Blut als Jungbrunnen : Vampirkur gegen das Altern

Der Versuch klingt absurd und ist doch Realität: Es gibt Hinweise darauf, dass junges Blut alte Zellen in Schwung bringen könnte. Doch für kommerzielle Angebote ist es viel zu früh. Ein Kommentar.

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Wirkt junges Blut wie ein Jungbrunnen? Und wie geht das genau? Auf diese Fragen haben Forscher noch keine Antworten
Wirkt junges Blut wie ein Jungbrunnen? Und wie geht das genau? Auf diese Fragen haben Forscher noch keine AntwortenFoto: Sven Hoppe, picture alliance / dpa

Peter Thiel will nicht sterben. Nicht heute, nicht morgen und möglichst auch nicht in 70 Jahren. Der Pay-Pal-Mitgründer hält den Tod für überflüssig. Allein 3,5 Millionen Dollar hat er der Methusalem-Stiftung von Aubrey de Grey gespendet. Dieser schillernde Forscher will das Älterwerden wie eine Krankheit heilen. Falls das nicht rechtzeitig klappt, soll eine Firma in Arizona den Leichnam des Silicon-Valley-Milliardärs Thiel einfrieren und irgendwann wieder zum Leben erwecken. Derweil erwägt er angeblich, seinem Körper eine besondere Anti-Aging-Kur zu gönnen: das Blut eines jungen Menschen.

Das klingt nach einem schlechten Vampirfilm, ist aber Realität. Wer über 35 Jahre alt ist und mal eben 8000 Dollar ausgeben möchte, kann sich bei dem Start-up-Unternehmen „Ambrosia“ im kalifornischen Monterey melden, ist auf der Webseite clinicaltrials.gov zu lesen. Dort bekommt man eine Infusion mit dem Blutplasma eines 16- bis 25-jährigen Spenders. Zuvor und einen Monat danach überprüfen die Wissenschaftler anhand von etwa 100 Messwerten (Biomarkern), ob das irgendeinen Effekt hat.

Placebogruppe? Brauchen wir nicht!

Der 31-jährige Stanford-Absolvent und „Ambrosia“-Gründer Jesse Karmazin gibt sich optimistisch. Die Hinweise auf eine gesundheitsfördernde Wirkung seien „überwältigend“, sagte er dem Fachblatt „Science“. 600 Probanden will er bis 2018 für die Studie ködern. Die Rekrutierung läuft bereits. Eine Vergleichsgruppe, der ein Placebo gespritzt wird, hält Karmazin nicht für nötig.

Die Idee ist nicht neu. Bereits 1864 hat ein französischer Physiologe die Körper zweier Ratten so zusammengeflickt, dass sie einen gemeinsamen Blutkreislauf bildeten. „Parabiose“ nennt sich das in der Fachsprache. 90 Jahre später nähte Clive McCay von der Cornell-Universität Jung und Alt zu Rattenpaaren zusammen, um Auswirkungen auf Alterungsprozesse zu prüfen. Tatsächlich verbesserte sich nach neun bis 18 Monaten die Knochendichte des älteren Tieres. 1972 gab es dann Experimente, in denen die alte Ratte rund fünf Monate länger lebte.

Wunder-Eiweiß oder Schadensverursacher?

Der Hype entstand jedoch erst, als eine Gruppe um die Stammzellforscherin Amy Wagers von der Universität Harvard ihre Ergebnisse publizierte. Das junge Blut bringe nach fünf Wochen alte Muskeln und Leberzellen in Schwung, verkündete sie. Und Tony Wyss-Coray von der Universität Stanford zeigte, dass sich im Hirn der älteren Maus mehr Nervenzellen bilden. Mit ähnlichen Infusionen könne man eventuell den geistigen Verfall von Alzheimer-Patienten aufhalten.

Sie alle wollen wissen, was genau Blut zum Jungbrunnen machen kann. Aber alle stochern bis heute im Nebel. Wagers vermutet, den alten Tieren habe vor der Behandlung ein Eiweiß gefehlt: GDF 11. Dem widersprechen Forscher der Firma Novartis. Genau das Gegenteil sei der Fall. Je mehr von dem Wunder-Eiweiß im Blut zu finden war, desto schlimmer waren in ihren Experimenten die Schäden durch Alterungsprozesse. Es hindere die Muskeln daran, sich selbst zu reparieren. Soll man also mehr GDF 11 geben oder es blockieren? Und wie oft? Ohne den Mechanismus zu verstehen, kann man weder Wirkungen noch Nebenwirkungen einschätzen.

Ein Alarmsignal nach dem anderen

Die Unsicherheiten sind groß, genau wie die Hoffnungen. Das schafft eine Situation, die Stammzellforscher aus leidvoller Erfahrung kennen: Aus vagen Versprechen werden schnell kommerzielle Angebote, die ein ganzes Feld in Verruf bringen können. Auf die unseriösen Stammzellkliniken, die ins Kraut schossen, könnten nun Anbieter von jungem Blut folgen. Entsprechend skeptisch reagieren Experten auf Ambrosia.

Sie sehen ein Alarmsignal nach dem anderen. Ohne Placebogruppe könne man aus dieser Studie gar nichts lernen. Nach nur einem Monat die Messwerte zu kontrollieren, sei viel zu früh. Die Gruppe der Studienteilnehmer sei vermutlich zu vielfältig. Und woher wisse man bei Ambrosia eigentlich, dass die Kurz-Therapie mit Plasma ausreicht?

Patienten glauben womöglich an die teure Behandlung

Besonders fragwürdig finden sie, dass die Probanden bezahlen sollen. Peter Thiel tut das nicht weh; er gibt für verrücktere Ideen deutlich mehr Geld aus. Doch Patienten und ihre Familien glauben womöglich an die teure Behandlung, sehen darin einen Strohhalm, an den sie sich klammern können. Dann stellt sich eine ganz andere Frage. Wer ist hier eigentlich der Vampir?

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