Brasilien nach der WM 2014 : Die Bildungsproteste kommen wieder

Viele Schulen gelten als schlecht, an den Unis kann fast nur die Oberschicht studieren: Es wird erwartet, dass unterbezahlte Lehrer, frustrierte Studierende, Schüler und ihre Eltern bald wieder auf die Straße gehen.

Claudia Richter
„SOS Bildung“. Kurz vor der WM demonstrierten Lehrerinnen und Lehrer für höhere Gehälter. Der Konflikt schwelt weiter: Bisher hat die Regierung die Forderung nach zwanzig Prozent mehr Lohn nicht erfüllt.
„SOS Bildung“. Kurz vor der WM demonstrierten Lehrerinnen und Lehrer für höhere Gehälter. Der Konflikt schwelt weiter: Bisher hat...Foto: AFP

„Ein Lehrer ist mehr wert als Neymar“ – „Krankenhäuser und Schulen nach Fifa-Standard!“: Kurz vor dem Beginn der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien brandeten die Bildungsproteste in Rio de Janeiro noch einmal auf. Und dann war Ruhe – jedenfalls im Vergleich zu den Massenprotesten, die Brasilien seit dem Sommer 2013 bewegt hatten. Millionen waren landesweit auf die Straße gegangen und immer ging es dabei auch um das marode Bildungswesen und um zu niedrige Lehrergehälter. Diesen Zuständen schienen die enormen Investitionen in Fußballstadien und Infrastruktur – fast neun Milliarden Euro, von denen 84 Prozent aus öffentlichen Mitteln bezahlt wurden – Hohn zu sprechen.

Während der WM blieb es vergleichsweise ruhig - aber die Unzufriedenheit wächst

Während der WM blieb es dann aber auch deswegen vergleichsweise ruhig, weil die fußballbegeisterten Brasilianer, unter ihnen die Anführer der Proteste, erst einmal die Nationalelf unterstützen wollten. Auch die Weltöffentlichkeit sah lieber jubelnde Fans anstatt Protestplakate. Es gilt gleichwohl als ausgemacht, dass unterbezahlte Lehrer, frustrierte Studierende, Schüler und ihre Eltern jetzt, nach dem Ende der WM, bald wieder auf die Straße gehen: Nicht zuletzt, weil im Oktober Wahlen anstehen. Denn trotz des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Aufstiegs im letzten Jahrzehnt wachsen Unzufriedenheit und wirtschaftliche Ungewissheit in der brasilianischen Gesellschaft.

Vor allem die Angehörigen der traditionellen Mittelschicht beklagen die Unzulänglichkeiten der staatlichen Leistungen. Sie haben in den vergangenen Jahren weniger von dem Wirtschaftswachstum des Landes profitieren können als vergleichsweise die „neue“ brasilianische Mittelschicht aus Arbeitern und Angestellten, die sich aufgrund der gestiegenen Binnennachfrage, der verschiedenen Sozialprogramme, etwa das Familiensozialhilfeprogramm „bolsa família“, und wegen des Wegfalls der Hyperinflation herausgebildet hat. Deren Einkommen wachsen mittlerweile stärker als die der Oberschicht. Und diese neue untere Mittelschicht macht heute mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Landes aus.

Präsidentin Dilma Rousseff will Einnahmen aus der Ölförderung in die Bildung stecken

Um die aufgebrachten Gemüter zu beschwichtigen, hat die Regierung bereits kurz nach dem Höhepunkt der Proteste Zugeständnisse gemacht. Bildungs- und Gesundheitsausgaben sollen steigen, Korruption an Schulen und Unis bekämpft werden. Im August 2013 etwa ging ein zuvor liegen gebliebener Gesetzentwurf der Präsidentin Dilma Rousseff durch, nach dem die Einnahmen des Fiskus aus der Ölförderung künftig zu 75 Prozent in das Bildungswesen fließen sollen. Unklar ist indes, wann mit der Förderung vor der Atlantikküste begonnen werden kann und wie schnell Gewinne überhaupt fließen.

Bildung war in Brasilien für lange Zeit eine sehr elitäre Angelegenheit, Volksbildung kein Thema. Vielmehr ging es um den Ausbau der höheren Bildung und der damit verbundenen Akademisierung der Kinder und Jugendlichen aus der Oberschicht, wobei das brasilianische Hochschulwesen noch sehr jung ist. Erste Universitäten entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Zusammenlegung einzelner Fakultäten, die nach der Flucht des portugiesischen Königshauses vor Napoleons Truppen und dessen Übersiedlung nach Brasilien (1808) eingerichtet wurden. Davor bevorzugte die portugiesische Krone ihre Funktionselite für das Kolonialgebiet im heutigen Brasilien (Juristen, Mediziner, Ingenieure) in Coimbra und Lissabon selbst auszubilden. Die Söhne der Kolonisatoren und der einheimischen Elite wurden in den von den Jesuiten geführten Kollegs (Colégios) auf den Priesterberuf oder auf eine Verwaltungstätigkeit vorbereitet.

Erst seit den 1930er Jahren existiert ein verstärktes Bewusstsein für bildungspolitische Fragen und Probleme. Brasilien war zu jener Zeit durch die erste Industrialisierungsphase gegangen. Die Regierung wie auch das Industriebürgertum erkannten, dass zunehmend Facharbeiter mit einem guten Bildungs- und Ausbildungsniveau benötigt wurden.

Die Analphabetenquote liegt bei zehn Prozent

Doch trotz der zahlreichen Reformen und der quantitativen Fortschritte in den darauffolgenden Jahrzehnten konnten die erheblichen Mängel im Bildungsbereich nicht behoben werden. Eine quasi-universelle Grundschulbildung scheint mittlerweile erreicht zu sein. Die Analphabetenrate liegt heute bei knapp zehn Prozent – vor 15 Jahren waren es schätzungsweise noch 18 Prozent. Allerdings bestimmen soziale Ungleichheit, mangelhafte Qualität, Bildungsarmut, eine defizitäre Infrastruktur, schlecht ausgebildete Lehrer und eine chronische Unterfinanzierung nach wie vor die Bildungslandschaft des Landes.

Zwischen den Jahren 2000 und 2010 stiegen zwar die öffentlichen Bildungsausgaben, gerechnet am Bruttoinlandsprodukt (BIP), von 3,5 Prozent auf 5,6 Prozent. Das ist so nahe am OECD-Durchschnitt von 6,3 Prozent wie nie zuvor. Aber in absoluten Zahlen reichen die öffentlichen Mittel nicht aus, um eine adäquate staatliche Bildungsversorgung zu gewährleisten. Als siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt gibt Brasilien fast nur ein Drittel des OECD-Schnitts pro Schüler oder Studierendem aus. Hinzu kommt ein hoher Grad an Missmanagement und eine ungleiche Mittelverteilung. Brasilien ist unter den OECD-Ländern das Land mit der höchsten sozialen Ungleichheit bei der Finanzierung von Bildung. Für Studierende wird fünfmal mehr ausgegeben als für Grundschüler.

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