Britische Unis und der Brexit : „Wir denken über Uni-Zweigstellen in Europa nach“

Britische Unis wollen nach Kontinentaleuropa ausweichen, sollte der Brexit kommen: Julia Goodfellow, Vorsitzende der britischen Hochschulrektoren, im Interview über Brexit-Folgen für die Wissenschaft.

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Im Widerstand. An den Unis wünschen sich viele, den Brexit aufhalten zu können (hier eine Pro-EU-Demo vor einigen Wochen).
Im Widerstand. An den Unis wünschen sich viele, den Brexit aufhalten zu können (hier eine Pro-EU-Demo vor einigen Wochen).Foto: picture alliance / AA

Großbritannien wird dank Brexit zu einem bösartigen Land, und die Unis werden das ausbaden – das konnte man kürzlich im „Guardian“ lesen. Teilen Sie als Vorsitzende der britischen Hochschulrektorenkonferenz diese düstere Einschätzung?

Na ja, die Universitäten sind sicher nicht der bösartige Teil des Landes. Wir sind sehr aufgeschlossen gegenüber unseren internationalen Mitarbeitern und Studierenden. Was das Ausbaden angeht: Noch ist nichts klar. Wir werden sehr wohl von der Regierung unterstützt. Ein erstes Ergebnis ist, dass auch die europäischen Studierenden, die in diesem Herbst und im kommenden Jahr bei uns ihr Studium begonnen haben, zu denselben Bedingungen studieren können wie bisher.

Es war unklar, ob für diese nicht die Studiengebühren angehoben werden, sobald der Brexit vollzogen ist. Noch zahlen sie dieselben Beiträge wie britische Studierende.

Klar ist für diese Kohorten von europäischen Studierenden: Gebühren werden für die gesamte Dauer ihres Studiums nicht erhöht, sie können weiter Stipendien bekommen. Darüber sind wir erst mal sehr erfreut. Natürlich bleibt abzuwarten, was danach kommt.

Sie sind Vice-Chancellor der University of Kent. Wie hat Ihre Uni auf das Brexit-Votum reagiert?

Sehr, sehr traurig. Wir haben sofort eine Kampagne gestartet: Wir sind europäisch. Flaggen mit dieser Aufschrift wehen auf dem gesamten Campus. Unseren internationalen Mitarbeitern bieten wir auch rechtliche Hilfen an. Manche überlegen jetzt, britische Staatsbürger zu werden, damit sie auf jeden Fall hierbleiben können. Ich kenne Kollegen, die seit über 30 Jahren hier leben. Sie sind mit Briten verheiratet, ihre Kinder sind britisch.

Die Grafschaft Kent im Südosten Englands ist eine Hochburg der EU-Gegner. Nigel Farage hat seinen Wahlkreis dort, 60 Prozent der Wähler in Kent haben für den Brexit votiert. Selbst in der Unistadt Canterbury gab es eine Mehrheit für den EU-Ausstieg. Wie ist die Stimmung in der Gegend, insbesondere gegenüber Ausländern?

Canterbury ist schon eine offene Stadt. Es kommen sehr viele Schülerinnen und Schüler aus Europa, oft für Sprachferien. An unserer Uni sind viele internationale Studierende eingeschrieben. Was das ländliche Kent angeht: Es gibt wirtschaftliche Probleme, nicht jeder hat Arbeit. Die Landwirtschaft ist groß, in dem Bereich will aber nicht jeder arbeiten. Man hört von Übergriffen gegen Ausländer. Das sind aber Einzelfälle, verbale Ausfälle.

Gab es Übergriffe gegen Studierende aus Ihrer Uni?

Nein, auf dem Campus ist nichts passiert. Wir waren anfangs besorgt, aber die Lage scheint sich beruhigt zu haben. Man muss sich auch vor Augen führen, dass die Briten nichts gegen internationale Studierende haben. Wir haben eine landesweite Umfrage durchführen lassen: Drei Viertel der Befragten sagten, sie seien sehr glücklich über internationale Studierende. Man sieht sie nicht als Problem.

Universitäten nehmen doch für sich in Anspruch, in die Gesellschaft wirken zu wollen. Wieso gelingt es ihnen nicht, für ihre pro-europäische Haltung zu werben?

