Bund hilft Charité : Musterehe unter Medizinern

Die Berliner Fusion soll bundesweit vorbildlich sein. Doch es gibt Bedenken

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Laborversuch. Kanzlerin Merkel und Wissenschaftsministerin Schavan besuchten Mitte September das Max-Delbrück-Centrum. Foto: dpa
Laborversuch. Kanzlerin Merkel und Wissenschaftsministerin Schavan besuchten Mitte September das Max-Delbrück-Centrum. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Der Bund hilft der Charité, indem er sie mit seinem außeruniversitären Max-Delbrück-Centrum (MDC) zusammenschmiedet – diese Ankündigung von Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) im Tagesspiegel vom Dienstag spaltet das Publikum. Während aus der Opposition im Bundestag Kritik erklingt, sind die Berliner Wissenschaftsmanager und Politiker zufrieden.

„Die Berliner Wissenschaft und Frau Schavan sind zu beglückwünschen“, sagt Charité-Chef Karl Max Einhäupl auf Anfrage begeistert. MDC-Vorstand Walter Rosenthal freut sich auf neue Möglichkeiten in der Forschung. Die Wissenschaftler vom MDC kommen über die Charité „enger ans Krankenbett“. Das bereits exzellente MDC werde eine noch größere internationale „Sichtbarkeit“ erlangen. Beide Einrichtungen würden jedoch ihre „Identität“ behalten. Sie wollten nicht miteinander verschmelzen, sondern unter ein Dach gehen, sagte Rosenthal. 

Jan-Hendrik Olbertz, der Präsident der Humboldt-Universität, sieht mit der Stärkung des MDC und der Charité auch die Lebenswissenschaften der Humboldt-Universität gestärkt. Das Integrative Forschungsinstitut für die Life sciences, das HU, MDC und Charité gemeinsam aufbauen wollen, ist ein Teil des Zukunftskonzepts, mit dem sich die Uni derzeit um den Elitestatus bewirbt.

Dass der Regierende Bürgermeister, der Finanzsenator und der Wissenschaftssenator neues Geld vom Bund begrüßen, haben sie bereits vor Monaten gesagt. Seit Februar ist bekannt, dass Bund und Land im Gespräch sind.

Empört reagiert Krista Sager, die Wissenschaftsexpertin der Grünen im Bundestag: „Schavan verfährt nach Gutsherrinnenart. Sie entscheidet willkürlich, ohne Spielregeln, ohne wissenschaftliche Begutachtung.“ Sager befürchtet, dass Schavan das gesamte System der deutschen Wissenschaft ins Rutschen bringt: „Sie schafft ein richtig schönes Chaos.“ Die großen Wissenschaftsorganisationen und die Universitätslandschaft würden davon letztlich beschädigt: „Schavan gibt 15 Einrichtungen Geld vom Bund, und dann ist es alle.“ Nötig sei aber ein Gesamtkonzept für die Wissenschaft, das „einheitlichen, wissenschaftsgeleiteten Kriterien“ folge. Auch Ernst Dieter Rossmann, Wissenschaftsexperte der SPD, fordert „ein Gesamtkonzept statt Einzelvorstöße“ von Schavan.

Tatsächlich sieht Schavan selbst in ihrem Vorstoß aber weit mehr als ein lokales Projekt. Die Ehe zwischen der Charité und dem Max-Delbrück-Centrum in Berlin-Buch wird auf der großen bundespolitischen Bühne geschlossen. Es geht um nichts Geringeres als um ein Modell für die zukünftige Finanzierung der Wissenschaft durch Bund und Länder, um ein „Pilotprojekt“, wie Schavan formuliert hat.

Denn den ausgetrockneten Länderhaushalten fehlt zunehmend das Geld, um wettbewerbsfähige Universitäten zu unterhalten, besonders nach 2017. Denn dann läuft der Exzellenzwettbewerb aus, Bundesmillionen versiegen. Wie es dann mit den deutschen Universitäten weitergeht, ist ein Thema, das den Politikern Kopfzerbrechen bereitet. Der Wissenschaftsrat soll Anfang 2013 eine Empfehlung vorlegen. Schavan sieht in ihrem Plan eine Lösung aus der Klemme, die auch auf andere Länder übertragbar ist: Berlin bekommt nur dann Mittel für die Charité vom Bund, wenn es sich verpflichtet, die Erfolge aus der Exzellenzinitiative mit eigenem Geld zu verstetigen.

Da die Verfassung dem Bund zwar erlaubt, Forschungsprojekte an Universitäten zu finanzieren, nicht aber ganze Einrichtungen zu fördern, wählt Schavan einen Umweg: Sie schließt Ehen zwischen Unis (die Charité ist die medizinische Fakultät von FU und HU) und jenen außeruniversitären Einrichtungen, die zu 90 Prozent vom Bund gefördert werden: den Instituten der Helmholtz-Gemeinschaft, zu der auch das MDC gehört. Vorbild ist das Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Im im Exzellenzwettbewerb fsuionierte die TH Karlsruhe 2006 mit dem Karlsruher Forschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft – wobei die Mittel von Bund und Ländern wegen der Verfassung getrennt bleiben müssen. Sollte es in der nächsten Legislaturperiode doch zu einer Verfassungsänderung kommen, könnten Wackelkonstruktionen und Umwege wie in Karlsruhe und in  Berlin zugunsten stabilerer Lösungen aufgegeben werden, drei bis sieben „Bundesunis“ wären denkbar.

Dass Schavan Fakten schafft, bevor der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen zur Gestaltung der Wissenschaftslandschaft vorgelegt hat, hält Krista Sager für „einen völligen Affront“. Sie geht davon aus, dass Wolfgang Marquardt, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, verstimmt ist. Tatsächlich hatte Marquardt im Sommer mit Blick auf die Charité öffentlich gewarnt: „Man muss sich davor hüten, eine Spezialkonstruktion nach der anderen zu schaffen, die nur Frustrationen erzeugt.“ Zunächst müsse es ein von Bund und Ländern akzeptiertes Konzept geben. Marquardt sagte auch: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frau Schavan einen solchen Schnellschuss machen will, der aus Sicht des gesamten Wissenschaftssystems mehr Schaden als Nutzen bringen könnte.“ Ob Marquardt so auch über die sich jetzt anbahnende Lösung denkt, war am Dienstag nicht zu erfahren, er war für den Tagesspiegel nicht zu erreichen.

Thomas May, der Generalsekretär des Wissenschaftsrats, erklärte, die Forschungsfusion von Charité und MDC sei „ein spektakulärer Coup“, aber ein „Spezialfall“, der die Empfehlung des Wissenschaftsrats nicht überflüssig mache: „Ich bin da entspannt“.

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