Wissen : Büffeln für die Botschafterkarriere

Auswärtiges Amt und FU arbeiten zusammen, um Studierende auf den diplomatischen Dienst vorzubereiten

Oliver Trenkamp

Ein bisschen funktioniert das Auswärtige Amt wie die Feuerwehr. Wenn es irgendwo auf der Welt brennt, legen die Staatssekretäre, Diplomaten und Referenten richtig los. Wie neulich, Ende April, als in der Hauptstadt Togos das Goethe-Institut angezündet wurde. Da kamen die Afrikaexperten des Auswärtigen Amtes unter Leitung des Staatssekretärs Jürgen Chroburg in einem Krisenstab zusammen, analysierten die Lage und entschieden über Sofortmaßnahmen. In solchen Fällen muss das Amt zahlreiche Fragen beantworten – und das vor allem schnell. Muss die deutsche Botschaft evakuiert werden? Drohen weitere Konflikte? Wie kann Notleidenden vor Ort geholfen werden? Wieviel Geld kostet das? Für die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes bedeuten solche Krisen wenig Schlaf, viel Arbeit und höchste Konzentration. Falsche Entscheidungen können Menschenleben oder zumindest viel Geld kosten.

Doch Stress und Verantwortung schrecken viele Studierende nicht. Im Gegenteil. Während viele Kinder gerne einmal Feuerwehrmann werden wollen, steht bei zahlreichen FU-Studierenden der Diplomatische Dienst ganz weit oben auf der Karriere-Wunschliste. Die Hürden sind entsprechend hoch: Das Auswahlverfahren für den höheren Dienst ist eines der härtesten im Land.

Von den 2100 Bewerbern im letzten Jahr schafften es gerade einmal 35. Und die haben ihr Können in einem mehrstufigen Test bewiesen. Im schriftlichen Teil der Prüfung geht es um Allgemeinwissen, Politik, Geschichte, Wirtschaft und Kultur: Welche Ereignisse verbinden Sie mit dem „Deutschen Herbst“? Wo hat der Internationale Währungsfond (IWF) seinen Sitz? Wer führte Regie bei dem Film „Das Leben ist schön“?

Dazu kommen Sprachtests. Wer etwa eine schwierige Sprache spricht, wie Japanisch, Chinesisch oder Arabisch, hat gar keine schlechten Chancen. Es gibt psychologische Tests, Auswahlgespräche, Kurzreferate und Aufsätze, die die Prüflinge verfassen müssen. Die schriftlichen Prüfungen finden jedes Jahr in Berlin, Bonn und München zeitgleich statt, der mündliche Teil einige Wochen später in Bonn.

Bewerber müssen zunächst jedoch ihre Daten in ein Online-Formular auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes (AA) eintragen. Aber Vorsicht! Wer hier schummelt und zum Beispiel behauptet, er spreche fließend Aseri und Laotisch, der kann beim Test auf die Nase fallen. Von den 2100 Bewerbern wurden letztes Jahr nur 1400 zum schriftlichen Test eingeladen – der Rest erfüllte die formalen Anforderungen nicht. Beim mündlichen Teil trafen sich dann nur noch 120 wieder.

Um Studierende auf diesen Prüfungsmarathon vorzubereiten, arbeiten das AA und die Freie Universität (FU) seit einiger Zeit eng zusammen und richten Kurse ein. Im laufenden Semester besteht das Lehrangebot aus zwei Veranstaltungen: Einer Übung an der FU und einer Vorlesungsreihe in den Räumen des AA am Werderschen Markt in Mitte. Als Dozenten konnten hochrangige Diplomaten und Mitarbeiter gewonnen werden. Über die „Deutsche Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert“ beispielsweise spricht Bernd Mützelburg, der Außen- und Sicherheitspolitische Berater des Bundeskanzlers. Ein anderer Referent bereitet normalerweise die Auslandsreisen des Bundespräsidenten vor: Der Chef des Protokolls, Botschafter Frank von der Planitz, spricht über die Gepflogenheiten auf dem internationalen Parkett. In seiner Vorlesung geht es um das Thema: „Diplomatisches Protokoll“. Die „Perspektiven und Probleme der transatlantischen Partnerschaft“ werden von Staatssekretär Jürgen Chrobog beleuchtet. Staatssekretäre sind die ranghöchsten Beamten eines Ministeriums. Die Studierenden bekommen so Informationen aus erster Hand.

Zu eigentlich geplanten Auftritten der politischen Spitze des Auswärtigen Amtes kommt es dieses Semester wahrscheinlich nicht mehr. Außenminister Joschka Fischer und Staatsministerin Kerstin Müller mussten ihre Terminkalender wegen der möglichen Neuwahlen im Herbst umstellen.

Die bundesweit einzigartige Kooperation zwischen AA und FU wurde angestoßen vom Dekan des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft (OSI), Professor Thomas Risse, und der Koordinatorin für Internationale Dienste des OSI, Sachka Stefanova. „Die Studierenden werden durch den Kurs nicht nur fachlich optimal vorbereitet, sie machen auch schon erste Kontakte im Auswärtigen Amt“, erklärt Stefanova die Vorzüge der Kurse.

An den beiden Veranstaltungen teilnehmen dürfen angehende Juristen und Politikwissenschaftler, die mindestens das Grundstudium erfolgreich hinter sich gebracht haben. Ein kurzes Motivationsschreiben ist ebenfalls Voraussetzung. Stefanova: „Wir wollen nur Leute in den Kursen, die wirklich und glaubhaft Interesse an der Diplomatie und den Internationalen Beziehungen haben.“

Ulrike Graalfs, 24, hat es in den Kurs geschafft. Sie studiert Internationale Beziehungen und macht in einem Jahr ihren Master. Sie sieht den Kurs nicht so sehr als konkrete Vorbereitung auf den Dienst im AA. Vielmehr als Gelegenheit, das Berufsbild kennen zu lernen: „Ich finde es sehr spannend, wenn Menschen von ihrem Berufsleben als Diplomaten erzählen. Vor allem, wenn die Informationen aus erster Hand kommen“, sagt sie.

Am Ende des Semesters schreiben die Studierenden eine vierstündige Klausur. Sie besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil müssen zwei Essays geschrieben werden, dafür stehen vier Themen zu deutscher und internationaler Sicherheits- bzw. Außenpolitik zur Auswahl. Es folgt ein Essay zu einem gesellschaftspolitischen Thema. Die Essays sollen eine Länge von fünf bis sechs Seiten haben. Den Abschluss der Klausur bildet ein Wissenstest, dessen Fragen denen im Auswärtigen Amt sehr ähnlich sind. „Die Klausur ist eng an den Aufnahmetest angelehnt“, sagt Stefanova.

Apropos Fragen: Der „Deutsche Herbst“ bezieht sich auf den Terror der RAF im Jahr 1977, der IWF sitzt in Washington D.C. und der Regisseur von „Das Leben ist schön“ heißt Roberto Benigni. Wer so etwas weiß, der ist dem Diplomatischen Dienst schon ein Stück näher.

Weitere Informationen zu den Kursen gibt es bei der Koordinationsstelle Internationale Dienste, Sachka Stefanova, Ihnestraße 21, Raum 307, 14195 Berlin-Dahlem, Telefon: 838 55528, Mail: stefanov@zedat.

fu-berlin.de. Jedes Jahr nimmt das Auswärtige Amt Bewerbungen im Internet an, immer vom 1. Mai bis 20. Juni. Die Adresse: www.auswaertiges-amt.de

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