Man muss da schon die demografischen Unterschiede sehen. Bekanntlich haben junge Menschen mit großer Mehrheit gegen den Brexit gestimmt. Meine Kinder, die Ende zwanzig sind, verstehen gar nicht, wo das Problem mit Europa sein soll. Aber ob wir ältere Leute erreichen, die zwanzig Meilen von Kent entfernt wohnen? Ich weiß es nicht. Wir versuchen es, wir haben zum Beispiel viele Veranstaltungen für Wissenschaftsinteressierte. Vielleicht müssen wir noch aktiver auf die Leute zugehen. Normalerweise lassen wir sie zu uns kommen.

Die Physikerin Julia Goodfellow (65) ist Präsidentin von Universities UK, der britischen Hochschulrektorenkonferenz. Als Vice-Chancellor leitet sie zudem die University of Kent.
Die Physikerin Julia Goodfellow (65) ist Präsidentin von Universities UK, der britischen Hochschulrektorenkonferenz. Als...Foto: Promo

An vielen Unis sollen die Bewerbungen von Studierenden aus der EU dramatisch zurückgegangen sein. Wie ist das in Kent?

Bei denen, die in diesem September gekommen sind, gab es nach unserem ersten Eindruck keinen Unterschied im Vergleich zum Vorjahr. Was jetzt bekannt wurde: Die Bewerbungszahlen für Oxford und Cambridge gingen um neun Prozent zurück. Das lag sicher auch daran, dass die Regierung zum Ende der dortigen Bewerbungsfrist eben noch nicht klargestellt hatte, dass es bei Gebühren und Stipendien für EU-Studierende keine Veränderungen geben wird.

Haben Sie Hoffnungen, dass das Erasmus-Austauschprogramm für die britischen Unis gerettet werden kann?

Ich kann nicht glauben, dass wir überhaupt keine Form von Austauschprogramm mehr haben werden. Wir werden einen Weg finden – wobei es ohne finanzielle Hilfen schwierig wird. Meine Uni bekommt eine Million Pfund pro Jahr aus dem Erasmus-Programm. Das kann man nicht so einfach ersetzen.

Die britische Hochschulrektorenkonferenz will beim Brexit die Politik zu ihren Gunsten beeinflussen. Haben Sie den Eindruck, dass sie wirklich gehört wird?

Wir werden sehr von Jo Johnson unterstützt, dem Staatssekretär für die Universitäten. Das ist immerhin der Bruder von Boris Johnson, unserem Außenminister. Er versteht uns, und er versteht, wie wichtig es ist, dass wir unsere starke Position weltweit halten. Wir sprechen auch mit David Davies, dem Brexit-Minister. Die Regierung ist derzeit im Zuhör-Modus. Die Unis stehen nicht alleine da. Die Unternehmen brauchen hoch qualifizierte Arbeitskräfte, das Gesundheitssystem gute Ärzte aus der ganzen Welt.

Manche Unis wollen als Reaktion auf den Brexit Zweigstellen in Europa eröffnen.

Wir haben schon welche. In Brüssel ein Studienzentrum für Sozialwissenschaften, für 200 Master-Studierende und Doktoranden. In Paris teilen wir uns einen Campus mit der New Yorker Columbia University. Und wir haben kleine Zweigstellen in Rom und Athen.

Die Idee dahinter soll sein, künftig auch ohne EU-Mitgliedschaft Anträge für EU-Forschungsmittel stellen zu können, weil die Zweigstellen nicht als britische Uni zählen. Ist das auch Ihr Ansinnen?

Das Studienzentrum in Brüssel haben wir schon seit zwanzig Jahren, das war bei der Gründung sicher nicht der Hintergedanke. Natürlich beschäftigen wir uns jetzt mit der Frage, was der Status dieser Zweigstellen nach dem Brexit sein könnte. Prinzipiell sind Außencampus bei britischen Unis verbreitet: in China, in Malaysia, in Singapur. Warum dann nicht verstärkt über Standorte in Europa nachdenken? Und vielleicht wird es auch einfacher, internationale Studierende dorthin zu bewegen als nach Großbritannien.

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