Bolognaprozess : Die Europäische Identität ist eine Bildungsaufgabe

Die Universitäten könnten ein Motor für den europäische Einigungsprozess werden. Es Bedarf mehr als nur die Bürokratie in Brüssel.

Christoph Markschies

Kaum jemand wird behaupten, dass im Mittelalter alles besser war als heute. Wer allerdings nur ein wenig von jener Epoche weiß, wird auch nicht meinen, damals sei alles schlimmer gewesen. So lohnt sich für alle, die nicht ruhig hinnehmen wollen, wie schwer es der europäische Gedanke hat, ein schlichter Blick auf die Anfänge der Universität in Europa.

Mittelalterliche Universitäten wie Salamanca, Bologna, Oxford, Paris, Krakau oder Heidelberg waren in einem Umfang europäisch, von dem ihre spätneuzeitlichen Nachfolgerinnen in Deutschland nur träumen können: 40 Prozent der Studenten stammten aus dem europäischen Ausland. Allerdings studierte nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung, Frauen waren nicht zugelassen und die sozialen Schichtungen der Gesellschaft in der Universität nicht aufgehoben.

Wenn man aber lediglich auf den Grad der Europäisierung der mittelalterlichen Universität und auf den Umfang der Mobilität ihrer Studenten schaut, ist die Diagnose klar: Auch nach der ersten Phase einer Reform, die nach einer mittelalterlichen Universitätsstadt benannt wird und eigentlich die Mobilität der Studierenden und Internationalität der Universität befördern sollte, sind die mittelalterlichen Standards noch nicht wieder erreicht.

Dabei könnten die Universitäten auf diese Weise ein Motor für die Einigung Europas werden: Denn dort sollte nicht nur darüber geforscht werden, was die Identität Europas in Vergangenheit wie Gegenwart ausmacht, sondern eine solche gemeinsame Identität von jungen Menschen aus allen Teilen dieses Kontinents entwickelt werden. Jacques Delors hat für diese Aufgabe, die Wertsache Europa weiterzuentwickeln, in vielen Gesprächen Anfang der 90er Jahre die Metapher „Europa eine Seele geben“ verwendet. Das Bild ist radikal: Ein Geschöpf aus Bürokratenlehm, ein Homunkulus aus dem Labor, braucht noch eine Seele, um zu einem lebendigen Wesen zu werden. Aber ein solches Werk der Beseelung ist die klassische Bildungsaufgabe. Wer Europa ganz selbstverständlich für eine Wertsache hält, weiß das allerdings meist auch.


Der Autor ist Präsident der Humboldt-Universität. Als Kirchenhistoriker schreibt er über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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