Braindrain in Griechenland : Geschrumpfte Universitäten

Strom- und Telefonrechnungen bleiben meist lange unbezahlt liegen, Büromaterial wird knapp, Studenten drohen im kommenden Winter zu frieren. Griechenland hat kein Geld und will die Zahl der Hochschulen halbieren. Die besten Studenten und Professoren wandern indessen ins Ausland ab.

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„Löscht unsere Schulden, nicht unsere Hochschulen.“ Studierende demonstrieren vor der Universität Athen gegen die Kürzungspläne der Regierung. Allein in diesem Jahr werden die Zuschüsse für die Hochschulen um ein Viertel gesenkt. Viele Unis können Strom und Telefon nicht mehr bezahlen, Büromaterial wird knapp.
„Löscht unsere Schulden, nicht unsere Hochschulen.“ Studierende demonstrieren vor der Universität Athen gegen die Kürzungspläne...Foto: AFP

Charis Manettas packt die Koffer. Der 19-Jährige hat das Lyzeum hinter sich, jetzt will er studieren, Architektur. Aber nicht in Griechenland. „Hier sehe ich für mich keine Zukunft“, sagt Charis. Er hat einen Studienplatz in Mailand bekommen.

Charis ist einer von tausenden jungen Griechen, die jetzt ihrem Land den Rücken kehren, um im Ausland zu studieren. Angesichts einer Rekord-Jugendarbeitslosigkeit von 64,2 Prozent in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen, wandern viele junge Griechen aus – nicht nur in der Hoffnung auf bessere Studienbedingungen, sondern auch, weil sie im eigenen Land nach dem Examen nur sehr schlechte Aussichten auf einen Job haben.

In den vergangenen fünf Krisenjahren sind deshalb nicht nur viele Schulabgänger, sondern auch rund 150 000 griechische Hochschulabsolventen ins Ausland gegangen, schätzt Lois Lambrianidis, Professor für Wirtschaftsgeografie an der Universität von Makedonien in Thessaloniki. Die beliebtesten Ziele sind Großbritannien, Deutschland, Frankreich und die USA. Sechs von zehn der Auswanderer hatten sich nicht einmal um eine Stelle in Griechenland bemüht. „Als persönliche Entscheidung ist das Auswandern vielleicht die beste Lösung“, sagt Lambrianidis, „aber für das Land wird dieser Trend zum Problem.“

Denn anders als den 1960er Jahren, als es vor allem ungelernte Arbeiter aus den armen Dörfern Nordgriechenlands waren, die zu Hunderttausenden auswanderten, verliert Griechenland jetzt seine besten Talente – und zwar auf Dauer. Untersuchungen zeigen: Die meisten Akademiker, die auswandern, kehren nicht zurück.

Dieser Braindrain trifft auch die Universitäten: Professoren wandern aus oder lassen sich beurlauben, um auf Zeit an Hochschulen im Ausland zu unterrichten. Private Universitäten aus Nachbarländern wie Albanien und Bulgarien werben inzwischen aktiv um griechische Professoren und Dozenten.

Im Zuge der Sparmaßnahmen der Regierung, die vor allem den öffentlichen Dienst treffen, haben die griechischen Hochschullehrer in den vergangenen drei Jahren 30 bis 40 Prozent ihrer Einkommen verloren. Ein Universitätsprofessor mit 25 Dienstjahren bekommt jetzt nur noch 2525 Euro im Monat, ein Dozent muss sich mit 1677 Euro zufriedengeben. Alternativen zum Staatsdienst gibt es nicht. Die griechische Verfassung verbietet private Universitäten.

Während das Gehalt sinkt, wird die Arbeit mehr. Der Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst gilt auch für die Universitäten, nur jede fünfte frei werdende Stelle wird neu besetzt. Jetzt plant das Erziehungsministerium, die Sollstunden, die Hochschullehrer in Vorlesungen und Seminaren zu absolvieren haben, um bis zu 50 Prozent zu erhöhen, um die Personaleinbußen auszugleichen.

Es fehlt aber nicht nur an Lehrkräften und Verwaltungspersonal. Viele Universitäten hatten im vergangenen Winter bereits Schwierigkeiten, das Heizöl zu bezahlen. Strom- und Telefonrechnungen bleiben meist lange unbezahlt liegen, Büromaterial wird knapp. Zwischen 2008 und 2012 hat Griechenland wegen des Sparzwangs die Aufwendungen für die Universitäten um 25 Prozent reduziert, rechnet die European University Association (EUA) in Brüssel vor.

In diesem Jahr sollen die staatlichen Zuschüsse noch einmal um ein Viertel sinken. „Das sind die schwersten Einschnitte, die es je in Europa in ein Hochschulsystem gegeben hat“, kritisiert die EUA. Laut der EUA-Zahlen wird Griechenland in diesem Jahr nur noch rund 150 Millionen Euro für seine Hochschulen ausgeben.

Aber schon vor dem Sparprogramm befanden sich Griechenlands Universitäten in einer chronischen Krise. Abzulesen ist das unter anderem an der Zahl der Studienabbrecher. Weniger als jeder zweite griechische Student beendet sein Studium mit einem Examen. Die konservativ geführte Regierungskoalition ist dabei, den Hochschulsektor von Grund auf zu reformieren. Der Plan, benannt nach der Göttin Athena, die Griechenlands Hauptstadt ihren Namen gab, sieht tiefe Einschnitte vor: Die Zahl der Hochschuleinrichtungen soll drastisch verringert werden.

Bisher hatte Griechenland 40 Universitäten. Rechnet man alle Hochschulen, Kollegs und Universitätsableger zusammen, kommt man sogar auf 200 Standorte im ganzen Land. An manchen gibt es nur ein paar Dutzend Studentinnen und Studenten. Die Hochschul-Inflation ist ein Ergebnis der Politik der sozialistischen Regierungen in den 1980er Jahren, die aus parteipolitischem Kalkül die Provinz mit einem Netz von universitären Einrichtungen überzog. Das sollte die örtliche Wirtschaft stärken, den Kommunen Prestige einbringen – und der sozialistischen Regierungspartei Wählerstimmen.

„Wir brauchen für elf Millionen Einwohner keine 40 Universitäten, wenn andere Länder, wie Israel, mit sieben oder acht auskommen“, sagt nun Erziehungsminister Konstantinos Arvanitopoulos. Er will die Hochschulstandorte von 200 auf etwas über 100 reduzieren. Vor allem viele kleine technische Einrichtungen sollen geschlossen werden.

Der Plan hat allerdings nach Meinung vieler Fachleute noch Mängel, obwohl das Ministerium bereits mehrfach nachbesserte. Ein Effekt ist jetzt schon spürbar: Nachdem sich im vergangenen Jahr etwa 110 000 junge Leute um knapp 76 100 freie Studienplätze bewarben, stehen in diesem Sommer wegen der Kürzungen und Schließungen nur noch 69 300 neue Studienplätze zur Verfügung. Das wird noch mehr Abiturienten zwingen, sich im Ausland umzusehen – und den Braindrain verstärken.

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