch die gegenwärtige Politik und ihre Maßnahmen sind ziemlich nach hinten losgegangen“, sagt Joyce Tait von der Universität Edinburgh, Hauptautorin der Studie. „Die rasche Ausweitung der Biotreibstoff-Produktion in den Entwicklungsländern hat dort zu Problemen wie Entwaldung und zur Vertreibung von Eingeborenen geführt. Wir wünschen uns eine besser durchdachte Strategie, die die Konsequenzen der Biotreibstoff-Produktion umfassend berücksichtigt.“

Der Anbau von Energiepflanzen wirft neben ökologischen Problemen wie Flächen- und Wasserverbrauch sowie Düngen und Giftsprühen noch weitere Probleme auf, berichten die Experten des Nuffield-Council. Was im Tank landet, kommt nicht mehr auf den Teller. Knappere Nahrungsmittel sind teurere Nahrungsmittel.

Auch wenn über das Ausmaß der direkten und indirekten Folgeschäden des Anbaus noch gestritten wird, der Blick auf das „Benzin vom Acker“ hat sich geändert. „Die Technik, die einst als Rundum-Lösung für viele Probleme galt, wird nun wegen vieler schädlicher Folgen angeklagt, angefangen mit der Fast-Ausrottung des Orang-Utans bis hin zum Problem, dass sie Arme noch weiter verarmen lässt“, schreiben die Gutachter.

Dennoch verdammen die Experten Biotreibstoffe nicht in Bausch und Bogen. Von radikalen Kritikern unterscheidet sie unter anderem, dass sie auf den technischen Fortschritt, auf moderne Pflanzenzüchtung und Biotechnik setzen. Anders als die Energiepflanzen der ersten Generation (Mais, Zuckerrohr, Weizen, Raps) bieten die der zweiten (Elefantengras, Chinaschilf) etliche Vorteile. Sie werden als Ganzes genutzt, konkurrieren eher nicht mit Pflanzen für die Ernährung, liefern mehr Energie und verbrauchen weniger Land, Wasser und Dünger, beeinträchtigen die Umwelt nicht und sind wirtschaftlicher.

Ein vielversprechender Ansatz besteht darin, die in unglaublicher Masse vorhandenen Pflanzenbestandteile Lignin und Zellulose als Energiequelle zu nutzen. Bislang ist es nur unter großem Aufwand möglich, diese Gerüstbausteine der Pflanzenzelle in Treibstoff zu verwandeln. Noch experimenteller ist die Idee, Algen als Energiequelle zu nutzen. Sie könnten Abwasser als Nährstoffquelle nutzen und wären ertragreicher als Landpflanzen.

Der Nuffield-Council schlägt vor, alle nach Europa eingeführten oder hier produzierten Biotreibstoffe einem ethischen Regelwerk zu unterwerfen und entsprechend zu zertifizieren, ähnlich dem „Fair Trade“-Schema für Kaffee. „Das würde einen Markt für nachhaltige und ,menschenrechtsfreundliche’ Biotreibstoffe schaffen“, sagt die Studienautorin Tait. Die Bioethiker stellen fünf Bedingungen: Die Entwicklung von Biotreibstoffen sollte nicht auf Kosten der Menschenrechte geschehen; Biotreibstoffe sollten nachhaltig sein; Biotreibstoffe sollten helfen, Treibhausgase zu verringern; Biotreibstoffe sollten sich an „Fair Trade“- Grundsätzen orientieren; Kosten und Nutzen von Biobenzin sollten gleichmäßig verteilt werden und nicht etwa Nahrungsmangel in armen Ländern erzeugen und in reichen die Verfügbarkeit von Energie und die Klimabilanz verbessern.

„Wir erkennen an, dass es schwierig ist, ethische Prinzipien in der Realität anzuwenden, aber die Politik zu Biotreibstoffen hat versagt“, sagt Tait. „Wir können für Europa einen Standard setzen und die Welt ermutigen, dem Beispiel zu folgen. Dies ist ein globales Problem, das eine globale Lösung benötigt.“

Die Studie im Internet unter:

www.nuffieldbioethics.org

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