Buchtipps : Krabben, Knoten und Kometen

Tagesspiegel-Autoren empfehlen neue Wissenschaftsbücher – zum Verschenken und Selberlesen

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Weihnachtstreck. Eigentlich leben die roten Krabben auf der Weihnachtsinsel im Wald, aber jedes Jahr im November wandern sie zu Abertausenden an die Küste, um ihre befruchteten Eier ins Meer zu legen. Der Fotograf Ingo Arndt hat diese und andere Massenansammlungen von Tieren fotografiert. Die faszinierenden Bilder sind im Buch „Tierreich. Schwärme, Herden, Kolonien“ zusammengefasst, Knesebeck Verlag, München 2010, 176 Seiten, 39,95 Euro. Foto: Ingo Arndt
Weihnachtstreck. Eigentlich leben die roten Krabben auf der Weihnachtsinsel im Wald, aber jedes Jahr im November wandern sie zu...

IST JA ’N DING

Zahlreiche Dinge wechseln jetzt in Form von Geschenken den Besitzer, andere tauchen alle Jahre wieder als Festtagsrequisiten auf. Die Weihnachtszeit sei eine „dingintensive“ Zeit, sagt die Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich. Ihr Buch „Die Dinge. Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens“ kommt da gerade recht. Denn es verschafft beim genüsslichen Lesen Erkenntnisse darüber, wie Menschen von klein auf anhand von Alltagsgegenständen ihr Weltwissen erweitern, vom Set aus Topf und Kochlöffel, mit dem ein Kleinkind erste Konzerte veranstaltet, über Teeeier, Taschenlampen, Schlüsselbunde bis hin zu Stethoskop oder Stimmgabel. Ganz abgesehen von den Gefühlen und Erinnerungen, die sich an Ausstechförmchen und Christbaumschmuck knüpfen. Man lernt: Zur Bildung gehört auch Kenntnis und Geschick im Umgang mit vielfältigen Objekten und Geräten. Adelheid Müller-Lissner

ALS VORSPEISE

Jonathan Safran Foer ist nicht der Einzige, der seine Lebensgewohnheiten auf den Prüfstand stellt, als er zum ersten Mal Vater wird. Sein Buch „Tiere essen“ aber ist ziemlich einzigartig: aufwändig recherchiert und aus der Feder eines begnadeten Erzählers. Zugegeben: Ein Buch über die effiziente Unmenschlichkeit der industriellen Viehzucht und -schlachtung ist kein leichter Lesestoff, besonders, wenn der Festtagsbraten gerade schwer im Magen liegt. Verdaulich ist das Buch, weil sein Autor Genießer ist und kein Missionar. Er erinnert sich gern an Hühnchen mit Karotten, wie seine Großmutter sie zubereitete, auch wenn er selbst kein Fleisch mehr isst. Wer für sich zu einem anderen Schluss kommt, fällt in Foers Augen deshalb nicht gleich der ewigen Verdammnis anheim. Und kann sich wohlinformiert die Freiheit nehmen, Fisch und Fleisch in Zukunft bewusster zu konsumieren. Adelheid Müller-Lissner

WER NICHTS WEISS, MUSS GLAUBEN

Physiker sind nicht unbedingt für ihren feinen Humor bekannt. Wenn jemand ihren Ruf retten kann, dann die „Science Busters“, eine ungewöhnliche menage á trois aus einem dicken Experimentalphysiker, einem dicken Kabarettisten und einem alten Professor für theoretische Physik. Gemeinsam treten die „Chippendales der Physik“ auf deutschsprachigen Bühnen und jetzt mit ihrem Buch an, um zu beweisen, wie unterhaltsam und erhellend Wissenschaft sein kann. Nach dem Motto: Hexenverbrennungen und Exorzismus? Warum sollen eigentlich immer die anderen Spaß haben? Wer also wissen möchte, warum Beten als Mordwaffe geeignet ist, wie man im Paralleluniversum Urlaub macht oder wie viele Atome von Jesus in ihm stecken, dem sei der wilde Mix aus Witz und Wissenschaft wärmstens empfohlen. Kai Kupferschmidt

DIE TOLLSTE SCHAU

„Der Gotteswahn“ hat den Oxford-Biologen Richard Dawkins zum wohl bekanntesten Atheisten der Welt gemacht. Wer nun glaubt, Dawkins’ neues Buch „Die Schöpfungslüge“ sei eine Art „Gotteswahn 2.0“, der täuscht sich jedoch. „Die Schöpfungslüge“ ist eine umfassende und brillante, dazu hervorragend bebilderte Darstellung der Evolutionstheorie. Weshalb das Buch im Original viel zutreffender „The Greatest Show on Earth“ heißt. Zwar bekommen die gottesfürchtigen Kreationisten ihr Fett weg, denn die Evolution kommt ohne Schöpfer aus. Aber Dawkins hat kein Anti-Buch geschrieben, sondern ein großartiges Plädoyer, sich die tollste Schau auf Erden nicht entgehen zu lassen. Hartmut Wewetzer

DAS ENDE DER ERDE

Was darf's sein, ein Asteroidentreffer, ein Angriff von Außerirdischen oder die Gier eines Schwarzen Lochs? Zugegeben, die Wahrscheinlichkeiten für solche Arten des Untergangs sind wahnsinnig klein. Spaß macht es trotzdem, Philip Plaits Gedankenspielen zu folgen. Witzig und fachlich fundiert erläutert der Astronom, wie kosmische Phänomene zustande kommen und was sie für uns bedeuten können. Das erwartete Aufblähen der Sonne zum Roten Riesen zum Beispiel wird den Globus buchstäblich schmelzen lassen - aber erst in ungefähr zwölf Milliarden Jahren. Ein gewaltiger Gammastrahlenausbruch hingegen würde sofort „alle elektrischen Schaltkreise verbrutzeln“ und die schützende Ozonschicht zerstören – mit fatalen Folgen für alles Leben. Glücklicherweise wurde bisher kein Stern in unserer Nähe entdeckt, der demnächst zur Strahlenkanone wird. Abgesehen von teils ungelenken Übersetzungen eine amüsante und lehrreiche Lektüre. Ralf Nestler

GÖTTLICHE KNOTEN

Ende des 19. Jahrhunderts stellte der Physiker William Thomson ein neues Atommodell vor. Er betrachtete Atome als verwirbelte Fäden und meinte, die Struktur der Materie durch die Vielzahl ihrer Knoten erklären zu können. Fortan dachten Mathematiker über Knoten und ihre Kreuzungen nach. Mit Hilfe geometrischer Schnitte trennten sie unterschiedlichste Knoten auf und fügten die offenen Enden auf andere Weise wieder zusammen. Heute ist Thomsons Atommodell vergessen, nicht aber die Knotentheorie. Mit der Entdeckung der DNA gerieten verknäulte Erbgutfäden ins Blickfeld. Warum die DNA dennoch kopiert werden kann? Enzyme entwirren und entknoten die Erbgutstränge, so Mario Livio in seinem fesselnden Buch „Ist Gott ein Mathematiker?“ Diese Enzyme arbeiten genau nach dem Schema, das Mathematiker entworfen haben. Zufall? Es ist nur eines von vielen Beispielen für die verblüffende Erklärungsmacht der Mathematik. Staunen Sie mit! Thomas de Padova

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