''Braindrain'' : Mit Kopfgeld an die Spitze

Viele Länder locken Forscher mit teuren Programmen und hohen Gehältern. Erst jetzt wacht Deutschland langsam auf.

Hanns-J. Neubert
Forschung
Eine Geldfrage. Im Ausland verdienen gefragte Wissenschaftler weit mehr als in Deutschland. -Foto: vario images

Der schwedische Professor Bertil Andersson schmiss nach nur drei Jahren im vergangenen März seinen Job als Hauptgeschäftsführer der Europäischen Forschungsstiftung (ESF) in Strasbourg und flog nach Singapur. Sein Arbeitsvertrag wäre eigentlich erst Ende 2008 abgelaufen. Er ist ein Beispiel dafür, dass selbst Spitzenorganisationen der europäischen Forschungsförderung nicht vor der Auswanderung ihrer besten Köpfe gefeit sind, dem „Braindrain“. „Es ist nur, weil Singapur eine attraktive Kraft ist – im molekularbiologischen Sinne –, die mich zieht. Es ist definitiv nicht so, dass Strasbourg oder Europa abstoßende Kräfte sind“, meinte er zum Abschied.

Andersson ist Biochemiker, war Vorsitzender der Schwedischen Biochemischen Gesellschaft und des Nobel-Komitees für Chemie und Präsident der schwedischen Universität Linköping. Jetzt ist er Kanzler der Technischen Hochschule Nanyang (NTU), einer der größten Universitäten Singapurs mit 28 000 Studenten und 2500 technischen und wissenschaftlichen Mitarbeitern.

Als wäre dies ein Weckruf, schrieb die Schwedische Stiftung für Strategische Forschung drei Monate später ihr Programm „Strategische Internationale Anwerbung“ aus. Die Schweden bieten ihren Gastforschern eine Honorierung in der Höhe ihres letzten Einkommens. Das kann eine ganze Menge sein, wenn der Angeworbene aus den USA oder aus Singapur kommt. Obendrein brauchen die Gastforscher sogar nur einen Teil ihrer Zeit im Lande selbst zu verbringen.

Inzwischen ist die Botschaft, dass man mit exzellenten Forschungsmöglichkeiten und -themen allein keine Top-Wissenschaftler mehr bekommt, auch in Deutschland angekommen. Bis zu fünf Millionen Euro können Universitäten neuerdings für international renommierte Spitzenforscher beantragen, die fünf Jahre in Deutschland forschen wollen. Einen Teil können sich die Gäste als Gehalt genehmigen, für den Rest Personal beschäftigen oder Geräte kaufen. Erstmals im Herbst 2008 wird die Alexander-von-Humboldt-Stiftung über die Vergabe dieses „Research in Germany“-Preises entscheiden, den das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft stiftet und in dessen Genuss jährlich bis zu zehn Forscher kommen können.

Andere Länder waren da schneller. Das kleine Finnland ging noch höher ran. Im Rahmen seines „Finnischen Programms für herausragende Professoren“ (FiDiPro) lockte es mit einem Budget von 17,5 Millionen Euro 24 Spitzenforscher für zwei bis fünf Jahre in den hohen Norden. Marjatta Hietala, die Projektkoordinatorin, sagt, dass es unmöglich sei, Top-Forscher nach Finnland zu bekommen bei Gehältern von 4000 Euro. „Ich war gerade in Irland, wo den Forschern atemberaubende Gehälter gezahlt werden.“

Irland führte bereits 2002 ein Programm zur Förderung von Forschern ein, um sie auf der Insel zu halten oder talentierte Wissenschaftler anzulocken. Je nach Meriten und Erfahrung bekommt jeder 50 000 bis 250 000 Euro pro Jahr. Das Land legte bei Wissenschaft und Technik quasi aus dem Nichts in den frühen 90er Jahren einen Schnellstart hin, der in der Gründung der Wissenschaftsstiftung Irland (SFI) im Jahre 2000 gipfelte. Seitdem hat sich die Forschungsförderung verdoppelt, aber jetzt fehlen die Hochqualifizierten.

Der Ausdruck „Braindrain“ geht auf einen Bericht der Königlichen Gesellschaft London zurück. Sie beschrieb damit die Auswanderung von Wissenschaftlern und Technikern in die USA und nach Kanada in den 50er Jahren. Es vergingen aber noch 40 Jahre, bevor die britische Regierung und die Wolfson-Stiftung begannen, mit einem Prämienprogramm gezielt Englands führende Auslandsforscher zurückzuholen und die Migration junger Forscher aus dem Land zu stoppen. Das Gesamtbudget lag bei 20 Millionen Pfund (33 Millionen Euro in 2000).

Abgesehen davon, dass Großbritannien natürlich vom internationalen Ruf seiner berühmten Universitäten profitiert und mit dem British Council über eine sehr wirksame Werbeagentur verfügt, gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Stiftungen, die viel Geld für die Akquise von Forschern bereitstellen, so beispielsweise den Welcome Trust, die zweitgrößte Stiftung der Welt nach der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung.

Das durchschnittliche Nettojahreseinkommen für Professoren liegt in Europa zwischen umgerechnet 9800 Euro in Bulgarien und 46 500 in der Schweiz, wie eine Studie der EU-Kommission vom Mai zeigt. Die unvorstellbar reichen amerikanische Universitäten – Harvard verfügt über 22 Milliarden US-Dollar, Yale über 12 Milliarden, Stanford über 10 Milliarden – zahlen oft sechsstellige Gehälter. Da wird es für die Europäer schwer, mitzuhalten. Nur die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich kann reguläre Jahresgehälter von bis zu 160 000 Euro für ihre Professoren zahlen.

In Singapur, einem Magnet für die Lebenswissenschaften, wird über Geld nicht geredet. Aber weil die Vier-Millionen-Stadt wie ein Unternehmen geführt wird, sind die Entlohnungen wohl entsprechend generös. „Wir glauben richtigerweise, dass starke Wissenschaftler von einem System angezogen werden, das Förderungen bereithält und nur wenige Grenzen zieht, um Forschungsprogramme zu entwickeln“, sagte Haresh Shah, emeritierter Professor für Ingenieurwissenschaften der Stanford-Universität und Mitglied des Kuratoriums der Nanyang-Universität, als Andersson an seiner neuen Wirkungsstätte in Asien ankam.

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